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Düsseldorf
Vor dem "Otello" betet sie

Düsseldorf. Die Sopranistin Jacquelyn Wagner ist in der Inszenierung von Michael Thalheimer zu sehen. Die 35-jährige US-Amerikanerin ist weltweit gefragt. Bald ist sie in Paris und Mailand zu Gast, zurzeit aber an der Rheinoper. Von Regina Goldlücke

Den Jubel nach der "Otello"-Premiere hat sie noch im Ohr. "Es ist wunderbar, nach einer intensiven Probenzeit vor einem vollbesetzten Opernhaus zu stehen und zu spüren, dass man das Publikum berührt hat", sagt Jacquelyn Wagner. Es war ihr Rollendebüt als Desdemona, und sie war grandios. Auch einige Vorstellungen später ist das Hochgefühl nicht verflogen. Sie selbst erlebe bei ihrer bewegenden Arie im letzten Akt der Verdi-Oper jedes Mal magische Momente: "Da ist Desdemona ganz pur, ganz nackt. Warum Otello sie zurückweist und so schlecht behandelt, versteht sie nicht. Sie hat nur ihr Herz und legt es ihm zu Füßen." Es sei eine Ehre für sie, diese Partie zu singen, betont die Sopranistin. "Am Anfang war mir nicht klar, welche Beziehung ich zu dieser Frau entwickeln würde. Aber ich habe sie sofort geliebt. Sie ist etwas ganz Besonderes. Und gern würde ich noch mehr Erfahrungen mit ihr machen."

Vielleicht ergeht es ihr mit Desdemona eines Tages wie mit Arabella. Die Titelheldin der Oper von Richard Strauss hat sie als hochgeschätzter Gast an der Rheinoper seit der Premiere 2015 häufig gesungen. Wie schon davor in Minnesota und in Amsterdam. "Jacquelyn Wagner is the must-have Arabella of the moment", begeisterte sich die Fachzeitschrift "Opera today". Ein Lob, das sie bisher noch gar nicht kannte. "Wirklich?", fragt sie. "Wenn ich die Arabella singe, ist das ein bisschen wie nach Hause zu kommen", sagt sie. "Ich kenne die Figur genau und weiß um ihre Emotionen." Wie stark sie mit ihren Rollen verschmilzt, konnten die Düsseldorfer zuerst in "Cosi fan tutte" erleben. Als Fiordiligi wird die US-Amerikanerin im Mai 2017 auch an der Pariser Oper zu hören sein. Noch treuer blieb sie ihrer Contessa in "Figaros Hochzeit", mit der sie das Publikum an der Volksoper Wien, in Frankfurt, Japan, Basel, Wiesbaden und der Deutschen Oper Berlin begeisterte. Bestimmt kein Zufall, dass beide Werke von Mozart sind. "Er tut meiner Stimme gut", erklärt sie. "Seine Arien liegen nah am Belcanto. Man kann sich nicht verstecken wie sonst manchmal in einem großen Orchester. Wenn du hier einen Fehler machst, dann hört das jeder. Also muss ich mich viel mehr auf die Technik konzentrieren. Dazu braucht es eine perfekt geölte Stimme."

Jacquelyn Wagner redet schnell und lebhaft, ihr Deutsch ist nahezu fehlerfrei. Sie hat es in Berlin gelernt. Ein Fulbright-Stipendium brachte sie 2005 an die Deutsche Oper, danach behielt man sie gleich da. Berlin wurde ihr zur künstlerischen und privaten Heimat. Dort lebt sie mit ihrem Mann, dem früheren Solo-Trompeter und jetzigen Dirigenten Martin Baeza-Rubio. Zwischen den Düsseldorfer "Otello"-Aufführungen besuchte sie ihn bei einem Engagement in Göttingen. Dann jettete das Paar kurz nach Spanien zu seiner Familie. "Wir reisen wahnsinnig viel, damit wir überhaupt zusammen sind", sagt die 35-Jährige. Nur nach Michigan, zu ihren Eltern und den vier Geschwistern, schafft sie es nicht mehr so oft. Die Wagners haben deutsche Wurzeln, es gab auch mal ein Verwandtentreffen in Ellringhausen. Dass sie Sängerin werden wollte, wusste Jacquelyn schon als Kind im Kirchenchor. Leider fehle der klassischen Musik in Amerika die Tradition, bedauert sie. "Die Situation in New York oder Chicago lässt sich nicht auf andere Städte übertragen. Meine Freundinnen drüben gehen gar nicht in die Oper."

2017 wird die Sopranistin den Olymp erklimmen und an der Mailänder Scala die Eva in "Die Meistersinger von Nürnberg" geben. Wie sehr mögen die Italiener Wagners Musik? "Keine Ahnung", sagt sie und lacht. "Ich werde es herausfinden." Auf Deutsch singe sie gern, "weil ich die Sprache beherrsche und die Gefühle besser verstehe." Deshalb freut sie sich in der nächsten Saison auf ihre Rückkehr nach Düsseldorf: als Marschallin in der Wiederaufnahme des "Rosenkavaliers". Wo immer Jaquelyn Wagner auf der Bühne steht und was immer sie singt: Ein Ritual vergisst sie nie. "Vor jedem Auftritt bete ich. Gott hat mir diese Stimme gegeben, die ich für alles benötige, was ich tue. Und noch etwas - um mich vom Lampenfieber abzulenken, mache ich Witzchen und suche mir jemanden, mit dem ich lachen kann."

Quelle: RP
 
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