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Düsseldorf
Mit Rückenwind und Tempo zum Radprofi

Düsseldorf: Mit Rückenwind und Tempo zum Radprofi
Juri Kullman hat vor zwei Jahren sein erstes Rennrad geschenkt bekommen. Jetzt bestimmt der Sport seine Freizeit. FOTO: Oliver Burwig
Düsseldorf. Seit der 15-jährige Juri Kullman zum ersten Mal auf einem viel zu großen Rennrad saß, träumt er davon, ein Profi zu werden. Fast jeden Tag trainiert er, um eines Tages in der großen Liga mitzuspielen. Von Oliver Burwig

Juri will es wissen. Spricht er von seinem Training, dann klingt es so, als rede er von Naturgesetzen, denen es sich zu unterwerfen gilt: Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer. Dann wieder Schnelligkeit, wieder Kraft, wieder Ausdauer, es sei denn, es ist Freitag. Freitag ist frei. Wenn es wie aus Eimern regnet, geht es in der Halle auf die "Rolle", eine Konstruktion, die das Hinterrad seines Rennrads in der Luft hält. Bei jedem anderen Wetter quält der 15-Jährige sich stundenlang über hügelige Straßen oder rast mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde über die Geraden. Er liebt die Geschwindigkeit und wenn er bis an seine Schmerzgrenze gehen kann.

Der Schüler ist einer der etwa 20 Kinder und Jugendlichen, die Sascha Grünewald bei der Sportgemeinschaft Radschläger als Trainer betreut. Der 42-Jährige stellt die Übungen auf, von ihm hat Juri das Mantra "Schnelligkeit vor Kraft vor Ausdauer" gelernt, das gleichzeitig schon der grobe Trainingsplan ist: An einem Tag geht es nur um eine hohe Trittfrequenz, der Tag darauf ist für Krafttraining reserviert, am dritten Tag kommt eine lange Ausfahrt von mindestens drei Stunden auf Juri zu. Was daran Spaß macht? "Ich mag es, wenn man auf Geraden richtig schnell wird und gut drücken kann", sagt der Jugendliche. Je nachdem, wie der Wind steht, könne er 50, 60 Kilometer pro Stunde erreichen, bei Gegenwind sei es schwierig, 35 oder 40 zu halten.

Noch gemeiner ist es, gegen das große Nichts anzukämpfen, das vor der "Rolle" liegt, in die das Rennrad eingespannt wird. Eine gute Stunde auf dem Gerät entsprechen zwei Stunden auf der Straße, erklärt Grünewald. "Und es gibt keinen Fahrtwind, der den Schweiß verdunsten lässt", sagt Juri, der zugibt, dass das nicht gerade seine Lieblingsdisziplin ist - obwohl für ihn die Qual zum Leistungssport gehört.

Wenn Juri sich an sein erstes Rennen am 10. April 2016 erinnert - das Datum kommt wie aus der Pistole geschossen -, dann spürt man seinen Ehrgeiz. "Man fährt die ganze Zeit am Anschlag: Es ist toll, diesen Schmerz auszuhalten, ihn zu unterdrücken." Ein gutes Stück habe er sich im Hauptfeld halten können, doch irgendwann fuhren ihm die erfahreneren Rennradler davon. Kurz habe er sich geärgert, dann war Juri aber froh über seine Leistung. Generell, sagt Grünewald, ist Juri ein "absoluter Chiller", wenn es um Situationen geht, in denen andere Jugendliche vielleicht besonders frustriert oder aufgeregt wären. Auch eine schwierige Angstphase nach einem gefährlichen Sturz habe er überwunden, jetzt fahre er wieder offensiv mit.

Dennoch kennt der 15-Jährige auch die andere Seite des Radfahrens noch, das entspannte Radeln. Tingel-Touren mit seinen Eltern sind allerdings passé: "Dafür fehlt mir die Geduld", sagt Juri. Ein Spiel mit der Geduld sind auch die fahrradfreien Phasen, die Grünewald ihm und seinen anderen Schützlingen regelmäßig verordnet. Drei bis vier Wochen würden die Trainingsräder, die die jungen Amateur-Sportler von den SG Radschlägern gestellt bekommen, weggeschlossen, meist zu den Herbstferien. "Das fördert die Vielseitigkeit", sagt der Trainer, denn in der Zeit würden sich die Jugendlichen mit Laufen, Klettern, Schwimmen und anderen Aktivitäten auspowern. Mit dem Nebeneffekt, dass die Lust umso größer sei, wenn die Fahrradsaison endlich weitergeht.

Nicht nur an sein erstes Rennen kann sich Juri bis ins letzte Detail erinnern: Auch den Moment, als er an seinem 13. Geburtstag ein Rennrad bekam, das mit 28-Zoll-Reifen gute zwei Nummern zu groß für ihn war, wird er wohl nie vergessen: "Das war ein Rad für Zwei-Meter-Menschen", sagt der 15-Jährige. Zehn Sekunden habe er sich bei ganz nach unten gestelltem Sattel darauf halten können, dann sei er fast umgekippt. Dennoch wusste er in diesem Augenblick: "Ich wollte in einen Verein, Rennen fahren, um Profi zu werden."

Quelle: RP
 
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