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Düsseldorf
Vom Büdchen in die "Tagesschau"

Düsseldorf. Nachrichtensprecherin Linda Zervakis las aus ihrer Autobiografie. Von Thomas Hag

In letzter Zeit lernt man einiges über billigen Weinbrand, wenn man Bücher liest. Bei Heinz Strunk trinken die Gäste der Kiez-Kneipe Zum Goldenen Handschuh "Hohe Klasse", in dem Kiosk ihrer griechischen Eltern, in dem Linda Zervakis in ihrer Kindheit arbeitete, heißt der Fusel, den die Kunden auch schon mal zum Frühstück kaufen, "Springer Urvater". Tolle Namen für dubiose Getränke. Dass beide Autoren aus Hamburg-Harburg stammen, mag Zufall sein, aber Zervakis' Erinnerungen "Königin der bunten Tüte" richtet ebenso wie Strunks Bestseller den Blick auf die Unterseite des Lebens, wo die Leute komisch riechen und entsprechende Spitznamen wie "Stinker" tragen.

Aber Zervakis' Blick ist ungleich liebevoller, die Erinnerungen, die sie ohne Ghostwriter geschrieben hat, sind vor allem eine Kulturgeschichte von griechischen Einwanderern, vom Zurechtfinden und Aufwachsen in einer ursprünglich fremden Kultur. Immerhin haben die Familien mit "griechischem Migrationshintergrund" den Inhalt ihrer Taschen mitsamt Knoblauch in "Schrankwände mit Eichenfurnier" gepackt.

Ist Zervakis schon als Sprecherin ein Talent, so ist sie es als Vorleserin allemal. Und da die Büdchen-Dichte in Hamburg in manchen Gegenden der im Rheinland sehr nahe komme, fühle sie sich auch am rechten Platz, sagt sie im ausverkauften Zakk. Auch weil sie sowohl Hamburger als auch griechischen Dialekt ganz natürlich draufhat, hat sie ihr Publikum im Griff, das irgendwann unter den Sitz greifen darf und dort eine Mini-Flasche Ouzo findet, auch etwas, das im Kiosk verkauft wurde, neben den "bunten Tüten", deren süße Mischungen sie bei den Schulkameraden so beliebt machte. Das erwärmt natürlich umso mehr für die Autorin, die dann gleich selbst einen beherzten Schluck nimmt. Das hätte man einer "Tagessschau"-Sprecherin nicht zugetraut, das mit dem Ouzo, und schon gar nicht ihr Urteil über den Blick in den Spiegel als pubertäres Gör. "Ich sah scheiße aus."

Forsch führt sie die dicken Haare, die knollige Nase, die Hautunreinheiten und die Zahnspange als Beweise an. Kultureller Verweis: In Griechenland sei die eindrucksvolle Maria-Callas-Nase mittlerweile out, später wollten sich alle eine Stupsnase wie Nicole Kidman operieren lassen. Solche Äußerungen sind natürlich nichts für die "Tagesschau", wo sie zu äußerster Neutralität verpflichtet ist. Aber die Nachrichten und Meinungen aus und über Griechenland haben sie schon teilweise still den Kopf schütteln lassen, sagt sie. Denn auch wenn sie in Deutschland geboren sei, käme alles sofort wieder, wenn sie in der Heimat aus dem Flieger steige: "die Gerüche, die Luft, die Farben, alles ist anders."

Zu den stärksten Passagen im Buch zählt ihre Beschreibung von der Autofahrt zu den griechischen Verwandten über den berüchtigten "Autoput", das kroatische Wort für Autobahn, mit den ausgebrannten Wracks am Straßenrand und der korrupten Polizei. Ein weiteres Faszinosum sind die Beschreibungen der Besuche bei Hamburger Klassenkameraden, wo "das hässliche Entlein" erst einmal geblendet ist vom Silberbesteck und den feinen Manieren. Das alles ist heute wohl anders, und so liest man Zervakis' Anekdoten auch mit dem behaglichen Gefühl, hier einer Story beizuwohnen, die ihre Protagonistin sozusagen bildlich vom Tellerwäscher zum Millionär führt. "Letzte Ausfahrt: Quakenbrück" heißt es anfänglich für die "verlorene Generation", die als Wirtschaftsflüchtlinge in die Autofabriken ziehen mussten. Heute, verrät Linda Zervakis, "platzt meine Mutter vor Stolz, dass ich bei der Tagesschau gelandet bin."

Quelle: RP
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