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Kolumne Auf Ein Wort
Menschen brauchen Perspektiven

Düsseldorf. In Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" zieht der kleine Johann unter den aufgezeichneten Stammbaum seiner Familie einen langen Strich. Zur Rede gestellt, was ihn dazu bewogen habe, antwortet er: "Ich glaubte, es käme nichts mehr" und nimmt damit gleichsam den Niedergang seiner Familie vorweg. "Ich habe doch nichts mehr zu erwarten" hört man bisweilen alte, desillusionierte oder sehr kranke Menschen sagen. Wenn nichts mehr zu erwarten ist, verliert das Leben seinen Glanz, und es lohnt nicht, daran festhalten zu wollen. Wir Menschen brauchen Perspektiven. Unsere Freude am Leben hängt an der Hoffnung, dass noch etwas kommt.

Das macht die positive Stimmung, die viele Menschen im Advent trotz Stress und Hektik bewegt, verständlich. Weihnachten steht vor der Tür, und auch die Zeit davor wartet mit vielem Schönen auf, das wir erwarten können. Ist dann Weihnachten da, setzt jedoch oft Ernüchterung ein. Die Christbäume fliegen bei manchem schon am Zweiten Feiertag aus dem Fenster - jetzt kommt nichts mehr. Aber Weihnachten, das Fest der Geburt Christi, ist kein Schlussstrich. Im Gegenteil: Es will ein Anfang sein. Eine neue Zeit ist angebrochen, weswegen wir unsere Jahre nach diesem Ereignis berechnen.

Und was haben wir noch zu erwarten, was kommt noch? Der in Kaiserswerth geborene spätere Jesuit und Kämpfer gegen die Hexenverfolgung, Friedrich Spee, dichtet 1637 in seinem Weihnachtslied "Zu Bethlehem geboren": "O Kindelein von Herzen, Dich will ich lieben sehr, in Freuden und in Schmerzen, je länger mehr und mehr." Mitten im Dreißigjährigen Krieg ist Spee der Überzeugung, dass in Freuden und in Schmerzen der menschgewordene Gottessohn zu finden ist. Wenn das so wäre, gibt es keine Lebensphase, keine Situation, in der wir sagen dürften: "Ich habe doch nichts mehr zur erwarten." Dann bliebe das Leben erwartungsvoll - zu jeder Stunde.

OLIVER DREGGER IST PFARRER AN ST. SUITBERTUS KAISERSWERTH.

Quelle: RP
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