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Reker-Prozess in Düsseldorf
"Meine größte Sorge war, dass ich gelähmt bin"

Reker-Prozess in Düsseldorf: "Meine größte Sorge war, dass ich gelähmt bin"
Die Begegnung mit Frank S. sei kein Problem, sagte Henriette Reker (59) vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. FOTO: dpa, ve fdt
Düsseldorf . Souverän war der Auftritt der Kölner Oberbürgermeisterin am Freitag vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Präzise und sachlich beschrieb Henriette Reker das Attentat und die Zeit danach. Das Zusammentreffen mit ihrem mutmaßlichen Angreifer schien ihr nichts anzuhaben.  Von Franziska Hein

Als alle Fragen gestellt sind, muss Henriette Reker sich doch noch überraschen lassen. Der Verteidiger von Frank S., Christof Miseré, ergreift das Wort und fragt, ob sein Mandant einige entschuldigende Worte an die Zeugin Reker richten dürfe. Pause. Rekers Gesicht kann man vom Zuschauerraum nicht sehen. Dann dreht sie ihren Oberkörper leicht in Richtung der Anklagebank und sagt ruhig zur Vorsitzenden Richterin Barbara Havliza: "Ich glaube, das ist noch nicht die richtige Situation." Es ist 11.07 Uhr, und Henriette Reker ist "mit Dank" aus dem Zeugenstand entlassen, wie die Richterin sagt. 

Sie hat Haltung, fällt nicht aus der Rolle

Bis zu diesem Punkt ist Reker nicht einmal aus der Rolle gefallen, hat Haltung bewahrt und nicht gezeigt, was sie fühlt oder ob sie ihr Auftritt vor Gericht aufwühlt. 

Eine knappe Stunde hat die Befragung nur gedauert. Es werde schnell gehen, hat Reker schon vor Beginn der Verhandlung in einem kurzen Statement für die Pressevertreter gesagt. Direkt nach ihrer Aussage wolle sie an ihren Schreibtisch im Kölner Rathaus zurückkehren. Die Konfrontation mit ihrem mutmaßlichen Angreifer mache ihr nichts aus – und so scheint es auch. 

Henriette Rekers Statement beim Attentats-Prozess

Als die Vorsitzende Richterin die 59-Jährige als Zeugin aufruft, kommt sie zielstrebig in den Gerichtssaal. Schräg vor ihr sitzt da schon der Angeklagte Frank S. wie immer zwischen seinen beiden Verteidigern. Reker blickt nach vorne, aber leicht nach unten. Ob sie den Angeklagten direkt ansieht, kann man vom Zuschauerraum nicht sehen. Jedenfalls legt sie es nicht darauf an, Frank S. mit ihrem Blick zu begegnen. Mit beiden Händen zieht sie den Stuhl zurück, nimmt Platz. Als die Richterin feststellt, dass Reker weder verwandt noch verschwägert sei mit dem Angeklagten, sagt diese mit trockenem Unterton: "Das ist wohl wahr." 

Ein gemütlicher Morgen

Die Richterin bittet sie, zu berichten wie sie die Tat erlebt hat. Reker beginnt ihre Schilderung am Morgen des 17. Oktober 2015, dem letzten Tag vor der Oberbürgermeisterwahl in Köln, in der sie als Spitzenkandidatin von CDU, Grünen und FDP angetreten war. Als sie zur Oberbürgermeisterin gewählt wurde, lag sie im künstlichen Koma. Frank S. wird beschuldigt, sie mit einem Messer am 17. Oktober lebensgefährlich verletzt zu haben. Damals war Reker noch offiziell Sozialdezernentin der Stadt Köln und zuständig für die Versorgung der Flüchtlinge.

Es sei ein verhältnismäßig gemütlicher Morgen gewesen, erzählt Reker. "Ich bin um halb sieben aufgestanden, habe mit meinem Mann gefrühstückt und wurde gegen viertel vor neun von zu Hause abgeholt", erzählt sie. Ihr Wahlkampfleiter Pascal Siemens, ihr Mann und sie seien dann in den Stadtteil Braunsfeld zum Markt gefahren, um dort Rosen an Passanten zu verteilen.

