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Heimatreport
Niederkassel oder der Traum vom Paradies

Heimatreport: Niederkassel oder der Traum vom Paradies
In den Niederkassler Schrebergärten steht das Gras höher als in den sonstigen Kleingartenanlagen. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Unser Autor musste erst ein Filet verspeisen und durch eine aus der Zeit gefallene Gartenwelt wandeln, bis er ihn fand: den Humor. Von Frank Lorentz

Mein Eindruck von Niederkassel ist immer noch hervorragend. Es sind wirklich nur Kleinigkeiten, die mich nachdenklich machen. Zum Beispiel neulich, da habe ich mit einem Düsseldorfer Bekannten abends in der Osteria Saitta, Alt-Niederkassel 32, gegessen. Die Osteria ist, wie jeder halbwegs genussfreundliche Mensch weiß, ein erlesenes Restaurant. Ich folgte der Empfehlung des Wirts, bestellte das Rinderfilet, und es war erwartungsgemäß vorzüglich. Nur dass mein Bekannter, der etwas anderes bestellt hatte, während des Essens unentwegt auf meinen Teller starrte und sagte, also das Filet, das habe er bei Saitta schon besser gesehen. Er sagte das ungefähr einhundert Mal, sein eigenes Essen interessierte ihn überhaupt nicht. Ich war kurz davor, ernsthaft die Geduld zu verlieren, zumal er sich auch noch in der Küche über mein Filet beschwerte, was mir heute noch peinlich ist und wofür ich nachträglich um Entschuldigung bitte. Aha, dachte ich damals. Niederkassel. Einer der wohlhabendsten Stadtteile Düsseldorfs. Prachtvolle alte und moderne Häuser, und auf den Straßen eine auffallend hohe Porsche-, Jaguar- und Range-Rover-Dichte. Kann es sein, dass hier, wo ein Viertel der in Düsseldorf lebenden Japaner zu Hause ist und sich der europaweit einzige japanische Tempel befindet, das Beste nicht gut genug ist? Hier, wo die Straßen so traumhafte Namen haben wie "Am Deich" oder "An der Apfelweide"?

Nun bin ich erneut in Niederkassel gewesen, an einem kühlen, bewölkten Vormittag. Ich mag es, wenn es kühl und bewölkt ist, denn ich stamme aus Bielefeld, da ist das Wetter immer so. Mein Plan war, diese dörflich anmutende, von schönen Backsteinhäusern gesäumte Straße namens Alt-Niederkassel noch einmal bei Tageslicht zu besichtigen. Dann aber war es so, dass ich vom Weg abkam, denn in der Nähe verläuft die Straße "Am Deich", und ein nach Meer, Wind und Ferien klingender Straßenname zieht mich nun einmal unwiderstehlich an. Im Nu fand ich mich in einer Kleingartenanlage am Rhein wieder. Aber was sag' ich Kleingartenanlage. Das war eine Großgartenanlage. Weiß Gott, das waren keine Schrebergärten, das waren fast schon Schreberparks! Fast alle verwildert, das Gras beinahe überall knöchel-, wenn nicht sogar kniehoch. Die Pflanzen standen geradezu triefend, die Blumen leuchteten. Lauter Paradiesgärten, staunte ich. Gelebte Freiheit. Ganz anders als in Köln, wo die Kleingartenparzellen zu Vereinen gehören, deren Chefs einem den Winkel vorschreiben, in dem der Jägerzaun stehen muss. Und immer führen bei uns Bahngleise quasi mitten durch die Gartenanlage hindurch! Dagegen Niederkassel: Ich lief durch einen schulterbreiten, von Baumkronen überdachten Hohlweg und linste durch verschlossene Gittertore in diese entzückenden Gärten. Keiner sah aus wie der andere, jeder individuell. So einen, dachte ich, will ich auch. Kurz darauf hatte ich ein paar Begegnungen. Und es ging los mit der partiellen Beschädigung meines Bildes von Niederkassel, zu der der Düsseldorfer Bekannte, der nicht müde wurde, ein Filet, das er nicht essen sollte, nicht zu mögen, den Prolog geliefert hatte.

