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Düsseldorf
Landmann aus Leidenschaft

Düsseldorf: Landmann aus Leidenschaft
FOTO: Ingrid Knebel
Düsseldorf. Neurologe Gerd W. Thörner hat im Rotthäuser Bachtal ein privates Naturschutzprojekt verwirklicht - mit Tieren und alten Obstbäumen. Von Ute Rasch

Wo ist das Paradies? Jeder wird diese Frage anders beantworten. Für manche mag es in der Südsee liegen. Oder in himmlischen Sphären. Gerd W. Thörner hat seine Antwort gefunden: Sein Garten Eden ist in Hubbelrath, ein paar Kilometer von der Kö entfernt und doch auf einem anderen Planeten. Früher war hier Ackerland, eine Fachwerk-Ruine, eine verfallene Scheune, sonst nichts - ländlich, aber öde. Heute ist dieses Tal am Rande von Düsseldorf eine blühende Welt. Und ein Zuhause für seltene Tiere. Mittendrin ein Mann mit verbeultem Strohhut, der nach seinen Schafen ruft. Und alle kommen.

Leicht zu finden ist die Pforte zum Paradies nicht. Die Zufahrtsstraße mündet in einen schmalen Weg, auf dem man sich wünscht, dass gerade jetzt kein Gegenverkehr auftaucht. Schließlich weisen 50 Eichen ("haben wir gepflanzt") den Weg zum Abshof. Der Düsseldorfer Wanderweg teilt den Grund in zwei Hälften: 70.000 Quadratmeter heile Welt mit Streuobstwiesen, Weiher und Bauerngarten. Der erste Reflex: ein Liegestuhl, ein Buch - eine Weile bleiben.

Gerd W. Thörner (72) sind solche Reaktionen vertraut. Der Landmann aus Leidenschaft hatte schon immer eine ausgeprägte grüne Ader, presste als 15-Jähriger die Botanik in Bücher, wählte Biologie als Leistungsfach im Abitur. Aber dann entschied er sich doch für ein Medizinstudium ("war eine gute Entscheidung") wurde Neurologe und verdiente sein Geld mit einem großen Neurozentrum in Düsseldorf. Was zu der Frage führt, was er mit seinem Geld gemacht hat.

Vor 25 Jahren drängte die Natur mit Macht in sein Leben zurück. Da erfuhr er im Golfclub Hubbelrath ("das Arten reichste Biotop Düsseldorfs"), dessen Mitglied er seit Jahrzehnten ist, vom alten Abshof und seinen Ländereien. Gerd W. Thörner kam, sah und entwickelte eine Vision: "Hier wollte ich ein Naturparadies schaffen, einen Lebensraum für bedrohte Tier- und Pflanzenwelt." Und ein Stück Heimat wiederbeleben. Er ließ Fachwerkhaus, Schäferei und Scheune restaurieren - und schlug Wurzeln.

Heute gedeihen auf dem Abshof über 100 alte Obstsorten, darunter Äpfel mit vielversprechenden Namen: Geheimrat Dr. Oldenburg und Luxemburger Renette. Auf den Streuobstwiesen grasen Skudden, "die älteste vom Aussterben bedrohte Schafsrasse". Mit ihren dekorativ zu Schnecken gewundenen Hörnern bevölkerten sie schon die Gemälde Caravaggios, aber in den Hubbelrather Weiden machen sie ebenfalls eine gute Figur und erledigen einen wichtigen Job: Sie stutzen die Wiese, was zur Folge hat, dass der Steinkauz nun wieder im Rotthäuser Bachtal lebt. "Der braucht zur Mäusejagd niedriges Gras."

Plötzlich zerfetzt ein Geräusch die Stille. Ein Hahn, ein besonders stimmgewaltiger, der passenderweise den Namen "Bergischer Kräher" trägt, zieht die Aufmerksamkeit auf eine Voliere de luxe - und auf eine seltene Landhuhnrasse, die dort zwischen den Johannisbeersträuchern pickt. Aber Landmann Thörner eilt schon weiter zur Scheune, mit einem Boden aus gestampftem Lehm und Wänden, die mit Schafswolle gedämmt wurden. In den Mauerritzen nisten Fledermaus, Zaunkönig und Rotkehlchen. Hier hat er sich sein Refugium eingerichtet, zwei Räume zum Arbeiten, Nachdenken und einer Bibliothek über Flora und Fauna. Davor der Bauerngarten, der strenge Geometrie und Wildwuchs wunderbar vereint. 2000 Buchsbäume teilen die typischen Quadrate, in denen Kräuter, Rosen, Lilien verschwenderisch blühen. An diesem Ort wird deutlich, was Thörner mit der Satz meint: "Ich bin hier der Dirigent."

Nach verrichteter Arbeit sitzt der Hausherr am liebsten auf der Holz-Terrasse und lässt den Blick wandern zur Schafsherde ("die einzigen Mädels, die mir folgen") auf die Hecke aus totem Holz, die Igeln Unterschlupf bietet, die Nistkästen für die Schleiereulen, die geflochtenen Bienenkörbe ("wie im Mittelalter"). Vielleicht sieht Thörner auch den seltenen Eisvogel, der seit einiger Zeit im Bach fischt. Was Glück bedeutet, weiß er in solchen Momenten ganz genau. So muss es sein, wenn einer im Paradies angekommen ist.

Quelle: RP
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