In nur wenigen Sätzen erzählt sie von der Tat:

"Ich habe einen Bund Rosen in den Arm gedrückt bekommen, die dort verteilt werden sollten. Dann kam Herr S. auf mich zu. Er fragte mich sehr freundlich, ob er eine Rose bekommen könnte, in Sekundenschnelle zog er das Messer und stach es mir in den Hals. Ich bin zu Boden gegangen. Ich habe gemerkt, dass ich aus Mund und Nase blute. Ich habe mich in eine stabile Seitenlage gebracht, meinen rechten Zeigefinger in die Wunde am Hals gesteckt, um die Wunde zu kompressieren. Ich habe vom Geschehen um mich herum nicht mehr viel mitbekommen. Ich habe noch Menschen in meiner Nähe gehört, die sich um mich kümmerten. Ich habe mich nur noch um mich selbst gekümmert in dem Moment." 

Rekers Stimme ist fest. Nur einmal hält sie kurz inne, bevor sie den Namen von Herrn S. ausspricht. Sie sei bei Bewusstsein gewesen, bis sie im Krankenhaus sediert wurde. In der Notaufnahme habe sie noch versucht, sich verständlich zu machen, dass sie am nächsten Tag unbedingt wählen wolle – einer der wenigen Sätze, die sie überhaupt sagen kann. 

"Nach meiner Wahrnehmung hatte das Messer den Hals völlig durchstoßen. Meine größte Sorge war, dass ich gelähmt bin", sagt die Kölner Oberbürgermeisterin. "Ich hatte immer den Gedanken, ich komme mit dem Rollstuhl nicht durch die Badezimmertür. Es sind komische Gedanken, die man da hat." 

Größer könnte die Distanz zwischen ihnen nicht sein

Reker trägt einen dunkelblauen Blazer und eine dunkle Hose, sie hat hellrosafarbende Schuhe an. Sie sitzt mit überschlagenen Beinen auf ihrem Stuhl in der Mitte des Saals. Ihr Fuß wippt ständig. Links von ihr sitzt Frank S.. Er verfolgt ihre Aussage ohne merkliche Beteiligung. Er sitzt an die Rückenlehne gelehnt mit leicht gebeugten Oberkörper da und hört zu. Größer könnte die Distanz zwischen mutmaßlichem Täter und Opfer nicht sein.

Die Richterin befragt Reker auch zu ihrer Rolle als Sozialdezernentin der Stadt Köln. Reker erzählt, sie sei häufiger für ihre Haltung kritisiert worden. Aber es sei ja auch Aufgabe der Politik, mit dieser Kritik umzugehen. Einmal sei sie sogar bespuckt worden. "Ich habe immer wieder betont, wie wichtig mir eine humane Unterbringung und schnelle Integration in die Gesellschaft sind. Ich habe auch davon gesprochen, welche Chancen ich in der Situation für die Stadt sehe." 

Bis heute hat Reker Albträume

Mit der Kölner Oberbürgermeisterin und der Vorsitzenden Richterin sitzen sich zwei gleichermaßen willensstarke Frauen gegenüber. Man merkt Richterin Havliza an, dass sie Respekt vor Reker hat, als diese die Folgen des Attentats schildert. Sie wird sich noch einer kleinen Nachoperation unterziehen müssen, weil sie immer das Gefühl habe, als stecke ihr eine große Tablette im Hals. "Wenn ich lange Arbeitstage und viel gesprochen habe, ist das sehr anstrengend." "Wie gehen sie psychisch damit um? Kommen Sie alleine damit zurecht?", will die Richterin wissen. Ihr sei im Krankenhaus professionelle Hilfe angeboten worden. "Der Arzt und ich sind zu der Meinung gekommen, dass ich als Mensch so robust bin, dass ich das verarbeite." Albträume habe sie aber immer noch. 

(heif)
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