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Serie: Welche Kultur braucht Düsseldorf?
"Museumsbesucher sind Kultur-Flaneure"

Serie: Welche Kultur braucht Düsseldorf?: "Museumsbesucher sind Kultur-Flaneure"
Kulturberater Patrick S. Föhl hat in vielen Ländern einen professionellen Blick auf die Kultur - in Düsseldorf steuert er dafür den Entwicklungsplan. FOTO: RVR/Berns
Düsseldorf. Patrick S. Föhl moderiert das Verfahren zum Kulturentwicklungsplan. Er fordert mehr Kooperation der Museen.

Warum kommen vor allem Museen zunehmend in Legitimationszwänge und dann häufig in die Debatten um Einsparungen?

Föhl Man muss dabei sehen, dass zum einen in vielen deutschen Städten eine umfangreiche museale Infrastruktur vorhanden ist, zum anderen Museen aber in der Kulturpolitik nicht immer den besten Stand haben. Das liegt daran, dass sie oft keine größere Sichtbarkeit haben und auch weniger vernetzt sind, also keine gemeinsame Stimme besitzen. So geraten sie fast zwangsläufig in die Spardiskussionen. Das trifft vor allem für die mittleren und kleineren Häuser zu. Das heißt aber auch, dass diese Museen sich viel stärker positionieren, also sichtbar werden müssen. Neben den unbestreitbar wichtigen Aufgaben der Museen - Sammeln, Bewahren, Forschen - muss das Vermitteln und Präsentieren eine noch viel stärkere Rolle spielen. Kurzum: Die Museen müssen sich bemühen, etwa durch interessante Kooperationen, eine gesellschaftlich stärkere Rolle zu spielen. Dafür brauchen sie aber die Rückendeckung der Politik.

Museen sind ja Kinder des 19. Jahrhunderts, als das Geschichtsbewusstsein sich immer stärker artikulierte. Ist diese Idee der Bewahrung im 21. Jahrhundert noch aktuell beziehungsweise zeitgemäß?

Föhl Das ist die zentrale Frage. Wir müssen schauen, wie wir diese Kultur des 19. Jahrhunderts mit den Bedürfnissen des 21. Jahrhunderts zusammenkriegen. Dazu gehört dann auch die heikle Frage, ob etwas zur Disposition gestellt werden darf, um neue Entwicklungen zu ermöglichen. Genau darum ist es so wichtig, Dialogstrukturen herzustellen, um solche Fragen konstruktiv und ohne Verletzungen diskutieren zu können. Wir haben doch bislang immer nur über zwei Dinge gesprochen: über den Ausbau, also die Erweiterung der Ressourcen für die Kultur, sowie über den Abbau von Kultur. Aber seien wir ehrlich: Beide Debatten führen nicht zu einem guten Ergebnis. Meines Erachtens müssen wir über die Transformation vorhandener Konzepte und Strukturen sprechen.

Konkretes Beispiel: Wie kann es das Goethe-Museum, in dem Sie heute sprechen, schaffen, zum Blockbuster in der Stadt zu werden?

Föhl Das ist eine Frage an die Kulturpolitik, wie sie sich dazu verhält. Aber hier sind seit langem viele Fragen unbeantwortet. Das ist vielleicht eines der zentralen Probleme. Dabei sind für Düsseldorf gerade die unterschiedlichen Spezialmuseen so spannend. Wenn man diese stärker zusammenbringen und zusammen denken würde, auch in der Außendarstellung, findet das mit Sicherheit größeres Interesse, zum Beispiel von Kulturtouristen. Es geht dann nicht nur ums Goethe- und nicht nur ums Hetjens-Museum, sondern um eine kooperative Darstellung und Bespielung dieser besonderen Museumslandschaft, wie sie in anderen Städten, etwa Frankfurt am Main und Kiel, glänzend funktioniert. Vielleicht muss dann auch nicht an jedem Tag überall alles präsentiert werden. Das muss dann aber die Politik mittragen und konsequent ermöglichen.

Das hört sich nach der Installierung eines Generaldirektors oder übergeordneten Kulturmanagers an, der vieles strukturiert und koordiniert.

Föhl Die Diskussion über einen Generaldirektor in Düsseldorf ist ja sehr virulent. Und dann gehen sofort die Schotten runter, wenn darüber gesprochen wird. Vielleicht muss man gar nicht gleich den Generaldirektor ins Spiel bringen, es reicht schon, einen Konsens zwischen den Museen zu finden, gemeinsame Sache machen zu wollen. Dann reicht zu Beginn eine Art Koordinationseinheit, die von allen finanziert wird. Wenn man sich erst einmal auf einer Ebene trifft, zum Beispiel dem Marketing und gemeinsamen Teilhabeangeboten, auf der man Kooperation erlernt, dann kommt man sehr schnell auf Inhalte. Es ist in der Regel nicht gut, zu Beginn zentral über inhaltliche Konzeptionen zu sprechen, weil dann die Autonomie, die die Museen viele Jahrzehnte verteidigt haben, angegriffen wird.