Der Mann war um die 60 Jahre alt und stand in einer breiten, offenen Garage. Links von ihm ein poliertes MG-Cabriolet, rechts ein altes Motorrad. Er pinselte im Stehen an einem Kleinteil herum. Ich fragte ihn, ob er wisse, wie die Kleingartenanlage heiße und wie ich dort an ein Grundstück kommen könne. Er sagte, die Anlage habe keinen Namen. Es gebe auch keinen dazugehörigen Verein. Alteingesessene Bauern aus Niederkassel hätten irgendwann damit begonnen, die Grundstücke zu verpachten. Ein paar Schritte weiter kam ich ins Gespräch mit einem Bauarbeiter, der mir offenbarte, dass er einst Pächter eines solchen Gartens gewesen sei; allerdings habe er den Garten von einem Pächter gepachtet gehabt, und als dessen offizieller Vertrag mit der Stadt abgelaufen sei, habe die Stadt den Garten mirnichtsdirnichts dem Erdboden gleichgemacht; dass er unter der Hand weiterverpachtet gewesen war, wusste die Stadt ja nicht. "Mein Häuschen - einfach weg!", sagte der Bauarbeiter und fügte an, dass er in seiner Zeit als Niederkasseler Gartenbesitzer sehr unter Ratten und Einbrüchen zu leiden gehabt habe. Die ältere Fahrradfahrerin, die ich anschließend ansprach, machte im selben Stil weiter - ich nahm langsam Abschied von meinem Traum, Paradiesgartenbesitzer sein zu wollen. Die Stadt, erläuterte die Dame, kaufe alle Gärten nach und nach, um sie platt zu machen, irgendwas störe die Stadt daran. Im Übrigen seien viele Gärten verwildert. Ich: "Gerade das finde ich so schön." Sie, schnippisch: "Was der eine schön findet, mag der andere gar nicht." Ich sagte dem Gartentraum endgültig adieu, als mir ein Mann, der aus dem idyllisch aussehenden Lokal "Im alten Bierhause" trat, zu verstehen gab, dass der Uferstreifen mit den Gärten "Vorflutgelände" sei. Alle fünf Jahre, bei Hochwasser, sei das Gebiet komplett überschwemmt. "Dann schwimmen die Buden bis Büderich."

Aber wie gesagt, das sind letztlich alles nur Kleinigkeiten. Das Niederkasseler Vorflutgelände ist und bleibt ein Traum. Und auch das Hinterflutgelände, sprich ganz Niederkassel, ist und bleibt außergewöhnlich. Wo, wenn nicht hier, will man leben? Wie ich so im Hinterflutbezirk über die Straße Alt-Niederkassel spazierte, lachte mich auf einmal der Comedian Guido Cantz an. Ich mag den Humor von Guido Cantz zwar gar nicht, finde nicht einmal, dass es sich um Humor handelt, aber der Mann füllt Arenen, und dafür gebührt ihm Respekt. Er lachte mich von einem Plakat an, das hinter einer Fensterscheibe der Agentur "Lust und Laune Eventkonzepte" hing. Ich klingelte, eine Frau öffnete. Cantz sei einer der drei Geschäftsführer der Agentur, erklärte sie. Dass einer der erfolgreichsten deutschen Comedians ein Doppelleben als Agentur-Chef in Niederkassel führt - wer hätte das gedacht?

Noch dazu, so stellte sich heraus, ist einer der beiden anderen Geschäftsführer Präsident der drittältesten deutschen Karnevalsgesellschaft, des "Allgemeinen Vereins der Karnevalsfreunde Düsseldorf, gegr. 1829", welche gleichzeitig die Gesellschaft mit den meisten Karnevalsveranstaltungen in Düsseldorf ist. Das Herz des Düsseldorfer Humors - es schlägt in Niederkassel! In dem Karnevalsverein, so versprach die Frau lächelnd, könne ich sofort Mitglied werden. Gerne! Herzlichen Dank und Alaaf! Oder sagt man hier was anderes? Egal. Der Anfang meiner Karriere als Eingeborener des zauberhaftesten aller Düsseldorfer Stadtteile ist hiermit gemacht. Niederkassel, ich komme!

Quelle: RP
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