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Frank Kubicki
"Mehr Kontrollen auch für Radfahrer"

Frank Kubicki: "Mehr Kontrollen auch für Radfahrer"
Trägt wieder Uniform: Nach vielen Jahren bei der Kripo hat Frank Kubicki die Direktion Verkehr übernommen. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Vor drei Monaten übernahm Kriminalist Frank Kubicki die Leitung der Verkehrsdirektion im Polizeipräsidium.

Die ersten 100 Tage haben Sie hinter sich - haben Sie den Abschied von der Kripo schon mal bereut?

Frank Kubicki Die Kripo liegt mir schon noch am Herzen. Aber das Thema Verkehr bietet eine Menge Herausforderungen. Wenn Sie allein bedenken, wie viele Menschen im Straßenverkehr sterben, da muss man etwas tun. Und es wird ja auch eine Menge getan.

Zum Beispiel für die Verkehrserziehung der Kinder. Der Essener Polizeipräsident hat ziemlich geflucht, weil die Polizei so viele tausend Stunden in das Thema investiere und am ersten Schultag die Eltern die Schulwege zustellen. Wie haben Sie den Schulanfang erlebt?

Kubicki Ich kann den Unmut der Essener sehr gut nachvollziehen. Ich fahre selbst täglich an der Grundschule an der Fleher Straße vorbei und sehe da das große Chaos, das letztlich eine Gefahr für die Kinder birgt, die zu Fuß gehen. Und dass sie zu Fuß gehen, begleitet oder allein, das wünschen wir uns.

Warum ist das so wichtig?

Kubicki Weil sich die Kinder nicht nur auf dem Schulweg im Straßenverkehr bewegen, sondern auch in der Freizeit. Wenn Kinder ihren Schulweg sicher bewältigen, ist das auch für andere Wege gut. Eltern sollten sie so lange begleiten, bis die Kinder sicher sind, das ist das Ideal. Bei unserer i-Dötzchen-Aktion an der Sternwartschule haben das drei Viertel der Kinder auch so gemacht. Aber ich fürchte, wenn das Wetter schlechter wird, siegt die elterliche Bequemlichkeit.

Sie sagen das ja nun auch nicht zum ersten Mal.

Kubicki Nein. Und die Kollegen machen wirklich viel, schon im Kindergarten werden die Kleinen zu Ampelindianern ausgebildet. Die Kinder sind auch wirklich fit. Aber bei den Eltern verhallen die Worte leider nach einer Weile.

Bleibt Ihnen also nur, die Kontrollen zu verstärken?

Kubicki Manchmal muss man schon deutlich werden und die Leute bei Kontrollen entsprechend auf Rücksichtslosigkeiten hinweisen - oder eben Sanktionen verhängen. Die Stadt versucht aber auch, Hol- und Bringzonen einzurichten, damit wenigstens das Chaos entfällt. Das ist eine gute Sache, aber dafür ist nicht an allen Schulen Platz. Und wir werden unsere Versuche, die Eltern zu überzeugen, natürlich auch nicht einstellen.

Sie hatten bei Ihrem Amtsantritt gesagt, dass Sie im autonomen Fahren eine spannende Zukunftsaufgabe sehen. Kurz danach wurde bekannt, dass eine Teststrecke dafür nach Düsseldorf soll. Hängt das zusammen?

Kubicki Also, ich habe es nicht gewusst, und es ist ja auch noch nicht ganz sicher. Dass das spannend ist, steht außer Frage, da wird sich eine Menge tun, vor allem auf der Autobahn...

...für die Sie im gesamten Regierungsbezirk Düsseldorf auch zuständig sind.

Kubicki Ja, und wo wir eine Menge Probleme haben. Die Zahl der schweren Lkw-Unfälle wächst, ist zuletzt um 30 Prozent gestiegen. Es vergeht kaum ein Tag ohne einen solchen Unfall auf der Autobahn. Und das lässt sich mit moderner Technik verhindern, beispielsweise das vernetzte Fahren im Lkw-Verkehr.

Es gibt ja schon viele Vorkehrungen zum Vermeiden von den berüchtigten Stau-End-Unfällen, wie Notbrems-Assistenten. Das scheint aber nichts zu nützen.

Kubicki Nicht, wenn die Fahrer die Systeme ausschalten, um etwa die Lenkzeitkontrollen manipulieren zu können. Und auch bei eingeschaltetem Selbstfahrassistenten trägt der Fahrer immer noch die Verantwortung. Aber viele Fahrer sind übermüdet oder abgelenkt - es ist unglaublich, was sich in manchen Fahrerkabinen so abspielt. Das müssen wir mit besserer Überwachungstechnik dringend mehr in den Fokus nehmen.

Die Fahrer stehen aber auch unter großem Druck.

Kubicki Das wissen wir. Aber an die Spediteure, die den Druck machen, kommt man nicht so leicht heran, insbesondere, weil wir es auch mit vielen ausländischen Unternehmen zu tun haben. Die erreichen wir auch nicht mit Präventionskampagnen. Da hilft am Ende nur, die Sanktionswahrscheinlichkeit zu erhöhen.

