| 00.00 Uhr

Düsseldorf
Lili möchte ein Wandervogel sein

Düsseldorf: Lili möchte ein Wandervogel sein
Lili Arnold (r.) und ihre Schwester Ida sind viel unterwegs. Ausflüge gingen unter anderem zum Hohen Meisner oder in den Schwarzwald. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Die 16-Jährige liebt die Natur, das Singen, das Zelten und die Gemeinschaft. Smartphones sind ihre Sache nicht. Von Jörg Janssen

Nein, ein komischer Vogel ist Lili Arnold nicht. Aber wenn die 16-Jährige sagt, was ihre Leidenschaft ist, dann denken das viele. Einige stellen komische Fragen, andere grinsen nur breit. Die junge Frau aus Bilk sagt von sich: "Ich bin ein Wandervogel." Und das meint sie nicht etwa im übertragenen Sinn, sondern wörtlich. Denn Lili Arnold, die in die 11. Klasse der Hulda-Pankok-Gesamtschule geht, baut gerade eine Düsseldorfer Gruppe innerhalb des Jugendbundes Mädchenwandervogel "Solveigh" auf. Fahrten und mehrtägige Naturerlebnisse stehen im Mittelpunkt.

"Wir wandern, schlafen im Zelt und schalten bei unseren Touren das Handy nur im Notfall ein." Ein Programm, das an die Pfadfinder erinnert. "Wir wollen aber weder politisch noch kirchlich gebunden sein und sind deshalb eigenständig", sagt Lili Arnold, die die Wandervögel als "freigeistige Jugendbewegung" sieht, als einen Ort, an dem sich gerade auch Frei- und Querdenker wohlfühlen und an dem Werte wie Verantwortung, Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit und Freundschaft gelebt werden.

Zelte, deutschsprachige Lieder, vorzugsweise Rock statt Hose: Lili weiß, dass viele ihrer Generation das verstaubt und altbacken finden. Noch schlimmer: Immer wieder denken Menschen, die Wurzeln dieser Jugendbewegung lägen in den 1930er Jahren. "Manche sagen, unsere Zelte erinnern sie irgendwie an diejenigen der Hitlerjugend. Tatsächlich gibt es da eine gewisse Ähnlichkeit. Aber die haben das von uns übernommen und nicht etwa umgekehrt, denn wir sind deutlich älter", sagt Arnold. Leider habe es ab 1933 für die um 1900 entstandene Wandervogel-Bewegung keinen eigenen Platz mehr gegeben. "Wer bei den NS-Jugendorganisationen nicht mitmachen wollte, dem blieb nur der Rückzug ins Private." Darauf, all das immer wieder zu erklären, hat die Schülerin, die gerne Cello und Gitarre spielt, keine Lust. Ebenso wenig auf komische Blicke und ironische Bemerkungen. "Meinen besten Freundinnen sage ich, dass ich zum Wandervogel-Wochenende fahre, die anderen wissen nur: Ich bin halt unterwegs."

Mit den naturverbundenen Jugendlichen kam Lili Arnold vor viereinhalb Jahren in Kontakt. Wanda, die Tochter vom Freund ihres Vaters, hatte sie eingeladen. "Fahrtenlieder singen, Wandern gehen, Feuer machen - das hat mir sofort gefallen", sagt die junge Bilkerin. Sie blieb dabei, unternahm mit Mädchen aus unterschiedlichen Teilen der Republik Ausflüge zum Hohen Meisner in Hessen oder in den Schwarzwald. Die mehrtägigen Fahrten, beispielsweise zu Himmelfahrt und Fronleichnam, sind denn auch das Herzstück der Wandervögel. Selbstversorgung inklusive. "Wenn wir zwei oder drei Tage weg sind, haben wir alles dabei, bis hin zum Apfel-Brotaufstrich. Dauert die Unternehmung länger, wird zwischendurch im nächstgelegenen Dorf eingekauft."

Zimperlich dürfen die Wandervögel nicht sein. Zwei Tage Dauerregen kann es schon mal geben, und auch die Feuerstelle mitten im Kohte genannten Zelt ist für Neuzugänge erst mal ungewöhnlich. Was bei den Wanderungen konkret gemacht wird, entscheiden alle gemeinsam. "Sind wir an einem See und haben Lust reinzuspringen und zu baden, machen wir das, aber Gruppenzwang lehnen wir ab", sagt Arnold. Entscheidend sei der Konsens. "Wir wollen nicht eine haben, die sagt, wo's langgeht und die anderen müssen dann folgen", meint die Düsseldorferin.

Dass sie und ihre Mitstreiterinnen anders ticken als die Mehrheit ihrer Generation, weiß die junge Frau, die Abitur machen möchte. "Anfangs hab' ich auch damit gefremdelt, dass bei uns Mädchen oft Röcke tragen, inzwischen ziehe ich sehr gerne einen an." Und während der Fahrten aufs Smartphone zu verzichten ("ich bin sowieso nicht bei Facebook oder in Whatsapp-Gruppen unterwegs"), ist für viele ihrer Altersgenossen dann eben doch das genaue Gegenteil von "cool". Aber all das ficht Lili Arnold nicht an. Im Sommer geht sie erst ein mal auf große Griechenlandfahrt ("ins Pindos-Gebirge"). Außerdem will sie mit ihrer jüngeren Schwester Ida und den Freundinnen Lotte, Helena und Dalia eine eigene Düsseldorfer Wandervogel-Gruppe etablieren. Jungs sollen nicht dabei sein. Obwohl es auch gemischte Bünde gibt.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Lili möchte ein Wandervogel sein


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.