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Ein Opfer berichtet
"Der Einbruch lässt mich nicht mehr los"

NRW: "Der Einbruch lässt mich nicht mehr los" – ein Opfer berichtet
Gisela Hoppe hat an allen Fenstern und Türen ihrer Wohnung zusätzliche Schlösser anbringen lassen. Bereits zweimal wurde bei der Düsseldorferin eingebrochen. FOTO: Anne Orthen
Bei der Düsseldorferin Gisela Hoppe ist bereits zweimal eingebrochen worden. Die 64-Jährige leidet unter den Folgen. Aber sie hat gelernt, mit der Angst zu leben. Darum kommt für sie auch ein Umzug nicht in Frage. Von Christian Schwerdtfeger, Düsseldorf

Gisela Hoppe* sitzt oft am Fenster ihrer Erdgeschosswohnung und schaut einfach nur raus auf die Urdenbacher Kämpe. Sie braucht den Ausblick ins Grüne. Für sie hat das was mit Lebensqualität zu tun. Gerade deswegen hat sich die 64-Jährige auch für die ebenerdige Wohnung im Düsseldorfer Süden entschieden.

Doch so unbeschwert wie früher, in der Zeit vor den beiden Einbrüchen, kann sie den Blick nicht mehr genießen. "Ich habe zwar überlegt, auszuziehen, aber ich möchte mich nicht fremdbestimmen lassen von der Angst, nicht verscheuchen lassen von den Einbrechern", sagt sie. Aber der mit den Einbrüchen verbundene Eingriff in ihre Intimsphäre belastet sie bis heute schwer. "Das lässt einen nicht mehr los. Aber man muss lernen, damit zu leben."

Das bedeuten die Gaunerzinken FOTO: RPO

Beide Einbrüche bei ihr haben in der dunklen Jahreszeit stattgefunden. Beim ersten Mal ist sie von einem Weihnachtsmarkt nach Hause gekommen. Sie erinnert sich daran, wie sie vor ihrer Wohnungstür gestanden und die Tür plötzlich nicht aufbekommen hat, weil der Täter sie, wie sich später herausstellen sollte, von innen mit einer Kette blockiert hat. "Diese eigentliche Einbruchssicherung sichert nicht vor Einbrüchen, sondern schützt die Einbrecher", sagt Hoppe. Das habe sie dadurch gelernt. "Die haben dann nämlich Zeit, wenn die merken da ist jemand an der Tür, in Ruhe zu packen und abzuzischen."

In dem Fall sind die Einbrecher über den Balkon in die Wohnung gelangt. Das Wohnzimmer haben sie weitestgehend in Ruhe gelassen, das Schafzimmer aber völlig auseinandergenommen. "Die hatten alle Schubladen rausgezogen, alles aus den Schränken gerissen und von den Regalen runtergewischt." Aber das Schlimmste seien die Fußabdrücke gewesen, die die Täter hinterlassen haben. "Die sind mit schmutzigen Schuhen auf dem Bett gewesen. Das ist so ekelig. Das ist furchtbar. Man fühlt sich wirklich hilflos."

So schützen Sie Ihr Haus vor Einbrechern FOTO: dpa, Robert Schlesinger

Beim zweiten Einbruch kommt sie von einem Kurzurlaub an der Nordsee zurück. Wieder steht sie vor der Tür und kriegt sie nicht auf. "Da habe ich sofort gewusst, was los ist", betont die 64-Jährige. Diesmal sind die Täter durchs Küchenfenster gekommen. Und seitdem hat sie jedes Mal Angst, wenn sie nach Hause kommt, den Schlüssel ins Schloss steckt und die Tür nur ein wenig klemmt. "Dann habe ich sofort Herzrasen."

Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Einbruchsopfer wie in NRW. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Wohnungseinbrüche im Vergleich zu 2014 sprunghaft um rund 18 Prozent auf mehr als 62.000 Fälle gestiegen. Jedes achte Einbruchsopfer fühle sich nach Angaben des Opferschutzvereins Weißer Ring nach einem Einbruch in seinen eigenen vier Wänden nicht mehr sicher und denke wie Gisela Hoppe über einen Umzug nach.

Mit Nebel gegen Einbrecher

Die Polizei hat ihr geraten, die Wohnung besser zu sichern. Das seien Einbruchsserien, man solle sich keine Hoffnungen machen, seine Sachen zurückzubekommen, den ganzen Schmuck, die Familienerbstücke. Aber darum geht es ihr auch nicht in erster Linie. "Das Entsetzliche ist, dass Fremde so leicht in deine Intimsphäre eingreifen können", sagt sie. "Dieses Gefühl der Ohnmacht geht tief in einen rein." Nein. Die Polizei habe ihr nicht helfen können.

Dafür aber Hans Göschl, ein Bekannter von ihr, der im Opferschutzverein Weißer Ring tätig ist. Viele gemeinsame Gespräche mit ihm haben ihr geholfen, das Erlebte halbwegs zu verarbeiten. "Jedes fünfte Einbruchsopfer leidet langfristig unter Ängsten und psychosomatischen Belastungen", sagt Göschl. "Darum ist es sehr wichtig, mit Dritten über seine Sorgen zu sprechen. Außenstehende haben oft einen anderen Blick auf die Sache und können wertvolle Ratschläge geben."

"Man darf sich die Freiheit nicht nehmen lassen"

Verstehen kann Hoppe es aber bis heute nicht, wieso es Menschen gibt, die in fremde Wohnungen einsteigen. "Ich habe zwar gelernt, dass auch diese Täter in gewisser Weise Opfer sind. Aber ihre Taten machen mich trotzdem wütend." Die machten sich keine Gedanken darüber, was sie mit ihren Taten anrichteten. "Die wirklichen Opfer, wie ich, sind denen egal."

Anderen Betroffenen rät sie, sich von den Angstvorstellungen, dass es wieder passieren könnte, zu lösen. "Man darf sich trotz allem die Freiheit nicht nehmen lassen. Man darf sich das Leben nicht kaputtmachen lassen, indem man sich einigelt und zurückzieht", betont Hoppe. Genau deshalb zieht sie auch nicht woanders hin und lebt stattdessen mit dem Risiko eines erneuten Einbruchs. "Meine Liebe gehört dem Garten, der Natur, dem Blick ins Grüne. Das Positive überwiegt; nicht die Angst." *Name und Alter geändert

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