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Düsseldorf
Vom Hinterhof in die Boxhalle

Düsseldorf: Vom Hinterhof in die Boxhalle
Der Auftakt zur Lesereihe musste aus dem Hinterhof in das anliegende Trainingszentrum verlegt werden. Gut 100 Gäste kamen, die Hinterhoflesungen erfreuen sich in Düsseldorf großer Beliebtheit. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Drei Autoren kamen zum Auftakt der Hinterhoflesungen. Nur eines störte bei der beliebten Open-Air-Reihe: der Regen. Von Regina Goldlücke

Der für die erste sommerliche Autoren-Lesung vorgesehene Hinterhof an der Sonnenstraße bleibt leer an diesem Abend. Es regnet unablässig. Also schnell hinein ins Trainingscenter Wing Tsun in Oberbilk. Die aufgestellten Bierbänke - aus dem Zakk herbeigeschafft - sind mit Decken gepolstert. Darauf nehmen die meisten der rund 100 Zuhörer Platz. Andere lassen sich auf Bodenmatten nieder oder lehnen sich an die rauen Wände. "Der freie Himmel ist uns heute nicht vergönnt", begrüßt Moderatorin Pamela Granderath das überwiegend junge Publikum.

Am ausgeleuchteten Tisch, umrahmt von zwei sachte pendelnden schwarzen Boxsäcken, nimmt als erster Autor Hamza Haj Mustafas Platz. Der 18-Jährige flüchtete 2014 ganz allein aus seiner syrischen Heimat, wo seine Familie weiterhin lebt. In Düsseldorf geht er zur Schule und lernte mit beeindruckender Schnelligkeit Deutsch. So perfekt, dass er wortgewaltige Texte für Poetry Slams verfassen kann. In seinen drei Beiträgen thematisiert Hamza Haj Mustafa die Erinnerung an seinen Bruder, seine Mutter, seine Flucht und die anfängliche Orientierungslosigkeit: "Ich bin hier, ich bin da, ich bin davor, ich bin dahinter." Er sagt, es gehe ihm gut. Aber die Sehnsucht nach zu Hause bleibt: "Ich bin aus meinem Herzen geflüchtet", schreibt er. Das sind anrührende, eindringliche Momente. Mit warmem Applaus wird er verabschiedet.

Emotionale Kehrtwende beim zweiten Autor: Sebastian Lehmann bringt die Zuhörer zum Lachen. "Wie alle echten Berliner komme ich aus Süddeutschland", stellt er sich vor. Seine erheiternden Kurzgeschichten, nachzulesen im Buch "Ich war jung und hatte das Geld", handeln von bizarren Telefonaten mit den Eltern in Freiburg (Mutter wundert sich über die "Drops-Box" auf ihrem PC) und seinen Streifzügen durch längst abgehakte "Jugendkulturen". Die Kapitel heißen "Wie ich einmal Skater war", "Wie ich einmal Gangstarapper war", "Wie ich einmal Kampfsportler war" und so weiter. Köstlich auch "Wie ich einmal Existenzialist war": Mit der vom Opa geklauten Hornbrille, Rotwein und schwarzem Rollkragenpulli versucht er wie seine französischen Idole die Kippe lässig im Mund zu halten und dabei zu reden. Was natürlich misslingt: "Entweder fällt sie raus oder der Rauch steigt mir in die Augen, dass ich weinen muss." Sebastian Lehmann erzählt von Freunden, deren Kinder "Marlene" und "Dietrich" heißen. Und von den Themen beim Essen, die immer langweiliger werden: "Wo wird das enden", grübelt er, "wir sind doch gerade erst 30." Bei seinen treffsicheren Schilderungen gluckst es unentwegt im Publikum.

Und draußen tröpfelt immer noch der Regen. Trotzdem drängen viele in der Pause an die frische Luft. Gegenüber ragen sechsstöckige Häuser mit hübsch geschwungenen Balkonen auf. Einige Fahrräder stehen auf dem ansonsten vereinsamten Hof. Es gibt drei markierte Parkplätze, zwei für "Firma Bömke", einen für "Herr Störzer" - so weist ein Schild es aus.

Dann schlüpfen alle wieder unters Dach. Pamela Granderoth führt die Autorin Elisabeth Raether ein. Auch sie lebt in Berlin, auch sie kommt ursprünglich aus Süddeutschland. Bekannt wurde sie durch ihre Kolumnen in "Zeit" und "Zeit online", woraus sie überwiegend liest. Ein Schwerpunkt ist darin immer wieder der Alkohol, dessen Wonnen sie verteidigt: "Er hat einen positiven Effekt auf die Psyche und das Sozialverhalten." Im Moment übt sie sich im Verzicht, sie ist schwanger. Elisabeth Raether, noch keine 40, erzählt, sie habe sich "aus dem Sinusmilieu der jungen Frau verabschiedet" und den Kampf gegen die Schwerkraft aufgenommen. Eine Mühsal, "denn sobald man Botox in die Stirn gespritzt hat, machen die Oberarme schlapp". Also lässt sie es sein und kommt zu dem Schluss: "Ist es nicht herrlich, dass die Zeit voranschreitet und ich dabei sein darf? Darauf trinke ich einen."

Quelle: RP
 
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