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Serie Mein Tag
Mama geht zum Spielen

Gisela Hellrung ist Solo-Oboistin bei den Symphonikern
Gisela Hellrung ist Solo-Oboistin bei den Symphonikern FOTO: Krause
Düsseldorf. Wir begleiten Düsseldorfer durch einen für sie typischen Tag. Heute: Gisela Hellrung (45) ist Solo-Oboistin bei den Düsseldorfer Symphonikern. Zu Hause geben zusätzlich ihre sechs Kinder den Ton an. Ein Leben zwischen den Welten - wie schafft sie das bloß? Von Ludwig Krause

Als der "Bolero" leise einsetzt, kann sie einen überkommen, diese Tonhalle. Die Kuppel, das Licht, der Klang können einen Zuhörer in Ehrfurcht versetzen. Und man versteht, wenn Gisela Hellrung von einer ganz besonderen Energie spricht. Was für ein Arbeitsplatz.

Mit welchen Vorurteilen begegnet man Profi-Musikern? Wild umherfliegende Notenblätter und Proben bis spät in die Nacht. Kreatives Chaos und Querköpfe, die erst mittags mit der Arbeit beginnen. Gisela Hellrung ist ohne Zweifel Profi-Musikerin. Mit den Klischees räumt die Solo-Oboistin der Düsseldorfer Symphoniker aber auf. Ganz nebenbei, denn der Alltag der 45-Jährigen zwischen Kindern und Konzertsaal hat es schon so in sich.

Es ist Freitag, der Wecker klingelt bei den Hellrungs in Kaarst um 5.45 Uhr. "Zur ersten Weckrunde", wie die Mutter sagt. Denn geweckt werden gleich sechs Kinder im Alter von sechs bis 16 Jahren - und das kann gerade bei den Jüngeren dauern. Haben alle ihre Schultaschen, Sportbeutel, Pausenbrote? Und sind alle rechtzeitig aus dem Haus? Die Schulen haben sich dem Fahrplan der Züge angepasst, der Unterricht beginnt zwischen 8 und 8.10 Uhr. Um spätestens 7.20 Uhr sind alle durch die Tür.

Kinder raus, Ruhe rein - ohne Zeit für eine Pause zu haben. Es folgt die "Putzrunde", wie Gisela Hellrung das große Aufräumen nennt. Außerdem ist da noch Caruso. Die französische Bulldogge, vier Jahre alt, die genauso heißt wie der italienische Opernsänger, und offenbar glaubt, ansatzweise so stimmgewaltig zu sein. "Wenn ich zu Hause übe und in die hohen Töne komme, geht das Gejaule los", sagt sie.

Üben. Das könnte man bei dem Turbo-Start in den Tag übersehen haben: Gisela Hellrung ist eine Wanderin zwischen den Welten. Denn seit 1996 hat die 45-Jährige eine feste Anstellung bei den Düsseldorfer Symphonikern, als Solo-Oboistin des Ensembles ist sie auch für all jene Teile eines Stückes zuständig, bei denen die Oboe besonders in den Vordergrund tritt. Wer dabei nun an "Peter und der Wolf" und die Ente denken muss, liegt eigentlich gar nicht so falsch. "Der ganz eigene Klang der Oboe hat mich schon als kleines Kind fasziniert", sagt sie. Natürlich auch beim musikalischen Märchen von Sergei Prokofjew. Mit zwölf Jahren fängt sie mit dem Spielen an, es ist das dritte Instrument nach Klavier und Blockflöte.

Mit dem Auto geht es zur Arbeit, viermal in der Woche fährt Hellrung gewöhnlich zur Probe. Dazu kommen Vor- und Nachbereitungen und stundenlanges Üben zu Hause. 250 Auftritte haben die Symphoniker im Jahr, sie spielen in der Tonhalle und für die Deutsche Oper am Rhein. Wer eingeteilt ist, regelt ein verpflichtender Dienstplan. Wie im Büro eben.

