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Düsseldorf
Mobile Sprechstunde für Obdachlose

Düsseldorf: Mobile Sprechstunde für Obdachlose
Der Düsseldorfer Allgemeinmediziner Clemens Wirtz misst in dem umgebauten Campingmobil vor der Armenküche den Blutdruck eines Patienten. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Seit 20 Jahren kümmert sich der Verein "Medizinische Hilfe für Wohnungslose Düsseldorf" um kranke Menschen ohne Obdach. Clemens Wirtz ist einer der Ärzte, die ehrenamtlich im Einsatz sind. Von Ina Armbruster

Kaum hat Clemens Wirtz den Campingbus vor der Armenküche am Burgplatz geparkt, klopft auch schon der Erste an. "Habt ihr vielleicht Alufolie für mich?", fragt der Mann. Wirtz verneint. Als er vor etwa drei Jahren das erste Mal für den Verein "Medizinische Hilfe für Wohnungslose Düsseldorf" im Einsatz war, hat er eine solche Frage noch nicht verstanden. Inzwischen weiß er: Die Heroin-Süchtigen brauchen Alufolie, um den Stoff zu erhitzen. Viele der Menschen, die zu ihm kommen, haben ein Suchtproblem. Wirtz behandelt oft die Folgen. Entzündungen, offene Wunden an den Einstichstellen.

Der Allgemeinmediziner hat eine Praxis in der Altstadt, zusätzlich verbringt er regelmäßig seine Mittagspause damit, gemeinsam mit einer Arzthelferin Wohnungslose zu versorgen. Ein umgebauter Campingbus dient als Praxis. Statt eines Betts ist hinten eine Liege einbaut, in den Schubladen und Regalen stapeln sich unter anderem Medikamente und Verbandszeug. Der Verein hat zwei feste Praxen bei Beratungsstellen, der Bus ist zweimal pro Woche unterwegs - kommt zum Beispiel zur Armenküche am Burgplatz. Die Krankheitsbilder der Patienten ähneln sich: Abszesse, Bronchitis, Lungenentzündungen, Krätze. Die Sucht und das Leben auf der Straße hinterlassen ihre Spuren.

Jürgen Böhmke will sich an diesem Tag nur den Blutdruck messen lassen. Das Ergebnis, weiß er eigentlich schon vorher: zu hoch. Ändern wird sich daran wohl nichts, die Medikamente sind zu teuer. Als er das letzte Mal ins Krankenhaus eingewiesen wurde, wurde er abgewiesen. Er hatte zwar eine Krankenkassen-Karte, doch diese war abgelaufen.

Manche Patienten sind krankenversichert, andere nicht. Doch selbst wer krankenversichert ist, nutzt oft lieber die Hilfe des Vereins: "Viele Wohnungslose haben schlechte Erfahrungen in Arztpraxen gemacht, wurden dort unfreundlich behandelt. Hier wissen sie, dass wir sie nehmen, wie sie sind", sagt Wirtz. Früher habe außerdem die Praxisgebühr oft von einem Arztbesuch abgehalten. Noch immer ist die Selbstbeteiligung an den Medikamenten ein Problem. Doch Wirtz kann nur verteilen, was er aus Spenden erhalten oder selbst aus seiner Praxis mitgebracht hat - und die Patienten zu einer Apotheke schicken, die die Medikamente ohne Selbstbeteiligung ausgibt. Armin Geißer klopft bei Wirtz an, um mal eben "Hallo" zu sagen. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig die Arbeit der ehrenamtlichen Ärzte und Arzthelfer ist. "Als ich noch auf der Straße gelebt habe, hatte ich große Probleme mit chronischer Neurodermitis und mich unter den Füßen richtig wund gekratzt. Hier wurde ich gut behandelt und stationär ins Krankenhaus eingewiesen", erzählt er. Seitdem juckt es kaum noch. Geißer hat längst wieder eine Wohnung, ist Stadtführer für fifty-fifty.

Der nächste Besucher ist wieder ein Patient, sein Arm ist im Gips. Die Tür geht hinter ihm zu - die Privatsphäre wird auch im Campingbus gewahrt. Und auch an die Dokumentationspflicht sollten sich die Ärzte hier wie in jeder Praxis halten. "Nicht immer einfach, wenn im Sommer zum Beispiel ausländische Erntehelfer zu uns kommen, die keine Dokumente mitbringen."

Er hat in den drei Jahren viel erlebt. Besonders nahe geht es ihm, wenn seine Patienten nicht zu vereinbarten Nachuntersuchungen kommen - denn das kann schlimme Folge haben. "Wenn jemandem mit Mitte zwanzig ein Bein abgenommen werden muss, ist das schlimm. Vor allem, weil meine eigenen Kinder auch in dem Alter sind."

Also macht er weiter, um so etwas zu verhindern. Und freut sich über seinen Lohn - eine hausgemachte Suppe aus der Armenküche.

Quelle: RP
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