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Düsseldorf
Letzte Fahrt zur Musik von Van Morrison

Der Taximann und seine letzte Fahrt über den Tausendfüßler
Der Taximann und seine letzte Fahrt über den Tausendfüßler FOTO: Endermann, Andreas (end)
Düsseldorf. "Taximann" Jürgen Koll war einer der Letzten, die gestern um kurz nach 6 Uhr über den Tausendfüßler fuhren. Mit dabei war Stammkundin Claudia Otto. Auch ein Käfer-Fan und ein Architekt in offenem Cabrio nahmen fahrend Abschied. Von Denisa Richters

Kurz vor fünf Uhr morgens holt Jürgen Koll in Oberrath Claudia Otto ab. Sie ist seit sechs Jahren Stammkundin des Taxifahrers. Auf seinem Internet-Blog "Taximann" hatte sie sein Angebot für die letzte Fahrt über den Tausendfüßler gelesen und sofort reserviert. Claudia Otto findet es schade, dass die denkmalgeschützte Hochstraße abgerissen wird, und will sie gebührend verabschieden. "Die gehört doch zu Düsseldorf wie St. Lambertus und der Schlossturm!"

Auch "Taximann" Koll ist traurig. "Der Tausendfüßler ist ein Teil meiner geliebten Heimatstadt", sagt der 58-Jährige, der in der Flurklinik in Düsseldorf-Flingern geboren wurde und inzwischen im Stadtteil Pempelfort lebt. Die letzte Fahrt am Ende seiner Nachtschicht ist seine Form der Verbeugung vor der Hochstraße, die mehr als 50 Jahre zu seinem Leben gehörte. Es ist die achte Runde, die Koll mit Claudia Otto über das Bauwerk dreht. Schließlich will er die Sperrung, die das Amt für Verkehrsmanagement am Anfang der Hofgartenstraße gegen 6.15 Uhr aufstellt, nicht verpassen.

"Jetzt kriege ich doch Gänsehaut"

Als es so weit ist, lässt Koll ein Stück von Van Morrison laufen: "(It's all over now) Baby Blue". Links sind Dreischeiben- und Schauspielhaus zu sehen, rechts die Libeskind-Bauten. Das Taxi rollt langsam auf den höchsten Punkt der Hochstraße zu. "Jetzt kriege ich doch Gänsehaut", sagt Koll zu seiner Kundin.

Tobias Wuttke hat sich um 5.30 Uhr mit seinem orangefarbenen VW-Käfer, Baujahr 1984, strategisch günstig vor der Auffahrtrampe positioniert. Ursprünglich hatte er den Plan, das alte Schwarz-Weiß-Foto vom Eröffnungstag des Tausendfüßlers 1962 nachzustellen. Auf der Aufnahme sind drei VW-Käfer zu sehen. Es wäre kein Problem gewesen, zwei weitere Käfer-Fans samt Autos zu aktivieren. "Doch weil schon morgens gesperrt wird, macht es bei der Dunkelheit keinen Sinn", sagt Wuttke, der außerdem eine Leidenschaft für Jazz-Platten aus Vinyl hegt. Dennoch will auch er sich die Fahrt zu dieser frühen Stunde nicht entgehen lassen. "Dem Taximann lasse ich aber gerne die allerletzte Fahrt", sagt er und lächelt.

Architekt Jürgen G., der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, gehört ebenfalls zu dem Tross der Letzten. Trotz Kälte und Schneefalls öffnet er das Dach seines weißen Mercedes Cabriolets. Er will den erhabenen Ausblick von oben noch einmal genießen und bedauert den anstehenden Abriss. "Der Tausendfüßler ist eines der herausragendsten Bauwerke", sagt der 45-Jährige.

Das sieht Michael Schmidt ganz anders. Er ist mit seiner Frau Claudia gerade aus der Altstadt gekommen, nun spazieren sie über die Hochstraße. "Ich bin froh, dass sie wegkommt", sagt Schmidt. Der NRW-Bauminister habe 2012 richtig entschieden, den Weg für den Abriss freizumachen. "Endlich wird dieser Bereich gut gestaltet."

Der "Taximann" erfüllt sich unterdessen einen Traum: Er wendet an der Johanneskirche und fährt gegen die Fahrtrichtung über den Tausendfüßler. Dazu singt Julio Iglesias "Caruso". Und wieder Gänsehaut.

Der RP-Online User "Mr. Holle" sandte uns ein Video, von wohl einer der letzten Fahrten über die Hochstraße, hier in Richtung Immermannstraße.

 

(RP/jco/ila/csi/pst)
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