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Düsseldorf
Mein Kind mit den anderen Wurzeln

Düsseldorf: Mein Kind mit den anderen Wurzeln
Max im Garten hinter dem Wohnhaus am Düsseldorfer Stadtrand. Seine neuen Eltern adoptierten ihn kurz nach der Geburt. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Adoptionen sind eine Ausnahme. Um so glücklicher sind Eltern, die das Verfahren bestehen. Eine Mutter erzählt warum. Von Jörg Janssen

Das Glück von Michaela Schmidt* begann mit einem geplatzten Lebenstraum. "Nach zehn Jahren mit vielen Rückschlägen haben wir anerkennen müssen, dass wir keine eigenen Kinder bekommen können." Ein herber Schlag, mit dem weder die heute 40-Jährige noch ihr zwei Jahre älterer Mann gerechnet hatten. Denn das Leben der beiden lief lange Zeit ziemlich rund: engagiertes Elternhaus, Studium, Jobs, in denen sich gutes Geld verdienen lässt. "Man hätte uns glatt das gewollt kinderlose Karriere-Pärchen abgenommen. Deswegen hielt sich auch die Fragerei in Sachen Nachwuchs lange Zeit in Grenzen. Für uns selbst war es trotzdem eine Riesenbelastung", sagt Schmidt.

Irgendwann wussten die Wahl-Düsseldorfer: Das Leben zu zweit ist gut, aber nun mal nicht das, was sie eigentlich wollten. Das Paar nahm Kontakt zum Jugendamt auf, besuchte gemeinsam mit fünf anderen Paaren ein Seminar. Thema der Runde, die sich an sechs Abenden jeweils drei Stunden traf: die Adoption eines dafür frei gegebenen Kindes. "Zu Beginn waren wir nicht sicher, ob es tatsächlich unser Weg ist", erinnert sich Schmidt, die nach dem Wirtschaftsstudium lange Zeit als leitende Angestellte arbeitete. Dass die Chancen nicht eben groß sind, erfuhren sie gleich am Anfang. Im Schnitt werden in Düsseldorf jährlich sieben hier beheimatete Kinder adoptiert. Dem stehen mehr als drei Mal so viele Bewerber gegenüber. "Von sechs Paaren, die ein Vorbereitungsseminar besuchen, gelangen etwa zwei ans Ziel", sagt Andreas Sahnen, Leiter des Pflegekinderdienstes und der Adoptionsvermittlungsstelle der Stadt.

Die Schmidts hatten Glück, ihre Bewerbung war erfolgreich. Seit etwa elf Monaten haben sie einen Sohn. Max* heißt der aufgeweckte Dreikäsehoch, der in der großzügigen Eigentumswohnung am Stadtrand fröhlich auf einer Decke hockt und bunte Plastikringe zu einer Pyramide aufeinanderstapelt. Ein lebhafter Junge, den die beiden nach der Geburt abholen konnten, und der seit kurzem laufen kann. "Ganz am Anfang dachten wir, wenn ein Kind jünger als drei Jahre ist, geht das in Ordnung. Aber in den Seminaren haben wir verstanden, dass wir mit Blick auf die oft schwierige Lebensgeschichte in der Ursprungsfamilie nur mit einem Kind klar kommen würden, dass nicht älter als zwölf Monate ist", erinnert sich die Düsseldorferin.

"Toll und komisch zugleich" - so beschreibt Schmidt den Moment, als sie Mutter wurde, ohne schwanger gewesen zu sein. "Ich kann mir nicht vorstellen, jemand mehr zu lieben als diesen kleinen Wurm", sagt sie heute. "Aber ich möchte auch nicht verdrängen, dass Max biologisch gesehen eben nicht mein Kind ist, dass er auch manches von jemand ganz anderem hat."

Diese andere, also Max' leibliche Mutter, haben Michaela Schmidt und ihr Mann vor der Geburt kennengelernt. Eine kurze, begleitete Begegnung, bei der eine gewisse Anonymität gewahrt wurde. Ein Foto der jungen Frau haben die angehenden Adoptiveltern damals mitgenommen. So früh, wie es vertretbar erscheint, wollen sie mit Max über seine leiblichen Eltern reden. Es soll an diesem Punkt keine Geheimnisse geben. Über die Mutter, die ihr Kind für immer abgegeben hat, fällt Schmidt kein Urteil. "Ich begegne ihrer Entscheidung mit großem Respekt", sagt sie.

Eine Adoption gleich nach der Geburt wünschen sich die meisten Bewerber, weiß Fachmann Sahnen. Und doch ist das nicht immer möglich. Neben stabilen wirtschaftlichen und persönlichen Verhältnissen spielt auch das Alter eine Rolle. Zwar hat Düsseldorf die kürzlich gelockerte Faustformel der Jugendämter, wonach der ältere der beiden Elternteile bei einer Säuglingsadoption jünger als 40 sein muss, schon immer etwas großzügiger ausgelegt. Doch auch in der Landeshauptstadt gilt: Älter als Anfang 40 sollen die Adoptierenden nicht sein.

Michaela Schmidt kannte diese Spielregeln. "Ich wusste, dass uns bei Abgabe unserer Adoptionsbewerbung Ende 2012 die Zeit bereits im Nacken saß." Dass Max nun ihr Sohn ist, ist für sie immer noch so etwas "wie ein Sechser im Lotto". "Max fängt Herzen - das ist seine Stärke", sagt sie und streicht ihrem Jungen übers Haar.

* Namen auf Wunsch der Familie geändert

Quelle: RP
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