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Düsseldorf
Wie ein Kunstsammler den Nazis trotzte

Düsseldorf. Klee, Marc, Nolde und viele andere - eine Ausstellung zu expressionistischer Grafik aus der Sammlung Hans Lühdorf konfrontiert den Besucher im Museum Kunstpalast auch mit einem ebenso kunstsinnigen wie aufrechten Stifter. Von Barbara Steingiesser

Man kann es einen Glücksfall nennen. Der Kunsthistoriker Günther Rehbein sprach 1964 vom "fürstlichen Geschenk eines Bürgers", als der Düsseldorfer Landgerichtsrat Hans Lühdorf (1910-1983) 70 hochkarätige Grafiken des Expressionismus dem Kunstmuseum Düsseldorf (heute Museum Kunstpalast) übereignete. Diese 70 Holzschnitte, Radierungen, Lithografien und Aquarelle sind nun nach über einem halben Jahrhundert erstmals wieder zusammen in einer beeindruckenden Ausstellung im Ehrenhof zu sehen.

Franz Marcs schwungvoller Holzschnitt "Reitschule nach Ridinger", der einst Alexej von Jawlensky gehört hatte, und das große Blatt "Zwei Ruhende" von Erich Heckel, ebenfalls ein Holzschnitt, aber zusätzlich aquarelliert: Das sind nur zwei Juwelen aus diesem reichen Schatz. "Klee, Marc, Nolde ... Expressionistische Grafik aus der Sammlung Dr. Hans Lühdorf" - die drei Pünktchen im Titel stehen für 16 weitere Künstler, darunter so bedeutende Meister wie Max Beckmann, Otto Dix, Lyonel Feininger, Erich Heckel, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka, Otto Mueller, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff.

Wenn jemandem jedoch der Name des Sammlers nicht bekannt sein sollte, dann hat das seinen Grund: Hans Lühdorf bestand zeitlebens darauf, als Mäzen anonym zu bleiben. Nicht nur die Großzügigkeit des Stifters ist bemerkenswert, sondern auch die Geschichte seiner Sammlung. Als Lühdorf 1937 als junger Mann die Ausstellung "Entartete Kunst" besuchte, passierte das, was nach dem Willen der Nationalsozialisten auf keinen Fall passieren durfte: Er entdeckte seine Liebe zu dieser Kunst und beschloss spontan, sie durch den Aufbau einer Sammlung für die Nachwelt zu retten.

Dabei war das wenige Geld, das ihm damals als Rechtsreferendar zur Verfügung stand, nicht einmal das größte Problem. Es war auch schwierig, diese Kunst oder auch nur Publikationen über sie zu erwerben, ohne sich verdächtig zu machen. Lühdorf schöpfte Vertrauen zu Günther Rehbein, der damals als Volontär am Kunstmuseum Düsseldorf arbeitete, und knüpfte Kontakte zu Sammlern, zu Galeristen und schließlich zu Künstlern wie Heckel, Jawlensky, Nolde oder Schmidt-Rottluff.

Von Anfang an stimmte Lühdorf seine Erwerbungen mit dem Museum ab, um sicher zu sein, dass es später bei einem Kauf oder einer Schenkung keine Dubletten erhielt, sondern durchweg Blätter, die den Bestand sinnvoll ergänzten. Ein schönes Beispiel ist die Lithografie "Liebespaar" (Umarmung) von Carl Hofer aus dem Jahr 1923, die 1931 Jahresgabe gewesen war. Wie insgesamt etwa 500 Blätter der grafischen Sammlung war auch dieses Blatt von den Nationalsozialisten als "entartet" aus der Sammlung entfernt worden.

Hans Lühdorf gelang es zwischen 1939 und 1945, ein Exemplar zu kaufen, so dass das Museum es im Jahr 1949 aus dessen Sammlung erwerben und die Lücke wieder schließen konnte. "Dank der 70 Werke aus der Schenkung von 1964 und 80 zusätzlich angekaufter Arbeiten aus der Sammlung Lühdorf ist die expressionistische Grafik heute wieder ein Hauptzweig der Grafischen Sammlung des Museums", so Gunda Luyken, Leiterin der Grafischen Sammlung und Kuratorin der Ausstellung.

Das runde Jubiläum der Schenkung im vergangenen Jahr hat das Museum zum Anlass genommen, die Provenienz der Blätter zu erforschen. Die Ergebnisse wurden in einem umfangreichen Katalog veröffentlicht. Das hätte dem Stifter gefallen, denn eine der beiden Bedingungen, die er 1964 mit der Schenkung verknüpfte, war das Erscheinen einer Dokumentation. Nur an die Wahrung seiner Anonymität hat man sich nach einem halben Jahrhundert nicht mehr gehalten. So bekommt der Glücksbringer der Grafischen Sammlung endlich einen Namen - Hans Lühdorf.

Quelle: RP
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