Es ist 9.30 Uhr, heute steht die Generalprobe in der Tonhalle an. Durch den Künstlereingang am Rheinufer führt der Weg ins Stimmzimmer. Immer früh, wenn möglich. "Da habe ich Zeit für mich", sagt Hellrung. Nur sie und das Instrument, bis die Kollegen kommen. "Peter und der Wolf" steht zwar nicht auf dem Programm, dafür aber Ravels "Bolero" und drei weitere Stücke. Heute Abend ist große Premiere, seit einer Woche wird gemeinsam geprobt. Wenn das Orchester zusammenkommt, muss jeder seinen Teil beherrschen - nur so funktioniert diese aus vielen Rädchen bestehende Maschine, die sich Düsseldorfer Symphoniker nennt.

Ein Techniker, Orchesterdirektorin Barbara Fasching und Sprecherin Julia Kirn sitzen in den Zuschauerrängen, ansonsten ist der Konzertsaal fast menschenleer. Als alle ihren Platz gefunden haben, läutet Dirigent Mario Venzago die Probe ein. Getragen wird, was bequem ist. Jeans, Blusen, Shirts. Auf der Bühne beginnt das Gedränge. Wer sich im Großraumbüro unwohl fühlt, wird besser kein Symphoniker. Dicht an dicht sitzen die Bläser und Streicher, Oboen, Geigen, Celli und Kontrabässe. Statt einen Schreibtisch teilen sich die Kollegen einen Notenständer. Und trotzdem sagt Hellrung: "Mittendrin ist es am schönsten. Nirgendwo sonst spürt man diese Energie, diese Schwingungen."

12.30 Uhr. Das Ende der Probe bedeutet für die sechsfache Mutter den Beginn des "ganz alltäglichen Wahnsinns", wie sie sagt. Ganz gleich, was gerade auch war, ob ein Stück nicht so recht gelingen wollte oder das Instrument Kopfzerbrechen bereitet: "Die Kinder holen einen ganz schnell auf den Boden zurück", sagt Hellrung. Fußball, Basketball und Verabredungen, Einkaufen gehen und Latein-Vokabeln pauken. Die einen möchten zum Sport, die anderen zum Musikunterricht, ein Sohn spielt Horn, der andere Schlagzeug. Und dann ist da natürlich Caruso.

In der Küche kocht heute der Solo-Hornist des Kölner Gürzenich-Orchesters. Ehemann Egon Hellrung ist ebenfalls Berufsmusiker. Daheim wird genauso über die Arbeit gesprochen wie bei allen anderen auch. Mit dem Unterschied, dass beide ein eigenes Probezimmer haben. Er im schallgedämpften Raum, sie mit Blick auf den Garten. Und mit dem Verständnis, das beide füreinander aufbringen. Nicht jedem fallen Arbeitszeiten spätabends und am Wochenende leicht. "Ich wünsche aber jedem, dass er seine Arbeit so gerne macht, wie ich meine", sagt die 45-Jährige. Eines ihrer Kinder habe einmal gesagt: "Meine Eltern gehen immer spielen." Klingt erst lustig, birgt aber einen wahren Kern. "Eigentlich gehe ich tatsächlich mein ganzes Leben lang nicht zur Arbeit, sondern zum Spielen", sagt Hellrung.

Abends, wenn die Kinder im Bett sind, fängt sie an zu schnitzen. Noch so eine Besonderheit: Das "Röhrchen" des Mundstücks fertigen Profi-Oboisten selbst an. "Das mache ich schon seit dem Studium wahnsinnig gerne", sagt Hellrung. Es ist wieder einer der Momente, den sie für sich hat - und er wirkt fast wie Meditation. Heute Abend aber wird nicht geschnitzt.

Um 18 Uhr geht es zurück zur Tonhalle, letzte Vorbereitungen vor dem Auftritt. Schon im öffentlichen Bereich des Rundbaus kann man sich problemlos verlaufen, hinter den verschlossenen Türen erst recht. Treppen führen zu langen Gängen an den Stimm- und Proberäumen vorbei. Wieder ist Gisela Hellrung früh da. Bevor die Kollegen kommen, ihre Instrumente stimmen und sich umziehen. Die Frauen tragen Schwarz und lange Ärmel, die Männer Frack. Noch ein Kaffee mit den Kollegen, ein letztes Pläuschchen.

Kurz vor acht, der Konzertsaal ist voller Menschen. Als der "Bolero" leise einsetzt, kann sie einen überkommen, diese Tonhalle. Was für ein Arbeitsplatz.

Quelle: RP
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