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Düsseldorf
Mein Kind, das fremde Wesen

Düsseldorf. Autisten leben wie auf einer Insel. Im Kompetenzzentrum der Diakonie werden sie gezielt gefördert, Eltern und Lehrer beraten. Von Ute Rasch

Rosa liebt ein Plastikpferdchen. Und Eier im Glas, die würde sie am liebsten jeden Morgen zum Frühstück essen. Sie hat einen ausgeprägten Ordnungssinn und einen starken Bewegungsdrang. Und sie geht gern ins Kino. Aber wehe, ihr Stammplatz ist besetzt, dann bekommt sie einen Wutanfall. Ihr Vater sagt: "Rosa ist 29 Jahre alt, sieht aus wie 15 und reagiert auf die Welt, als sei sie ein Kind." Rosa ist Autistin wie (nach Angaben der Diakonie) schätzungsweise 4000 Düsseldorfer. Sie ist anders als andere. "Aber sie ist auch besonders."

Autisten leben wie auf einer Insel. "Sie haben eine eigene Sicht der Welt und nehmen Menschen und Situationen anders wahr." So lautet die Kurz-Definition von Anke Rockel, Leiterin des Autismus-Kompetenzzentrums der Diakonie. Der Verband eröffnete dieses Zentrum 2013 als Pilotprojekt, "weil es für Eltern bis dahin nur wenig Informationen und Unterstützung gab." Die seien oft ziemlich ratlos mit einem Kind, das sie nicht verstehen, das überall aneckt und oft so merkwürdig reagiert. Wie ein fremdes Wesen.

Weil es zum Beispiel jeden Satz wortwörtlich nimmt. "Du bringst mich auf die Palme", der verzweifelte Ausruf einer Mutter provoziert bei ihrem autistischen Sohn die ganz ernsthaft gemeinte Frage: "Aber wo ist hier eine Palme?" - weil er die bildhafte Sprache seiner Mutter nicht begreifen kann. Und wenn die Lehrerin sagt: "Alle nehmen jetzt das Lesebuch raus", dann braucht ihre autistische Schülerin ein Extra-Aufforderung, weil sie den Satz sonst nicht auf sich bezieht. Aber wer weiß das schon?

Das Diakonie-Team berät deshalb Familien, Lehrer und Erzieherinnen, aber vor allem bietet es jungen Autisten zwischen drei und 22 Jahren Einzelförderung und Gruppentraining. Luca (16), der neben seinem Autismus auch durch eine Sehstörung beeinträchtigt ist, war ziemlich unselbstständig, bevor er ins Kompetenzzentrum kam, konnte sich nicht mal ein Brot schmieren. Heute schnibbelt er Tomaten und bereitet gekonnt Tortellini zu. "Vor allem aber hab' ich Umgangsformen gelernt", sagt er selbstbewusst. Heißt: Er hat trainiert, sich mit Fremden zu unterhalten, Gefühle zu erkennen und darauf zu reagieren. Und er kann Ironie von Ernst unterscheiden. Ein starker Lernprozess.

Wie viele Autisten hat auch Luca, der die Schule für Sehbehinderte besucht, spezielle Interessen: "Nach dem Unterricht bin ich unterwegs." Am liebsten in vollen Zügen, dann fährt er bis in die Eifel oder ins Sauerland, kennt alle Typenbezeichnungen, alle Namen der Bahnhofssprecher und imitiert perfekt eine Ansage auf holländisch - zur Gaudi seiner Umgebung. Und wie stellt er sich seine Zukunft vor? "Ich habe einen Traum", sagt Luca, "ich will Sänger werden." Eigene Texte schreibt er heute schon.

Die Lebenswege von Rosa und Luca zeigen auch, dass es nur eine Regel gibt: Jeder Autist ist anders. Rosa ist an einer frühkindlichen Form mit einer gravierenden Entwicklungsstörung erkrankt. Sie lebt überwiegend in einem Heim, arbeitet tagsüber in einer Behindertenwerkstatt. Sie braucht klare Strukturen, Ordnung. Wenn in der Küche ein Messer herum liegt, räumt sie es sofort in eine Schublande, wenn sie am Rhein Müll entdeckt, trägt sie ihn in den nächsten Abfallkorb. Ihr Vater sagt: "Für sie ist es wichtig, feste Bindungen zu haben." Sind die gestört, gerät sie buchstäblich aus dem Takt, wird aggressiv. Aber wenn es ihr gut geht, kann Rosa - was für Autisten eher untypisch ist - mit einem entwaffnenden Lächeln auf Fremde zugehen. Momente, in denen ihr Vater "ganz verzaubert ist" von seiner Tochter. "Sie ist sehr direkt und spontan."

Wie viel durch intensive Förderung erreicht werden könne, sei verblüffend, meint Anke Rockel. Zurzeit werden im Kompetenzzentrum der Diakonie 50 Kinder und Jugendliche betreut, aber die Nachfrage von ratlosen Familien ist groß, die Warteliste lang. Deshalb hat sich der Verband gerade entschieden, mithilfe einer großzügigen Spende ein weiteres Zentrum zu bauen, in dem auch einige Appartements untergebracht werden. Trainingswohnungen, in denen junge Autisten ein selbstständiges Leben üben können.

Ob Luca da mal einziehen möchte? Kopfschütteln. "Ich leb' gern Zuhause." Dann folgt ein Satz, der die gängige Annahme, Autisten könnten ihre Gefühle nicht äußern, widerlegt: "Ich hab' meine Eltern sehr lieb."

Quelle: RP
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