Welche Rolle spielt dabei denn die Freie Szene?

Föhl Wenn wir über Museen sprechen, sprechen wir in der Regel auch über Räume. Museen können interessante Räume anbieten. Und dann gilt es zu bedenken, dass das klassische Bildungsbürgertum überschaubarer wird. Die heutigen Besucher sind Kultur-Flaneure, die mal hierhin und mal dorthin gehen Wenn man dies mit der Freien Szene mischt und miteinander kombiniert, lassen sich große Erfolge erzielen.

In der Stadt gibt es schon viele Debatten, derzeit aber ausnahmslos über Anregungen des Oberbürgermeisters, über Standorte des Schauspielhauses nachzudenken. Viele Menschen irritiert das, zumal in der Endphase des sogenannten Kulturentwicklungsplans, an dem viele Akteure und Bürger mitgewirkt haben und die jetzt den Eindruck gewinnen, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.

Föhl Das ist in der Tat so. Aber wahrscheinlich gilt das auch schon für das ganze Jahr, dass immer wieder aktuelle Themen hochkommen. Das ist tatsächlich eine Herausforderung in diesen Entwicklungsprozessen, bei denen klassische, politische Handlungsstrukturen bestehen und tätig bleiben. Da wird wenig Rücksicht genommen auf Partizipationsverfahren. Das zeigt einfach, wie lange es dauert, bis sich eine Kultur des konstruktiven Dialogs entwickelt. In Düsseldorf ist das besonders stark ausgeprägt. In der nächsten Woche werden wir bei einem weiteren Workshop im NRW-Forum - zu dem die Öffentlichkeit eingeladen ist - das Handlungsfeld Schauspielhaus aufgreifen.

Wie wird das aussehen?

Föhl Zunächst: Ich habe von Anfang an gedacht, dass die Salamitaktik mit dem Schauspielhaus - also alle paar Jahr immer ein bisschen sanieren - am Ende nicht aufgehen wird, sondern eine nachhaltigere Lösung anzustreben ist. Das zeigen auch die vielen Debatten in anderen deutschen Städten. Es braucht eine stärkere Verständigung der Stadtgesellschaft über Zukunftsvisionen in Bezug auf ihre Kulturinstitutionen. Und diese muss möglicherweise größer sein als der Dialog, der jetzt geführt worden ist. Wenn jetzt 600 Leute ins Schauspielhaus kommen und darüber diskutieren, dann ist das noch kein Spiegel der Stadtgesellschaft, sondern ein Startpunkt. Die Debatte könnte viel offener geführt werden. Bisher sind das nämlich häufig Experten-Diskurse.

Warum gibt es denn darüber keine Abstimmungen unter den Akteuren?

Föhl Vieles geschieht auch impulsiv, weil eben lange Zeit in Düsseldorf viele Fragen in der Kultur nicht diskutiert oder bereits vorhandene Konzepte nicht konsequent umgesetzt wurden. Es existiert in vielen Feldern der Kulturbereiche ein Konzeptionsstau, das zeigen die Ergebnisse der Kulturentwicklungsplanung ganz deutlich. Deswegen gibt es aber auch viel Misstrauen gegenüber dem Prozess, da man vielleicht den Glauben daran verloren hat, dass hier etwas Wahrhaftiges entsteht. Es gibt aber auch viele, die diesen strukturierten Dialog wertschätzen, in dem auch andere Meinungen zu Worten kommen.

Was heißt das fürs Schauspielhaus?

Föhl Nun ja, dass man sich zum Beispiel nicht immer nur der alten Muster und der alten Raster in der Auseinandersetzung bedient. Das nämlich macht die ganze Situation nur noch schlimmer. Wir können mit dem Kulturentwicklungsplan eins aber nicht: der Politik die Entscheidungen abnehmen. Dazu sind wir nicht legitimiert. Wir formulieren in Analyse- und Partizipationsverfahren Ziel- und Maßnahmenbereiche, die das Fundament für schwerpunkt- und zukunftsorientierte Kulturpolitik darstellen können - zum Beispiel durch die Stärkung kultureller Teilhabeangebote. Manchmal wird uns dabei auch vorgeworfen, wir hätten eine versteckte Agenda der Politik zu befolgen. Aber ich handle im Auftrag der Kulturpolitischen Gesellschaft, die nun nicht dafür steht, eine willfährige Unternehmensberatung für ihre Auftraggeber zu sein.

LOTHAR SCHRÖDER FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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