Die Konkurrenz auf den Autobahnen ist groß - was für Auswüchse erleben die Beamten da so?

Kubicki Es gibt Fahrer, denen vorgerechnet wird, wie viel Sprit sie auf ihrer Strecke verbrauchen dürfen, was drüber ist, müssen sie selbst zahlen. Ich habe von einem Fall gehört, wo sogar die Bremsscheiben vor und nach der Fahrt vermessen und Beläge in Rechnung gestellt wurden. Bei solchen Vorgaben fährt keiner einen Umweg. Das gibt es übrigens auch bei deutschen Unternehmen.

Also sind das alles tickende Zeitbomben, an denen wir täglich auf der Autobahn vorbeifahren?

Kubicki Nein, die genannten Fälle sind eindeutig die Ausnahmen. Aber es sind die Ausnahmen, die zu erschreckenden Ergebnissen führen.

Wie kann die Polizei da besser kontrollieren?

Kubicki In den modernen Fahrzeugen sind sämtliche Daten drin, weit mehr als nur ein manipulierbarer Fahrtenschreiber. Die müssten wir auslesen können. In den USA ist das üblich. Bei uns weigern sich die Hersteller, solche Daten herauszugeben, weil es dafür keine Vorschrift gibt.

Nicht mal nach einem Unfall?

Kubicki Nicht mal bei dem eigenen Fahrzeug - wir haben das versucht, als vor ein paar Monaten zwei unserer Streifenwagen kollidiert waren. Aber der Hersteller hat sich schlicht geweigert.

Das klingt, als hätten Sie beim Thema Autobahn ein eindeutiges Schwerpunktthema. Was steht im Stadtverkehr im Fokus?

Kubicki Ganz klar die sogenannten schwachen Verkehrsteilnehmer. Das sind vor allem die Senioren. Die machen uns nach wie vor große Sorgen, fünf der sechs Todesopfer in diesem Jahr waren über 65. Die andere Seite der Medaille ist, dass Senioren auch viele Unfälle verursachen: Dreiviertel aller Unfälle, an denen ältere Menschen beteiligt waren, wurden von ihnen verschuldet. Das ist ein Thema, über das niemand gerne spricht. Und das mit zunehmender Mobilität - Stichwort: e-Bikes - auch nicht geringer werden wird. Das ist einer unserer Schwerpunkte.

Weil Senioren in Sachen Prävention aber schwierig zu erreichen sind.

Kubicki Ja, leider. Und sie sind für manche Dinge auch schwer zu gewinnen - beispielsweise für das Tragen eines Fahrradhelms.

Fahren Sie mit Helm?

Kubicki Immer. Wirklich - da ich früher Rennrad gefahren bin, ist der Helm für mich schon seit 30 Jahren selbstverständlich. Und damals sahen die Dinger wirklich noch schlimm aus.

Radfahrer und Fußgänger gehören unabhängig vom Alter auch zu den "schwachen" Verkehrsteilnehmern, die Sie in den Fokus nehmen wollen.

Kubicki Wir haben in den vergangenen Jahren schon eine ganze Menge im Bereich Radfahrer-Sicherheit getan. Auch die Stadt holt bei der Fahrrad-Infrastruktur gerade auf. Was aber mit dem zunehmenden Radverkehr auch immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist das normgerechte Fahrradfahren - da haben wir hinsichtlich der Kontrollen Nachholbedarf, und werden diese auch verstärken.

Regeltreue ist aber auch bei Fußgängern nicht so hoch im Kurs.

Kubicki Auch da spielt das Thema Ablenkung eine große Rolle, vor allem durchs Handy. Manchmal hat man den Eindruck, Fußgänger bewegen sich durch die Stadt ohne auch nur den Blick zu heben - und verlassen sich ausschließlich darauf, dass sich alle anderen normgerecht verhalten. Das gilt für die Menschen mit den Ohrstöpseln ebenso wie für die Nachrichten-Leser und -Schreiber. Als Extrembeispiel kann man das gerade bei den Pokémon-Spielern sehen.

Ein letzte Frage zum Thema Kontrollen: Sie haben ja nun auch eine Maßnahme "geerbt", die auch polizeiintern nicht unumstritten ist.

Kubicki Sie meinen den Blitzmarathon? Man kann natürlich darüber diskutieren, dass das sehr personalintensiv ist, oder ob es Sinn hat, die Kontrollstellen vorher zu veröffentlichen. Ich glaube, es bringt schon deshalb etwas, weil es das Thema in die Köpfe der Fahrer bringt. Ganz ehrlich: Auch bei mir war es so, dass ich durch die Aktion und die Diskussion deutlich bewusster aufs Tempo geachtet habe.

Das aber sicher immer im erlaubten Bereich liegt?

Kubicki (schmunzelnd) Selbstverständlich!

STEFANI GEILHAUSEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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