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Einsamkeit
Ohne Familie in einer fremden Welt

Mustafa Alzir: Ohne Familie aus Syrien nach Düsseldorf
Mustafa Alzir ist glücklich in Düsseldorf. Hier fühlt er sich sicher und frei. FOTO: Hans-Juergen Bauer (hjba)
Düsseldorf. Der Syrer Mustafa Alzir lebt seit einem Jahr in Deutschland - ohne seine Familie. Er hofft, seine Schwester 2016 zu sich holen zu können. Von Carolin Skiba

Mustafa Alzir hat es geschafft. Vor einem Jahr ist der 33-jährige Syrer nach einer langen Reise über die Türkei, Italien, Frankreich und Belgien nach Deutschland gelangt. Alzir ist glücklich in Deutschland und vor allem in Düsseldorf, auch wenn er seine Heimat und alles, was er damit verbindet - Freunde, Arbeit, besondere Orte - vermisst. Am meisten fehlt ihm aber seine Familie, seine fünf Schwestern und die Eltern. Nun wünscht sich Alzir nichts mehr, als auch seine Eltern und seine Schwester Ghazal (22) ins sichere Deutschland zu holen.

Deshalb hat der Syrer zurzeit viel zu tun und wenig Zeit zum Nachdenken. Das ist auch gut, denn so wird ihm nicht bewusst, dass er in Düsseldorf nahezu allein ist. Zwei Freunde hat er hier, die er aus Syrien kennt. Die anderen sind "in aller Welt verstreut oder nicht mehr am Leben", sagt er. Eine seiner Schwestern wohnt mit ihrem Mann in Dubai, eine andere in den Niederlanden, eine in Syrien. Zwei Schwestern sind noch mit den Eltern in der Türkei. Doch dort können sie als Flüchtlinge auch nicht für immer bleiben.

Vor Mustafa Alzir liegt 2016 eine große Herausforderung. Denn der Familiennachzug ist nach deutschem Recht streng geregelt. Eltern und Geschwister gelten in der Fachsprache als "sonstige Familienangehörige", sagt Nina Himmelspach vom Deutschen Roten Kreuz. Nur Eheleute und unverheiratete, minderjährige Kinder gelten als direkte Familie, die bei anerkannten Flüchtlingen einen Anspruch auf Nachzug haben. Himmelspach erklärt die Problematik, die Alzirs Familie betrifft: "Rechtlich ist es fast nicht möglich. Es gibt zwei Voraussetzungen, die praktisch fast nie gegeben sind." Erstens: Der in Deutschland Lebende muss ein Einkommen haben, mit dem er sich selbst und den Aufenthalt der Nachzügler finanzieren kann. Himmelspach: "Meistens ist es aber so, dass Flüchtlinge erst nach einer Weile einen Job finden und Geld verdienen. Zudem ist neben dem Lebensunterhalt ja auch die Krankenversicherung zu zahlen, die für einen älteren Menschen, der auch noch krank ist, sehr teuer ist." Hinzu kommt, dass beim nachzuholenden Familienmitglied eine "außergewöhnliche Härte", beispielsweise eine Pflegebedürftigkeit, vorliegen muss und weit und breit niemand aus der Familie in der Nähe sein darf, der sich kümmern könnte. Da das alles nicht vorliegt, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass Alzir seine Eltern so bald wiedersieht.

Mustafa Alzir hofft, dass auch seine Familie (auf dem Handyfoto) eines Tages kommen darf. FOTO: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Bei seiner Schwester sieht das glücklicherweise etwas anders aus. Die 22-Jährige gilt zwar auch als "sonstiges Familienmitglied", kann aber den Bildungsweg gehen, und versuchen, in Deutschland einen Studienplatz zu bekommen. In unserem Gespräch erhält Alzir plötzlich einen Anruf. "Good news", sagt der Syrer, nachdem er aufgelegt hat, und lächelt. Ein Mann, der sich in Deutschland um syrische Studenten kümmert und sich auch um einen möglichen Studienplatz für Alzirs Schwester kümmert, hat angerufen und ihm mitgeteilt, dass es gut aussieht. Alzirs Schwester hat eine vorläufige Erlaubnis für ein Studium in Architektur an der Uni Erfurt. Nun braucht sie noch eine Person, die für sie bürgt, falls sie das Geld, laut Alzir eine Sicherheit von 8000 Euro, nicht aufbringen kann. Diese Person hat Alzir auch schon gefunden. "Das ist eine sehr liebe Frau aus Düsseldorf, die sich für Flüchtlinge engagiert", sagt er. Alzirs Schwester würde, wenn die deutsche Botschaft in der Türkei mitspielt, ein Visum bekommen und legal nach Deutschland einreisen. "Das ist der einzige Weg, um meine Schwester hierherzuholen. Ich kann ihr doch nicht sagen, dass sie sich in eins dieser Boote setzen soll", sagt Alzir. Er selbst ist übers Mittelmeer geflohen, dieser Gefahr will er sie nicht aussetzen.

Mustafa Alzir muss sich noch um vieles kümmern - aber er bekommt Hilfe. Immer wieder schwärmt er von den Menschen, die alles geben würden, um Leuten wie ihm zu helfen. Als anerkannter Flüchtling wohnt er mittlerweile in seiner eigenen kleinen Wohnung im Düsseldorfer Stadtteil Benrath. Er dürfte auch schon arbeiten, aber mit den Deutschkenntnissen hapert es noch ein wenig. "Im Januar startet mein Kurs", sagt er. Später möchte er am liebsten wieder im kaufmännischen Bereich arbeiten, so wie in Syrien. Dort hatte er einen Handel für Restaurantbedarf. Solange er aber noch nicht richtig Deutsch spricht, hilft er anderen Flüchtlingen, die noch nicht so weit sind wie er. "Ich finde, wenn ich nehme, muss ich auch etwas geben", sagt er. In Deutschland bekomme er viel, das Wichtigste für ihn sind Frieden und Freiheit - beides gibt es für ihn in seiner Heimat nicht mehr. In Syrien hat er in Banias direkt am Meer gelebt, daher ist er froh, in Düsseldorf den Rhein in der Nähe zu haben. "Und hier gibt es viel Grün", sagt er.

Der Syrer blickt optimistisch in die Zukunft, aber trotz der guten Aussichten für seine Schwester wirkt er nicht erleichtert. Zu groß ist die Sorge um seine Eltern. Denn seine andere Schwester, die aktuell ebenfalls noch in der Türkei ist, wird bald mit ihrem Mann nach England gehen. Wer soll sich dann um die Eltern kümmern? Und noch steht nicht fest, wann Ghazal einen Termin bei der Botschaft in der Türkei bekommt. "Da gibt es zurzeit große Probleme", sagt Himmelspach. Sie erzählt von Familien, die vor kurzem einen Termin angefragt haben, um sich bei der Botschaft vorzustellen. Eine Zusage, also eine Einladung für die Antragstellung, haben sie für November 2016 bekommen. "Teilweise warten diese Menschen fast ein Jahr." Das liege daran, dass sehr viele Familienangehörige von anerkannten Flüchtlingen einen Visumantrag stellen wollen und die Terminvergabe nicht immer fair läuft.

Wie die Zukunft von Alzirs Familie aussieht, ist ungewiss. Die Hoffnung gibt er aber nicht auf. Vielleicht sind sie irgendwann vereint - in Düsseldorf am Rhein.

Weitere Texte, in denen sich unsere Autoren mit dem Jahr 2016 beschäftigen, finden Sie hier. 

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Quelle: RP
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