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Düsseldorf
Wie ein Lebensgefühl zur Musik wurde

Düsseldorf: Wie ein Lebensgefühl zur Musik wurde
DAF-Sänger Gabi Delgado in einer Filmszene aus "Keine Atempause - Düsseldorf, der Ratinger Hof und die neue Musik". FOTO: WDR
Düsseldorf. Eine neue WDR-Dokumentation widmet sich der legendären Musik- und Kunst-Szene der Altstadt-Kneipe Ratinger Hof. Von Regine Müller

Das Schöne an Legenden ist, dass sie immer weiter wachsen. Und selbst von Zeitzeugen immer wieder neu gesehen, gedeutet und verklärt werden. Ein erstklassiges Beispiel für eine Legende, deren ursprünglicher Schmuddel-Ruhm längst ins Mythische ragt, ist der Ratinger Hof. Jene raue Kneipe in der Düsseldorfer Altstadt, die man zu ihrer besten Zeit nur "Hof" nannte. Wo sich damals die Szenen vermischten, wo Künstler auf Musiker und auf notorische Kneipenrumhänger trafen, die Musiker werden wollten. Wo der deutsche Punk erfunden und gefördert wurde. Wo Künstler, Musiker und eine sich wild fühlende Intelligenzia zusammen Pogo tanzten und einen rebellischen Lebensstil feierten, der in dieser Konzentration nur dort zu finden war.

Der "Hof" ist in den vergangenen Jahren öfters zum Thema von Bildbänden oder Dokumentationen geworden - wie in Rüdiger Eschs Würdigung "Electric City. Elektronische Musik aus Düsseldorf", die den Hof und seine Musik einbettet in die bemerkenswerte jüngere Musikgeschichte der Landeshauptstadt. Die genießt zwar weltweite Ausstrahlung, wird am Rhein aber immer noch ein bisschen stiefmütterlich behandelt.

Dabei lebt der Düsseldorfer Szene-Mix aus bildender Kunst und Musik-Avantgarde fort, wenn auch in einer etwas weniger aufgeregten Spielart: Heute ist der Salon des Amateurs in der Kunsthalle die coole Lounge-Variante der inspirierenden Ko-Existenz von bildender Kunst und Musik.

Es ist einer der Verdienste der WDR-Dokumentation "Keine Atempause - Düsseldorf, der Ratinger Hof und die Neue Musik", dass sie nicht nostalgisch, sondern in der Gegenwart im Studio der jungen, 2007 gegründeten Band "Stabil Elite" beginnt. Die aufreizend konservativ gestylten Herren der Band, die für Elektro-Pop steht, erzählen von ihren Inspirationsquellen aus der Düsseldorfer "Hof"-Tradition und beschwören den innovativen Geist des Salon des Amateurs. Dann aber übernehmen die Helden von damals, die ihren aufreibenden Berufen zum Teil bis heute nachgehen, das Ruder und erzählen, wie es damals wirklich war.

Gabi Delgado, Sänger zahlreicher Punk-Formationen - unter anderem der Band "Deutsch Amerikanische Freundschaft", kurz "DAF" - sitzt nicht zufällig zum Interview im Flur der Kunstakademie und betont die treibende Kraft, die von der jungen Kunst und angehenden und schon bekannten Künstlern ausging.

Diesen Faden nimmt Oliver Schwabes Film aber leider nicht auf, sondern konzentriert sich in der Folge vor allem auf die Musiker und den Fotografen Richard Gleim, der jene Zeit dokumentiert hat. Natürlich kommen Campino ausführlich zu Wort, Peter Braatz alias Harry Rag von der Band "S.Y.P.H.", Peter Hein von "Fehlfarben" und vor allem die in sonorer Bariton-Lage sprechende Martina Weith, seinerzeit Gründerin und Sängerin der Frauenband mit dem unsterblichen Namen "Östro 430". Wie aus einem Lebensgefühl Musik wurde, fängt Schwabes Film wunderbar ein. Wenn etwa Peter Hein berichtet, wie damals alle Musik machen wollten und in den Kellerräumen des Hofs spielten, ohne eigentlich ein Instrument zu beherrschen. "Jeder hatte da ne Band" sagt Hein und erinnert sich an die Frauenband "Östro 430": "Vor denen hatten wir ja Angst!"

Ein bisschen enttäuschend ist, dass Schwabes Film nur wenige Bilder aus jener Zeit zeigt, die Atmosphäre des Ortes und seine Protagonisten werden vor allem erzählend beschrieben, was für einen Film ein bisschen wenig ist. Außerdem spart der Film - bewusst? - die bildenden Künstler ganz aus. Und auch die "Erfinderin" des Ratinger Hofs, Kneipen-Chefin Carmen Knoebel, die der ehemaligen Hippie-Kneipe mit Neonlicht und weißen Wänden den Muff austrieb und gemeinsam mit ihrem Mann, dem Künstler Imi Knoebel, die Künstlerszene erst anzog. In einem WDR-Radio-Interview hat Carmen Knoebel vor zwei Jahren zu Protokoll gegeben: "Der Hof war mehr von Künstlern als von Musikern geprägt." Davon erfährt man in Schwabes Film zu wenig. Eine launige Zeitreise ist er aber allemal.

Quelle: RP
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