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Syrische Familie in Düsseldorf
Meriam soll nach Polen abgeschoben werden

Syrische Familie in Düsseldorf: Meriam soll nach Polen abgeschoben werden
Meriam und Bruder Elias (links) auf dem Spielplatz mit Freund Frederik FOTO: Hans-Juergen Bauer
Düsseldorf. Die sechsjährige Meriam kommt aus Syrien und ist gerade in Düsseldorf eingeschult worden. Jetzt wollen die Behörden sie und ihre Familie abschieben - ausgerechnet nach Polen. Über den ganz normalen Irrsinn des Dublin-Verfahrens. Von Helene Pawlitzki

Frederik läuft vor. "Fre-de-rik!", schreit Meriam. Und Elias fängt an zu rennen. Aber Frederik ist nicht mehr einzuholen.

Auf dem Spielplatz ist dann Meriam die Eifrigste. Nur ungern trennt sie sich vom Klettergerüst und setzt sich kurz zum Reden auf die Stufen. Schwimmen mag sie am liebsten, sagt sie. Und laufen. Und die Schule. "Die Lehrerin lernt mich: ABC, eins, zwei, drei." Sie malt eine Drei auf, dann ein A. Sie zählt eine lange Liste von Mädchennamen auf und überlegt, wer davon ihre beste und wer ihre zweitbeste Freundin ist. Dann geht sie wieder klettern.

Meriams Deutsch ist nicht perfekt, aber sie ist auch erst sechs Jahre alt. Sie spricht noch zwei weitere Sprachen: Arabisch und Kurdisch. Seit diesem Sommer besucht sie die katholische St.-Peter-Grundschule, vorher war sie mit ihrem Bruder Elias (4) und ihrem Freund Frederik (5) zusammen in der angeschlossenen Kindertagesstätte.

Die Familie soll nach Polen abgeschoben werden

Frederik kommt erst nächstes Jahr in die Schule und möchte dann am liebsten neben Meriam sitzen, aber Meriam ist dann schon in der zweiten Klasse. Vielleicht aber wird Meriam auch gar nicht mehr da sein; die Ausländerbehörde will sie und ihre Familie nach Polen abschieben.

Meriam und Frederik verstehen das noch nicht, sie toben unbeschwert auf dem Klettergerüst. Ihre Eltern begreifen das Ganze eigentlich auch nicht, aber unbeschwert sind sie nicht.

Miriam (2. von links) und Niklas Schulte (ganz rechts) wollen Sana Ekeli und ihrem Mann Abused Hemi helfen. FOTO: Hans-Juergen Bauer

Sana Ekeli, Meriams Mutter, trägt ein Kopftuch und sieht bedrückt aus. Meriams Vater Abused Hemi lächelt viel, aber es ist ein kleines, verzweifeltes Lächeln, das breiter wird, wenn man ihn fragt, wie es ihm geht. Er sieht müde aus.

Bei Behördengängen und Anträgen helfen Frederiks Eltern, Niklas und Miriam Schulte (Nachname geändert). Sie ist Anwältin, er Journalist. Um Frederik zu schützen, wollen sie ihren richtigen Familiennamen nicht veröffentlichen. Sie erzählen von der Lage der Familie Hemi. Ab und zu merkt man ihnen an, wie sehr sie das Verhalten des deutschen Staats irritiert.

Abschieben nach den Regeln von Dublin II

Dieser Staat hält sich an Regeln, und diese Regeln stehen im Dubliner Übereinkommen. Es regelt, welcher Mitgliedsstaat der Europäischen Union zuständig ist, wenn ein Ausländer einen Asylantrag stellt. Im Fall der Familie Hemi ist das Polen, denn dort wurde sie nach ihrer Flucht aus Syrien erstregistriert.

Wie abschieben geht, hat Sana Ekeli in ihrer Nachbarschaft gesehen. Morgens um sechs. "Tür eingeschlagen, Familie mitgenommen", sagt sie. Ihr Deutsch ist nicht so gut wie Meriams, denn sie und ihr Mann bekommen ohne bewilligten Asylantrag keinen Platz in einem Integrationskurs. "Bei Familien mit kleinen Kindern", ergänzt Miriam Schulte, "kommen die Behörden erst um sechs, sonst um vier Uhr morgens." Sie runzelt die Stirn.

Am Anfang brach Meriam oft in Tränen aus

Die Schultes haben Familie Hemi kennengelernt, als Meriam und Elias in die Kita kamen. "Als ich Frederik abholen wollte, stand Abused da und suchte seine Tochter", erzählt Miriam Schulte. Der Mann sprach kein Wort Deutsch. "Und Frederik sagt zu mir: Da ist doch jetzt dieses Mädchen, das spricht auch nicht." Das war Meriam.

Extrem scheu und ängstlich seien beide Kinder gewesen, als sie im Mai 2015 in die St.-Peter-Kita gekommen seien, steht in einem Entwicklungsbericht des Kindergartens. "Besonders Meriam brach jedes Mal in Tränen aus, sobald sie ihren Bruder aus dem Blick verlor." Dieses Mädchen könne doch niemals in einem Jahr eingeschult werden, habe ein Erzieher damals kopfschüttelnd gesagt, erzählt Miriam Schulte. 

