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Düsseldorf
Nadjas neue große Schwester

Düsseldorf. "Rock your life" vermittelt studentische Coaches an Elleraner Hauptschüler. Die Studenten sollen den Schülernauch helfen, im Beruf Fuß zu fassen. So sind auch Maria Sellin und Nadja Kantarevic zusammengekommen. Von Victoria Michalczak

Zu Hause in Bosnien gab es keine überfüllten Kaufhäuser. Dort hatte Nadja Kantarevic gute Noten, einen großen Freundeskreis und den Traum, einmal Lehrerin zu werden. Hier in Düsseldorf streift die 16-jährige Schülerin der Gemeinschaftshauptschule Bernburger Straße durch die Etagen der Kaufhauskette Primark. Zierlich und klein steht sie zwischen der Synthetik in Knallfarben und den Plastikschuhen.

An Jugendliche wie Nadja richtet sich die gemeinnützige Organisation "Rock your life". Studenten werden als Coaches an junge Menschen vermittelt. So lernte Nadja im vergangenen Jahr Maria kennen.

Maria Sellin ist 21 Jahre alt und studiert an der Fachhochschule Design. Dort hörte sie durch eine Freundin von dem Projekt. "Die hat gesagt, wenn du ein Stipendium haben willst, macht sich das gut. Aber ich mache das nicht, um irgendein Zertifikat zu kriegen", sagt sie.

Regelmäßig treffen sich die beiden in Eller und gehen zusammen shoppen, spazieren oder ins Kino. Einmal nahm Maria die Schülerin auch zu einer Vernissage in Essen mit, damit sie so etwas auch einmal kennenlernt. Bei Maria fühlt sich Nadja verstanden. Die hat selbst einen Migrationshintergrund, auch ihr Vater pendelte lange zwischen Deutschland und der Heimat, bis die Familie schließlich herzog.

Maria kommt aus Polen und ist in Deutschland aufgewachsen, Nadja zog mit ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern erst vor einem Jahr her. Seitdem besucht sie die Hauptschule an der Bernburger Straße in Eller. Als sie vom ersten Schultag nach Hause kam, wollte sie die Schule wechseln. Sie bekam Kopfschmerzen, weil alle so laut durch die Klasse brüllten, Schimpfwörter, die sie zuvor nie gehört hatte. "Ich fand es so schrecklich. Jetzt hab' ich mich daran gewöhnt", sagt sie. Einsen und Zweien schrieb sie früher in Bosnien, wo sie wie alle Schüler eine gemeinsame Unterstufe besuchte. Jetzt steht sie in Mathe auf einer Fünf. Auf ihren Traum vom Unterrichten hat sie hier, wie es aussieht, keine Chance. Viele Chancen hat man hier als Sechzehnjährige mit holprigem Deutsch und einer Fünf auf dem Zeugnis von der Hauptschule ohnehin nicht. In Maria hat sie aber jemanden gefunden, der an sie glaubt. Sie half ihr, für ihr Pflichtpraktikum Grundschulen zu finden, bei denen sie in der Kinderbetreuung helfen kann, und las ihre Bewerbungen Korrektur. Fast täglich telefonieren die beiden.

Während Nadja mit ihren Eltern kaum über ihre Probleme spricht, weiß sie, dass sie zu Maria immer kommen kann, ob mit Schulstress oder Liebeskummer.

Maria wünscht sich, dass Nadja nach der zehnten Klasse auf eine Realschule wechseln kann, und daran will die Schülerin arbeiten.

Nur wenige von Nadjas Mitschülern, die sich für das Programm gemeldet hatten, haben nach der Schule noch Kontakt zu ihren Coaches. "Aber ich bin wie eine große Schwester für Nadja", meint Maria. Nadja nickt.

Weitere Informationen unter www.rockyourlife.de

Quelle: RP
 
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