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Düsseldorf
Wenn Kunst auf Wirklichkeit trifft

Düsseldorf. Der Chinese Song Dong hat die Kunsthalle mit Installationen seines Lebens beliefert. Es sind Botschaften aus einer nicht so fernen Welt. Von Annette Bosetti

Irgendwann hat der chinesische Maler Song Dong aufgehört zu malen. 1989 war das. Nach der gewaltsamen Unterdrückung des Volksaufstandes am "Platz des Himmlischen Friedens". Er hatte soeben sein Kunststudium beendet. Fortan machte er andere Kunst, konzeptionelle Arbeiten, Aktionen, Videos. 1996 legte er sich an einem eiskalten Silvesterabend 40 Minuten lang mit dem Gesicht zum Boden gerichtet auf diesen Platz. Sein warmer Atem zeichnete eine dünne Eisschicht auf den kalten Asphalt. Polizisten beobachteten ihn dabei argwöhnisch, seine Frau fotografierte die Aktion. Als Aktion eines Verrückten, der offiziell als Lehrer arbeitete, ließ die Staatsmacht das Treiben durchgehen. Am nächsten Tag war die Atemzeichung verschwunden.

Zeugnisse dieser Aktion sind zwei farbige Fotoarbeiten ("Breathing") in der Kunsthalle. Mehr ist davon ja auch nicht mehr da. Der Chinese Song Dong hat die drei Etagen am Grabbeplatz so aufgeladen und individuell besetzt, dass es niemanden kaltlässt. Sein Leben ist Kunst, und Kunst ist sein Leben. Nicht als Worthülse ist das gedacht, sondern als allumfassendes Konzept. Basierend auf biografischen Ereignissen thematisiert der Künstler, wie sich kulturelle und geschichtliche Ereignisse sowie wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen konstitutiv und emotional auf das Leben der Menschen auswirken.

Schon von Ferne fallen die vielen Polizisten auf, die sich hinter den Eingangsfenstern der Kunsthalle etwas bedrohlich aufgebaut haben. Furchtbar realistisch wirken die mannshohen Figuren, auch am Treppenaufgang halten sie Wache. Und sie sehen alle gleich aus, tragen das Gesicht des Künstlers. Hierzu gibt es eine andere Geschichte: Als der junge Künstler mit frisch erworbenem Führerschein auf der Autobahn fuhr, bekam er einen Heidenschreck, obwohl er gar nichts falsch gemacht hatte. Nur weil in der Ferne ein Polizist auftauchte. Und obwohl dieser, wie sich herausstellte, aus Pappe war. Solche Polizisten, die für unausgesprochene, tiefsitzende Regelwerke und Ängste im Individuum stehen, wollte sich der Künstler selbst austreiben. Dazu schuf er die "Policemen" im Jahr 2000 aus verschiedenen Materialien. Und stellt sie auch in Düsseldorf wie Wachleute auf. Nicht, wie man meinen könnte, als Vertreter der chinesischen Staatsmacht, sondern als Selbstporträts, als Alter Ego. Befreiend wäre es, das sagt der Künstler, wenn man solche Polizisten aus sich herauslösen könnte. Er versucht es.

Angesichts der zwielichtigen Polizei-Armee möchte man gerne wissen, wie frei sich der international anerkannte Künstler in seiner Heimat fühlt. Seine Antwort fällt diplomatisch aus: "Auf der ganzen Welt ist Freiheit etwas Relatives", sagt er. Kunsthallenchef Gregor Jansen, der die chinesischen Verhältnisse gut kennt und die Schau mitkuratiert hat, bemerkt: "Wahrscheinlich ist der Polizist in Song Dong doch noch nicht ganz heraus!" Eher politisch unverfänglich wirkt dagegen die geordnete Wandarbeit "Stumping the water". Gereihte Farbfotografien zeigen den Künstler stehend in einem Fluss in Lhasa. Mit der Konzentration des Mandala legenden Mönches schiebt er einen Holzstempel ins Wasser. Davon bleiben keine Spuren, nur gedankliche. Song Dong drückt dem Wasser im übertragenen Sinne seinen Stempel auf. Dieses trägt die Schriftzeichen des philosophischen Begriffes für Wasser. Dada ist nicht fern.

Songs Erzählkraft findet in vielen überraschenden und überzeugenden Formaten Ausdruck, am stärksten sicherlich in der riesengroßen Raumarbeit "Waste Not - wu jin qi yong". Auslöser dafür war der Tod des Vaters. Seine Frau fiel in Depression. Warum nicht Trauerarbeit leisten? Er überzeugte die Mutter, das Ergebnis ihrer Lebenssammelwut herzugeben, um es zu Erinnerungsspeichern umzufunktionieren. Mehr als 10.000 Dinge des Lebens waren es, ausgedrückte Zahnpastatuben, gefaltete Tüten, abgelegte Kleider, ausgetretene Schuhe. Arme Menschen wie seine Mutter hatten alles gesammelt. Und alle Menschen hatten im Zeichen der kulturrevolutionären Verordnungen fast das Gleiche gesammelt. So entstand, als die Mutter zustimmte ("Wenn er das ausstellt, dann wird mein Sohn berühmt!"), eine allgemeingültige, für die Familie indes befreiende soziale Skulptur.

Man möchte noch viel mehr erzählen. Aber besser ist, hinzugehen zur Kunst und sich Song Dongs Geschichten des Lebens anzusehen.

Quelle: RP
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