| 15.40 Uhr

Rethelstraße 73-75
Mein erstes Mal im Bordell

Mein erstes Mal im Bordell
Mein erstes Mal im Bordell FOTO: Young, David
Düsseldorf. Die Etablissements an der Düsseldorfer Rethelstraße 73 bis 75 werden derzeit aufgelöst. Das komplette Inventar der drei Bordelle wird in den nächsten Wochen verkauft. Unsere Reporterin Franziska Hein hat sich das erste Mal in ihrem Leben in ein Freudenhaus gewagt. Von Franziska Hein

Neugier und Unbehagen, beides fühle ich, als ich vor dem ehemaligen Bordell an der Rethelstraße 73-75-77 stehe. "Liquidation total" steht auf einem großen roten Schild über dem Hauseingang von "Rethel 77". Ich wohne in der Nähe und bin in den vergangenen Wochen häufig an diesem Schild vorbeigefahren. Wenn das Bordell seine Türen zum Ausverkauf öffnet, ist das für Neugierige eine Möglichkeit, mal einen Blick ins Innere zu werfen. 

Und ich ziehe demnächst in eine neue Wohnung. Wer weiß, welches Schnäppchen ich noch abstauben kann. Trotzdem überwiegt erstmal das Unbehagen, als ich mein Fahrrad vor dem Bordell abschließe. "Soll ich da jetzt wirklich reingehen", frage ich mich. Schließlich könnte ich Dinge sehen, mit denen ich lieber nichts zu tun haben möchte. 

Bademäntel, T-Shirts und Pantoffeln in Plastikverpackung

Andererseits sind die drei Bordelle schon seit zwei Jahren nicht mehr in Betrieb, und ich sehe auch eine Mutter vor mir, die ihr Neugeborenes in einem Tragetuch vor der Brust trägt. Wenn sie da rein geht, dann kann ich das auch. In der Bar im Erdgeschoss beginnt der Ausverkauf. Auf plüschigen Sitzbänken staplen sich weiße Bademäntel und T-Shirts mit dem roten "R", in Plastik verpackte Pantoffeln, wie es sie in manchen Hotels gibt. Es gibt Espresso-Tassen und noch verschlossene riesige Champagner-Flaschen. Zwischen einer Pole-Dance-Stange und gestapelten Erotik-Zeitschriften sind zig Kisten mit Schuhen aufgebaut. Zehn Euro das Paar. Die Schuhe sollen aus Spanien und Italien kommen und angeblich noch nicht getragen sein – und sie sehen bieder aus. Blockabsätze statt Stilettos. 

Im Flur wirbt ein Schild für originalverpackte Gästebetten. 20 Euro das Stück. Ich überlege kurz, ob ich eins davon mitnehmen soll. Wenn sie noch in Folie verschweist sind, hat da auch noch niemand drauf geschlafen. Ich vertage die Entscheidung auf später.

Bert Wollersheim betreibt das Bordell seit den 80ern

Neben der Bar im Erdgeschoss gibt es einen Raum mit zwei Whirlpools. Über einem hängt ein Herz aus Pappe mit dem Aufdruck "Happy Birthday, Bert". Bert ist Bert Wollersheim. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Rotlicht-Größe pleite ist. Der gelernte Friseur hatte das Bordell in den 1980er Jahren übernommen und ein Luxus-Bordell daraus gemacht. 2012 gab es eine Razzia der Polizei  in den Räumen der Rethelstraße. Ehemalige Mitarbeiter, darunter auch ein Geschäftspartner von Bert Wollersheim, stehen derzeit in Düsseldorf vor Gericht. Sie werden verdächtigt, Freiern K.o.-Tropfen verabreicht zu haben und deren Kreditkarten bis zum Limit belastet zu haben. Im Herbst 2014 schloss der Bordell-Betrieb. Seit den 1920er Jahren wurde die Adresse für das älteste Gewerbe der Welt genutzt. Nun sollen hier Appartments gebaut werden.

Vorbei an Erotik-Fotografien im Treppenhaus geht es hoch in die erste Etage zu den Themenzimmern. Mir kommt der ehemalige Edel-Puff wie ein großer Spielplatz für Erwachsene vor. Schlimm finde ich nur den Gedanken an die Prostitution, die es hier gegeben hat. Im ersten Zimmer ist Kleopatra zu Hause, das Zimmer ist im altägyptischen Stil eingerichtet. Ob im viereckigen Whirlpool auch in Milch gebadet wurde? Ein Mann interessiert sich für einen hüfthohen Sarkophag-Schrank, mit einer roten Neonröhre im Innern. Ein Scharnier ist kaputt. Er schleppt den Schrank trotzdem die Treppe runter zum Ausgang. 30 Euro kostet das Teil. 

In einer Vitrine liegt ein Umschnalldildo

Gegenüber geht es in einen orientalischen Harem, wieder das gleiche Bild, ein überbreites Bett, ein Whirlpool. Nur die Deko ändert sich. In einer Ecke entdecke ich eine schöne Laterne. Es steht kein Preis dran, aber mir ist es zu doof, danach zu fragen. Im Nachbarzimmer liegt in einer Vitrine ein Strap-on, ein Umschnalldildo. 

Inzwischen ist es voller auf den Fluren geworden. Die Mutter mit dem Säugling treffe ich auch wieder. Sie will eigentlich nichts kaufen, sondern nur mal gucken. Zwei junge Typen interessieren sich für einen mannshohen Holzpenis. Bei manchen Besuchern denke ich sofort daran, dass sie manches Einrichtungsstück vielleicht für ihr eigenes Etablissement mitnehmen. Als ich das Bordell später verlasse, sehe ich einen Porsche mit Dortmunder-Kennzeichen, der quer auf dem Bürgersteig vor dem Haus steht. 

Das alte Ägypten, eine antike Badelandschaft oder ein Indianer-Zelt – die Einrichtung ist speziell aber hochwertig, oder sie war es zumindest mal. Übel wird mir, als ich durch den feuchten Keller nach nebenan in den SM-Bereich gehe. Hier ist es dunkel und es riecht unangenehm muffig. Die Sex-Spielzeuge haben hier deutlich mehr Igitt-Faktor. Manche Funktion möchte ich mir gar nicht vorstellen. Ich sehe eine Gasmaske, die aus dem Zweiten Weltkrieg stammen könnte, und an der Wand hängt Zaumzeug aus speckigem Leder. Es gibt knappe schwarze Leder-Hotpants, Peitschen, Plateau-Schuhe mit Pfennig-Absatz. Auf einem überproportionierten Dildo klebt zwar ein Preisschild, anfassen möchte das Teil aber niemand. Ich habe genug gesehen.

Ich gehe durch den Keller zurück zum Eingang. Ein Ehepaar, das seinen Hund mitgebracht hat, kauft gerade eine Steinfigur, die drei Frauen in inniger Umarmung zeigt. "Für den Garten",  sagt die Frau. Draußen vor der Tür treffe ich noch einen kroatischen Gastronomen, der einen Traumfänger aus dem Indianer-Raum gekauft hat. "Für mein Restaurant in Kroatien", sagt er. Ich habe noch kein Souvenir gefunden, das ich mitnehmen möchte. Ich beschließe, nächste Woche wiederzukommen. 

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