Kindheit auf der Flucht

Kindergarten, das kannte Meriam bis dahin nicht. Vorher lebte sie mit ihrer Familie in Polen, ein Jahr und acht Monate lang, in Otwock, in der Nähe von Warschau. Kurz vor Weihnachten 2012 war Familie Hemi dorthin geflüchtet, vor dem syrischen Bürgerkrieg.

Polen war keine schöne Erfahrung, so erzählen es Sana und Abused. Es sei unmöglich gewesen, dort Arbeit zu finden. Zwischendurch habe Sana bei einem Friseur angefangen. Es sei auch gut gelaufen, aber dann hätten sich Kunden über die Muslima mit Kopftuch beschwert. Abused habe gar nichts gefunden. "Wir wollen nicht, dass Muslime hier arbeiten", sagten die Leute.

In Kamishli an der syrisch-türkischen Grenze, wo die Familie herkommt, hatte Abused Hemi eine Herrenboutique. Vorher hatte er Arabisch und Jura studiert. Dann begann der Krieg, und er brachte seine Familie in Sicherheit, erst in den Libanon, dann ins Flugzeug nach Europa. Drei Monate nur, dachte er, bis die Kämpfe vorüber seien.

Nach einem Dreivierteljahr in Polen waren Abuseds Ersparnisse aufgebraucht. Ausgegeben hatte er sie unter anderem für Polnischkurse. Vom Staat kam keine Unterstützung, auch nicht bei der Jobsuche. Die Kinder bekamen keinen Platz im Kindergarten und waren nicht krankenversichert.

Im Sommer 2014 nahm die Familie deshalb den Abendzug nach Luxemburg und stieg in Köln aus. Sie wurden in die Erstaufnahmestelle nach Dortmund gebracht, nach einem Monat ging es weiter nach Düsseldorf.

Meriam will Klassenbeste werden

In der Nähe des Hauptbahnhofs haben sie eine Wohnung gefunden. In Düsseldorf wurde vor zehn Monaten die jüngste Tochter Sarah geboren. Sana hat trotz Duldung einen Job als Putzfrau genehmigt bekommen und kann ein bisschen Geld verdienen. Meriam wurde eingeschult. 

Sie verstehe und spreche mittlerweile gut Deutsch, bescheinigt ihr die Grundschule in einem Schreiben an die Ausländerbehörde. Sie "zeigt sich als leistungsstark, außerordentlich motiviert und wissbegierig", heißt es weiter. Sie selbst sagt, sie wolle die Beste in der Klasse werden.

Der Inbegriff der gelungenen Integration sei die Familie, schreibt die Kindertagesstätte. Die Schule bestätigt das. Beide schreiben, dass die Eltern zu allen Schulterminen erschienen seien, ob Gottesdienste, Infoveranstaltungen oder Kennenlerntreffen. Sie hätten sich sehr darum bemüht, Deutsch zu lernen und Kontakt zu Deutschen zu pflegen. Wenn nötig, hätten sie selbst für einen Dolmetscher gesorgt.

Ist es vertretbar, Meriam aus ihrem Leben in Deutschland zu reißen?

Das ist auch eins der Hauptargumente der Schultes. "Die Hemis sind hier angekommen", sagt Miriam. "Sie sind eindeutig willens und in der Lage, sich zu integrieren." Und ihr Mann ergänzt: "Es ist ihnen unheimlich unangenehm, dass sie vom Geld des Staates leben müssen."

Dass die Regeln von Dublin ziemlich eindeutig sind, wissen auch die Schultes. "Juristisch ist es nachvollziehbar, dass die Hemis abgeschoben werden sollen", sagt Niklas Schulte. "Aber ist das mit dem Kindeswohl vereinbar?" Das ist das Hauptargument des Antrags: Dass insbesondere Meriam, die schnell Deutsch gelernt hat und in der Schule gut zurecht kommt, nicht aus dieser Situation herausgerissen werden darf.

"Unzumutbare Härte" nennt das die Schulleitung der Grundschule in ihrem Brief zum Antrag. Man sei überzeugt, "dass ein solcher Schritt das Kind sowohl sozial entwurzeln als auch die außerordentlich positive Lernentwicklung (...) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einbrechen ließe."

Die Schultes haben einen Antrag bei der Härtefallkommission des Landes Nordrhein-Westfalen gestellt. Diese Kommission prüft bei Ausländern ohne Aufenthaltserlaubnis, ob es eine besondere Härte bedeutet, Deutschland verlassen zu müssen. Doch die Kommission lehnte es ab, sich damit zu befassen. Wenn es um Abschiebungen nach dem Dublin-Verfahren gehe, sei die Kommission in aller Regel nicht zuständig, so die Vorsitzende Barbara Marx.

Ungewisse Zukunft

"Nicht mehr schlafen", sagt Abused Hemi auf die Frage, wie er mit der Situation umgehe. Und was wünscht sich Sana Ekeli? "Zurück nach Syrien", sagt sie. "Keine Bomben mehr." Sie weint. Miriam Schulte nimmt sie in den Arm.

Und Meriam? Meriam ist immer noch auf dem Klettergerüst. Sie will Ärztin werden, sagt sie. Und Englisch lernen. Ob das in Polen klappen kann?

 
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