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Düsseldorf
Kunden konkurrieren um Lernplätze in der Stadtbücherei

Düsseldorf: Kunden konkurrieren um Lernplätze in der Stadtbücherei
Die Lernplätze in der ersten Etage der Zentralbibliothek am Hauptbahnhof sind sehr begehrt. FOTO: hans-jürgen bauer
Düsseldorf. Bis zum geplanten Umzug müssen Studiengruppen noch zusammenrücken. Ein Rundgang. Von Beate Wyglenda

Ganz hinten an der Wand haben Merve Türkyilmaz (22) und Duygu Anan (23) doch noch einen Arbeitsplatz gefunden. Sie zwängten sich einfach neben das Trio, das bereits am Tisch saß. An den anderen fünf Tischen in der Reihe hatten sie kein Glück. "Da war schon alles voll", sagt Anan. Ein Grund, warum die angehenden Bauingenieurinnen an diesem Tag im Dezember nur ausnahmsweise in der Düsseldorfer Zentralbibliothek lernen. Sonst büffeln sie in ihrer Unibibliothek in Bochum. Dort gibt es Studienräume; sie können sich in separate Glaskabinen setzen, um ungestört zu arbeiten. Doch jetzt musste es eben schnell gehen. Bald ist Abgabetag für die Statik-Hausarbeit. Und zum Pauken eine Stunde lang nach Bochum zu fahren, hätte die Düsseldorferinnen zu viel Zeit gekostet. "Hier zu arbeiten ist aber schon anders", sagt Türkyilmaz. "Man hat hier kaum Arbeitsnischen, in die man sich zurückziehen kann, sondern ist von zig Leuten umgeben", ergänzt die Freundin.

Seit Jahren sind die fehlenden Arbeitsplätze ein Problem in der Zentralbibliothek. Derzeit gibt es 218, benötigt würden dreimal so viele. Grund dafür: Die Bibliotheksbesucher haben ihr Nutzungsverhalten verändert. Während die Kunden früher kamen, ein Buch ausliehen und wieder gingen, bleiben sie heute durchschnittlich 1,5 Stunden in der Bibliothek. Schüler und Studenten treffen sich zum gemeinsamen Lernen. Bücherfreunde stöbern durch die Regale und lassen sich inspirieren. Manche lesen sogar gleich vor Ort ihre Tageszeitungen, Magazine und Bücher und leihen gar nichts aus. Die Bedürfnisse sind ganz unterschiedlich, doch in allen Fällen ist eines nötig: Platz. Und davon hat die Zentralbibliothek mit 4700 Quadratmetern Fläche nicht genug. Ein Umzug ist in Planung, der Zeitpunkt aber noch ungewiss.

Vor allem größeren Gruppen fällt es schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. Sisawad Vongsay hat mit seiner zehnköpfigen Mathe-Lerngruppe nicht nur einmal verzweifelt gesucht. "Wir sind schon mal 20 Minuten lang durch die Bibliothek geirrt, um einen Tisch für uns zu finden", sagt der 20-Jährige. Neulich hatten die Oberstufenschüler der Heinrich-Heine-Gesamtschule Glück. Gizem Durmaz hatte früher schulfrei und war schon um 12.30 Uhr in der Bibliothek. "Zu der Zeit war noch nicht viel los und ich hab' schnell einen Tisch bekommen", sagt sie. Die anderen kamen knapp eineinhalb Stunden später. Die Wartezeit nutzte die 19-Jährige schon mal zum Lernen - und zum Verteidigen des Tisches. "Es wollten sich immer wieder Leute dazusetzen. Alleine an einem Tisch für sechs zu sitzen, macht hier keinen guten Eindruck."

Und mit zehn Leuten an einem Tisch für sechs zu sitzen, gleicht vom Platzangebot einer Sardinenbüchse. Schulter an Schulter sitzen die jungen Erwachsenen ringsherum. Der Tisch ist nicht mehr zu sehen. Er ist voll mit Büchern, Heften - und Keksen. Nervennahrung. Ein Café gibt es nicht. "Es müsste nicht nur mehr, sondern auch größere Tische geben", sagt Samantha Nack (20). "Cool wäre es auch, die Tische nach Bedarf verschieben zu können." Die Ideen sprudeln aus den Schülern heraus. Ein weiterer Vorschlag: "Man könnte zwischen den Tischen Regale aufstellen, um die Lautstärke zu dämmen." Die Lerngruppe musste schon mehrmals "böse Blicke" und "dumme Kommentare" hinnehmen, weil sie angeblich zu laut war. "Wenn zehn Leute lernen, kann es nicht mucksmäuschenstill sein", sagt Nack.

Die Zentralbibliothek bemüht sich bereits, die Gruppen, die gemeinsam arbeiten, und jene, die ihre Ruhe haben wollen, voneinander zu trennen. Generell ruhig ist es in dem zum Platz hin eingerichteten "Lesefenster" sowie im "Lernstudio" im Erdgeschoss. Auch im Obergeschoss wird versucht, die Einzel- und Gruppenarbeitsplätze zu separieren. Dies gelingt aufgrund der begrenzten Fläche derzeit aber nur mit mäßigem Erfolg. Unter den Besuchern kommt es deshalb sogar immer wieder zu Konflikten.

Die beiden Maschinenbau-Studenten Umut Dag (20) und Mohamet Zemrani (19) haben so einen Streit schon selbst miterlebt. Sie arbeiteten damals an der Fensterseite im Obergeschoss. "Links neben uns saßen fünf Mädchen, die etwas lauter miteinander geredet haben", erzählt Zemrani. Am Tisch rechts neben ihnen saß ein Junge, der in seine Bücher vertieft war. "Plötzlich ist der Junge total ausgerastet. Er hat die Mädels angeschrien, dass sie die Klappe halten sollen, und sie aufs Übelste beleidigt." Heute finden beide die Geschichte lustig, am besagten Tag dachten sie aber, gleich eine Schlägerei mitzuerleben. Die Studenten selbst sind, was die Lautstärke betrifft, entspannter. "Wir sind fast täglich hier. Wir sind die Unruhe gewohnt", sagt Dag.

Was sie dagegen stört: die langsame und instabile W-Lan-Verbindung. "Wir arbeiten immer mit unseren Laptops. Doch gerade, wenn es in der Bibliothek voll ist, hat man damit Probleme", sagt Dag. Die 15 fest installierten Internet-Computer seien da keine Alternative. Für Michael Lukjanows Zwecke reichen sie aus. "Ich mache gerade Lernpause und lese Comics", sagt der 27-Jährige lachend. Zum Arbeiten nutzt aber auch der angehende Fitness-Ökonom den eigenen Laptop. Am Bibliotheksrechner sitzt er zum ersten Mal. "Grundsätzlich ist es gut, dass überhaupt Rechner zur Verfügung gestellt werden. Lernen ohne Internet ist heute nicht mehr möglich", betont er. Das sieht Amadi Pour (32) ähnlich. Er hat zu Hause keinen Internetzugang und checkt daher in der Bibliothek E-Mails.

Quelle: RP
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