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Nach Umzug in Düsseldorf
Schützen uneins über Reichskriegsflagge

Nach Umzug in Düsseldorf: Schützen uneins über Reichskriegsflagge
FOTO: RP
Düsseldorf. Ist es ein Problem, wenn Schützenzüge mit der Reichskriegsflagge marschieren? Unsere Umfrage unter Schützenvereinen der Region zeigt: Die Schützen in NRW sind gespaltener Meinung.

Am Sonntag war die Marine-Kompanie des Heerdter Schützenvereins mit der Reichskriegsflagge durch ihren Stadtteil gezogen und hatte damit für Diskussionen gesorgt. Die Flagge stammt aus dem 19. Jahrhundert. Ihre Verwendung ist nicht verboten. Sie wird aber häufig von rechtsradikalen Gruppierungen benutzt, die den Nationalsozialismus verherrlichen. Auch manche Schützenzüge verwenden sie, dann allerdings meist mit Verweis auf die Zeit des Kaiserreichs, aus der sie stammt. So auch in Heerdt, wo die Reichtskriegsflagge schon seit langer Zeit Teil des Umzugs ist.

Schützen aus Heerdt und Lörick wollen auf die Fahne verzichten

Die Heerdter Schützen reagieren auf die Kritik: Geht es nach Schützenchef Heinz-Dieter Werner, wird die Flagge, die bis 1892 offizielle Kriegsflagge der kaiserlichen Marine war und bis 1921 als Reichskriegsflagge von den Streitkräften des Deutschen Reichs geführt wurde, bei der Kompanie abgeschafft. "Ich werde das der Marine-Kompanie vorschlagen und hoffe, dass sie sich zur Generalversammlung am 1. November dazu äußern wird. Denn wir sollten überlegen, ob wir uns das immer wieder antun wollen, regelmäßig vorgeführt und in die rechtsextreme Ecke gestellt zu werden."

Bezirksbürgermeister Rolf Tups lässt auf die Heerdter Schützen nichts kommen. "Seit 17 Jahren besuche ich ihre Schützenfeste und habe nur offene und vernünftige Schützen aus allen Schichten der Bevölkerung getroffen. Wir sollten aufhören, sie zu politisieren." Weil es sich meist um traditionelle Vereine und historische Bruderschaften handele, sollten die Verantwortlichen aber auch darüber nachdenken, ob das, was ihnen die Vorväter vererbt haben, noch zeitgemäß sei.

Bei den Löricker Schützen wurde die umstrittene Flagge in diesem Jahr definitiv zum letzten Mal getragen, sagt Schützenchef Thomas Hummelsbeck. "Nach dem Ende des Festes hat die Marinekompanie Heimattreue sie selbst eingerollt mit der Aussage, sie künftig im Schrank zu lassen." Bei der Flagge sei es einzig um die Tradition gegangen und nicht um eine politische Aussage. "Doch wir müssen Schaden vom Verein abwenden."

Thomas Nickel,   Präsident  des   knapp 7700   Uniformierte zählenden Neusser Bürger-Schützen-Vereins, fordert  in der  Flaggenfrage mehr  Fingerspitzengefühl. "Auch wenn die Reichskriegsflagge nicht verboten ist, sollte man sie nicht mitführen", sagt der 68-Jährige, "denn sie kann Assoziationen an eine dunkle Zeit unserer Geschichte heraufbeschwören". Dass eine solche Fahne am Sonntag beim Neusser Schützenfest auftauchen könnte, sei nicht zu befürchten. "Wir haben nur Traditionskorps, die sich aus der Schützengeschichte entwickelt haben", sagt Nickel. Marine- oder Kadettenkorps kennt der Neusser Bürger-Schützen-Verein nicht. Nickel: "Es gibt keinen Kontakt zu derart militärischen Gruppierungen."

Reichskriegsflagge führte schon vor 25 Jahren zum Eklat

Hans-Dieter Caspers, erster stellvertretender Vorsitzender der Interessengemeinschaft Düsseldorfer Schützenvereine, befürwortet den Verzicht auf die Flagge. Denn diese sei eben keine Schützenflagge und habe daher auch nichts in einem Brauchtumsverein zu suchen, findet Caspers, der auch Ehrenchef der Bilker Schützen ist.

Eine Kompanie des Vereins habe vor 25 Jahren die Reichskriegsflagge bei einem Umzug getragen, worauf es zum Eklat gekommen sei. Damals habe der Fall allerdings anders gelegen: "Eine Gruppe von gut zehn rechtsradikalen Männern versuchte, unsere Marine-Kompanie feindlich zu übernehmen. Sie traten alle auf einmal ein und trugen dann die Flagge." Bevor man sie aus dem Bilker Schützenverein habe herauswerfen können, seien die Männer selbst ausgetreten. Eingetreten seien die Männer damals vor allem, um über die Mitgliedschaft in dem Sportschützenverein schneller und besser an Waffen zu kommen, sagt Caspers.

Schützen aus Grevenbroich stehen zur Reichskriegsflagge

Bei den Umzügen des Bürgerschützenvereins Allrath (Grevenbroich) wird die Reichskriegsflagge vom Marinezug "Graf Spee" mitgeführt. "Aus Tradition", sagt Vereinspräsident Thomas Schmitz. Die Fahne gehöre seit vielen Jahrzehnten zum Schützenfest dazu.

Fotos: Diese Flaggen sind umstritten oder verboten FOTO: RP

Schmitz wehrt sich dagegen, dass den Schützen damit eine rechtsextremistische Gesinnung unterstellt wird. "Von einem solchen Gedankengut distanzieren wir uns deutlich. Wir lassen uns nicht in eine rechte Ecke drängen", sagt er – und weist auf die Ortsbevölkerung hin, die sich etwa vorbildlich um die Integration von Flüchtlingen kümmere. Ein junger Zug habe die Flagge von einem älteren übernommen, um den Brauch fortzuführen. "Die Jungs, die sich vielfach sozial im Dorf engagieren, wissen, was sie durch den Ort tragen – und dass das nicht mit neonazistischem Gedankengut zu tun hat." Schmitz weist darauf hin, dass die Nationalsozialisten die Fahne zwar missbraucht hätten, sie sei aber nicht verboten.

Auch Leser und Facebooknutzer sind gespalten

Auf RP Online und der Facebookseite der RP Düsseldorf meldeten sich zahlreiche Leser des Artikels zu Wort. Viele kritisieren die Verwendung der Reichskriegsflagge und unterstellen den entsprechenden Kompanien, rechtes Gedankengut zu verherrlichen. So schreibt ein Nutzer: "Wer freiwillig in Reih und Glied zu klingendem Spiel mit der Reichskriegsflagge durch unsere Straßen marschiert, darf sich nicht auch noch dumm stellen und so tun, als sei mit dieser Flagge keinerlei politische Botschaft verbunden" und fordert weiter: "Weg mit diesem Tuch, ohne wenn und aber!"

Andere - darunter nach eigenen Angaben auch Schützen - wehren sich gegen diese Kritik mit dem Hinweis auf die Brauchtumspflege. "Es ist die Flagge der Kaiserlichen Marine. Was ist dran verwerflich, wenn sie gezeigt wird? Bloß weil ein paar Vollidioten sie nach dem Ende der Monarchie mißbraucht haben?", schreibt beispielsweise ein Nutzer. Und ein anderer bemerkt: "Der Schießsport und das Militär sind historisch und traditionell kaum zu trennen, von daher besteht sehr wohl eine Legitimation zum Tragen historischer Symbole, die eben juristisch nicht verboten sind."

(hiw/semi/wilp/hpaw)
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