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Serie Düsseldorfer Geschichten
Neue deutsche Welle

Serie Düsseldorfer Geschichten: Neue deutsche Welle
Der Höhepunkt jedes Badetages an der Grünstraße: das Wellenspiel. Rechts oben ist das Café des Hauses zu erkennen, im Hintergrund der Sprungturm, auf dem auch Meisterschaften ausgetragen wurden. FOTO: Stadtarchiv Düsseldorf
Düsseldorf. Vor 50 Jahren eröffnete das damals größte Hallenbad Europas an der Grünstraße - und prägte mindestens zwei Generationen Düsseldorfer. Von Christian Herrendorf

Alle Erinnerungen an das Düsseldorfer Zentralbad stecken in einem Satz: "In fünf Minuten beginnt das Wellenspiel." Diese Ansage vom Band signalisierte allen Badehosen- und Badeanzug-Trägern an der Grünstraße, dass sie alsbald den passenden Platz aufsuchen mussten. Kleinere Kinder und alle, die nicht richtig nass werden wollten oder sollten, gingen ans vordere Ende des großen Beckens. Alle, die sich einigermaßen eigenständig über Wasser halten konnten, passierten mindestens die Schnur, die die Schwimmer von den Nichtschwimmern trennte. Dann wogte das Wasser von den Sprungblöcken los und brach schließlich an den Beinen derer, die die Kleinkinder beaufsichtigten.

Die anderen Erinnerungen: Es gab unter den Lieblings-Kindergeburtstagen in den achtziger Jahren eine klare Nummer eins. Wer Eltern hatte, die alle Freunde des Klein-Jubilars ins Wellenbad an der Grünstraße einluden, legte beachtlich an sozialem Status zu. Wer gar Erziehungsberechtigte hatte, die die Kinder anschließend noch ins Café oberhalb des Beckens baten, musste sich über mehrere Jahre keine Sorge um Kumpels oder Kumpelinnen machen. Dann brauchte es nur noch einen, der einen der schwarzen Gummiringe in der Größe eines ausgewachsenen Traktorreifens für mindestens ein halbes Dutzend Schwimmer sicherte, und schon war die Feier perfekt.

So sah das Wellenbad 1966 von außen aus. Heute steht an dieser Stelle das Einkaufszentrum "Stilwerk". FOTO: Stadtarchiv Düsseldorf

Dass tatsächlich einmal mindestens zwei Generationen Düsseldorfer diese Erinnerungen teilen würden, ahnte bei der Eröffnung am 3. Juni 1966 noch niemand, dennoch kannten die verantwortlichen Herren wenig Zurückhaltung bei den Superlativen. Der Wiener Architekt Friedrich Florian Grünberger, der wegen seiner Entwürfe für zahlreiche Schwimmanstalten den schönen Beinamen "Bäderpapst" trug, nannte seine Arbeit für Düsseldorf die "schönste Badeanlage Europas". Oberbürgermeister Willi Becker stellte der Öffentlichkeit das Haus als "das jüngste und schönste Kind der Stadt" vor. Zum Zeitpunkt der Eröffnung war es das größte Hallenbad in Europa. Die Adresse wird schnell zum eigentlichen Namen des Hauses. Die Düsseldorfer gehen nicht ins Zentral- oder Wellenbad, sondern zur Grünstraße.

Auch wenn die politische Geschichte vor der Eröffnung weit mehr als 50 Jahre zurückliegt, ähnelt sie in einigen Punkten doch der Gegenwart. Nahe der Königsallee gab es seit 1888 ein Volksbad, das in den fünfziger Jahren nicht mehr den Ansprüchen der Zeit genügte. Die Mitglieder des Stadtrats diskutierten deshalb, wie groß und teuer ein neues Bad im Zentrum denn werden dürfe. Kämmerer Reisinger plädierte für die kleine Lösung, die Entscheidung fiel aber zugunsten des 23,65 Millionen Mark teuren Entwurfs. Presslufthämmer und Bulldozer beseitigten das Volksbad, die Politiker drängten darauf, dass die Zeit, in der die vielen Schwimmer der Stadt so wenig Bademöglichkeiten haben, so knapp wie möglich gehalten wird. Aus den erhofften vier Jahren bis zur Eröffnung wurden am Ende sechs.

Auch ganz wichtig für die Besucher: die schwarzen Reifen und die anderen Gummi-Schwimmgeräte, die hier bei einem Fest 1988 zum Einsatz kamen. FOTO: Stadtarchiv Düsseldorf

Die Verzögerung ging in der allgemeinen Schwärmerei über die vielen Feinheiten des Bades dann unter. Die Düsseldorfer Nachrichten berichteten vom "Hygienepalast mit Meereswellen", in dem man das Chlor gar nicht rieche. Das Amtsblatt listet nicht ohne Stolz die technischen Eckdaten auf: Der jährliche Strombedarf entsprach dem von 400 durchschnittlichen Haushalten, stündlich wurden 160.000 Liter Wasser umgewälzt. Zwei Maschinen mit 120 PS hoben und senkten den Tauchkörper, der so das Wasser aus einer Rinne ins Becken drückte und Wellen mit einer Amplitude von einem Meter erzeugte.

Gelegentlich waren nicht einmal die Wogen der spektakulärste Anblick des Bades. Dank des Zehn-Meter-Turms war die Grünstraße auch Austragungsort der deutschen Springer-Meisterschaften. Das Bad war an diesem Tag so ausverkauft, dass selbst der Chef der Bäderverwaltung, Heinz Caspers, nur noch einen Notsitz erhielt. Von dort sah er, wie der Deutsche Meister Bernd Wucherpfenning vom Zehner sprang - und in der Mitte des Kreises einer Gruppe von Synchronschwimmerinen aus Eschweiler ins Wasser eintauchte.

Doch auch alle Meisterschaften und Geburtstagsfeiern änderten nichts daran, dass irgendwann im Düsseldorfer Rathaus die Erkenntnis reifte, dass sich ein Grundstück an so zentraler Stelle sehr gut verkaufen ließe, und ein großes Schwimmbad auch an weniger zentraler Stelle errichtet werden könnte. Die Pläne für den Düsselstrand in Flingern entstanden und wurden Wirklichkeit. Für die Grünstraße fließen 40 Millionen Mark in die Stadtkasse, den Zuschlag erhielten die Macher des Einkaufszentrums "Stilwerk".

Am 8. Oktober 1995 kostet der Eintritt an der Grünstraße noch einmal 1,30 Mark, so wie 1966. Es ist der Tag, an dem das Bad für immer schließt. Um 16.35 Uhr ist noch einmal die Ansage zu hören, fünf Minuten später beginnt zum letzten Mal das Wellenspiel.

Quelle: RP
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