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Düsseldorf
Was von Jethro Tull übrig blieb

Düsseldorf. Ian Anderson spielt in Düsseldorf seine "Rock-Oper", die größtenteils ein trauriges Multimedia-Spektakel ist. Von Lothar Schröder

Am Ende des Abends dämmert es einem, dass es vielleicht doch ein richtiges Rockkonzert hätte werden können. So mit Live-Musik und auch ein bisschen Spielfreude, mit den alten und so oft schon gehörten Songs auf der Bühne zu experimentieren. Doch bis zu dieser Ahnung sind auch schon wieder eineinhalb Stunden Lebenszeit verstrichen und das Pausenbier längst konsumiert. Ausgerechnet der Gassenhauer ist es dann, der uns das späte kleine Jethro-Tull-Glück beschert: mit "Locomotive Breath" also, das wieder etwas Leben in die bestenfalls achtsam gefüllte Mitsubishi-Electric-Halle bringt. Der kraftvolle Dialog von Querflöte und E-Gitarre - nach dem zarten Piano-Intro - ist gerade kantig genug, um immer wieder Überraschendes zu gebären. "Locomotive Breath" (jetzt auch schon 45 Jahre alt) vitalisiert für einige Augenblicke auch die Musiker, die bis dahin Begleitpersonal der Ian-Anderson-Show waren. Und die ist es leider ganz und gar, nachdem die Band sich 2014 aufgelöst und ihr Chef beschlossen hat, sein eigenes Ding zu machen. Und das ist - ach ja: "The Rock Opera".

Anderson spürt darin dem Namensgeber nach, der eben Jethro Tull hieß, größtenteils im 18. Jahrhundert lebte und so was wie einen Pionier der Agrarwissenschaften darstellt. Das aber reicht noch nicht, und so sehen wir in einer permanenten Videoshow, wie das hohe Lied auf ehrliche Landarbeit gesungen wird, gepaart mit kitschig-unbedarfter Kritik an Gentechnik, Klimawandel und Technikdominanz.

Das alles ließe sich ja noch ertragen. Wirklich schlimm ist, dass die meisten Tull-Lieder - darunter so schöne wie "Aqualung", "Songs From the Wood", "Living in the Past" und "Jack in the Green" - auch aus dem Video heraus gesungen werden; von der Isländerin Unnur Birna und dem Schauspieler Ryan O'Donnell. Ian Anderson also ist meist nur mit ein paar Takten zu hören, was einerseits gut ist (da er seit etlichen Jahren erhebliche Stimmprobleme hat und im Grunde wie Bob Dylan krächzt); andererseits aber auch eine Mogelpackung darstellt. Gesang vom Video mit pseudopädagogischen Heimatfilmen ist - trotz Livemusik - nicht das, was man ein Konzert nennen sollte. Mit multimedialem Großaufwand wird dabei Zivilisationskritik unters Volk gebracht. Glaubwürdig ist das alles irgendwie nicht.

Mit viel gutem Willen versucht der Anderson der Gegenwart an den Anderson der Vergangenheit zu erinnern. Das waren vor allem die 1970er Jahre, als der, der die Querflöte als spannendes Instrument der Rockmusik einführte, sich noch wie ein Derwisch auf der Bühne gebärdete. Daraus ist inzwischen ein arg bemühter Vorturner geworden. Sein virtuoses Spiel auf einem Bein verharrt in der - orthopädisch sicherlich gebotenen - Geste des leicht angewinkelten Spielbeins. Mehr als eine klitzekleine Reminiszenz kommt dabei nicht heraus.

Wer diesen Düsseldorfer RockOper-Abend sortieren möchte, wird den ersten Konzertteil als indiskutabel bezeichnen müssen. Und irgendwie passt es dazu, wenn Anderson 15 Minuten Pause ankündigt und darauf hinweist, dass es im Vorraum T-Shirts zu kaufen gäbe. Ziemlich traurig ist das, genauer: Es ist traurige Realität. Nach der Pause hat man sich mit vielem bereits abgefunden und verfällt in die Haltung der Dankbarkeit. Schließlich Feierabend. Enden wollender Applaus. Wünsche nach Zugabe werden nicht verlautet.

Beim Rausschlurfen dann die Überlegung, daheim vielleicht noch "Sweet Dreams" aufzulegen oder auch "Thick As A Brick" in voller Länge. Zwischen diesen Überlegungen aber platzt die Frage aus den spärlichen Reihen der U-20-Besucher: War das nun ein echtes Rockkonzert oder ein Gartenpraktikum? Schwer zu sagen. Ganz schwer. Schweigende Rückfahrt in der U 74 unter sehr vielen anderen Nachdenklichen.

Quelle: RP
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