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Thomas Geisel im Interview
"Olympia sollten wir noch einmal probieren"

Video: Thomas Geisel präsentiert sein Startprogramm
Düsseldorf. Der neue Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel spricht im Interview mit unserer Zeitung über ehrgeizige Ziele für die Landeshauptstadt, seine politischen Top-Themen und seine Pläne für das neue NRW-Forum. Von Michael Bröcker, Arne Lieb, Denisa Richters und Uwe-Jens Ruhnau

Herr Geisel, was sollen die Düsseldorfer zum Ende Ihrer Amtszeit 2020 von Ihnen sagen?

Geisel Das war so schön, dass wir uns eine weitere Amtszeit mit Herrn Geisel wünschen. Er hat sich an das gehalten, was er im Wahlkampf verkündet hat, und Düsseldorf ist eine Metropole, in der sich die Menschen wohlfühlen.

Was sind Ihre wichtigsten drei Themen?

Geisel Wohnen, Verkehr und Bildung.

Die letzten OBs hatten Leuchtturm-Projekte: WM, Olympia, ESC, Bambi. Haben Sie auch den Ehrgeiz, solche Veranstaltungen zu holen?

Geisel Ich kann glücklich werden ohne ESC und Bambi, obgleich das eine Facette ist, die gut zu Düsseldorf passt. Wenn es die Chance gibt, würde ich mich deswegen dafür einsetzen. Wir sind eine Kulturmetropole und wir sind eine Sportstadt.

Der frühere OB Erwin hatte sich um die Olympischen Spiele beworben. Wäre das einen neuen Anlauf wert?

Geisel Wieso nicht? Wir sollten den Ehrgeiz haben, es noch einmal als Rhein-Ruhr-Metropole zu probieren. Das wäre gut für die ganze Region.

Düsseldorf hat nicht das beste Image. Wie wollen Sie das ändern?

Geisel Das macht mir in der Tat Sorge. Dabei ist der Eindruck des Arroganten völlig unzutreffend. Düsseldorf hat sehr viel Potenzial. Mein Neffe Carlo, der mich im Wahlkampf unterstützt hat, wohnt in Berlin. Er dachte immer, Düsseldorf sei nur Einkaufen und sehr viele reiche Leute. Als er hier war, merkte er, dass es kaum eine vitalere Stadt gibt, die auch noch so schön ist. Deswegen freue ich mich, dass Carlo beschlossen hat, hier zu studieren.

Sie wollen Düsseldorf zur Start-up-Metropole machen. Wie wichtig ist das Umfeld für diese Gründerszene?

Geisel Wir profitieren davon, wenn Kreative hier leben wollen. Im Moment ist es so, dass Berlin auf diese Menschen offenbar eine größere Anziehungskraft ausübt. Wir sind eine Metropole, die unglaublich viel bietet, aber dennoch überschaubar ist. Als Verwaltungschef möchte ich dafür sorgen, nach außen das richtige Bild zu vermitteln; zeigen, dass wir keine geschlossene Gesellschaft sind, sondern gerade junge Kreative in der Stadt willkommen sind.

Wie wollen Sie das erreichen?

Geisel Ich habe bereits mit einigen Entscheidern aus der Wirtschaft gesprochen. Sie wollen die Gründerszene unterstützen, sich engagieren, bei Runden Tischen etwa, oder als Business Angels. Die Stadt könnte Flächen und Know-how bereitstellen. Ich möchte als OB für eine bessere Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft sorgen.

Was ist mit urbanen Biotopen wie dem Les Halles, das nicht nur die Kreativen schätzen? Werden Sie solche Angebote stärker schützen?

Geisel Düsseldorf ist eine Stadt im Wandel. Die Flächen sind knapp, wir sollten sie deshalb optimal nutzen. Ich denke an eine Zwischennutzungsagentur, die dabei hilft, an Künstler, Designer und Start-ups geeignete Flächen in Industriebrachen, alten Hallen und anderswo für eine Übergangszeit zu vermitteln.

Das ist alles? So würde ein Café Les Halles nicht erhalten.

Geisel Ich denke, wir sollten Spielräume nutzen, wenn bei Überplanungen neues Baurecht geschaffen wird. Dafür sind städtebauliche Verträge da. Niemand ist ernsthaft an Monokultur interessiert, die Menschen schätzen die Vielfalt, das Alte und das Neue.

Halten Sie am Ingenhoven-Tal am Gustaf-Gründgens-Platz fest?

Ggeisel Das Projekt ist weit gediehen, und ich habe nicht vor, als Bremser aufzutreten. Ich habe eher den Eindruck, dass wir zuletzt mit zu wenig Tempo vorgegangen sind.

Achten Sie darauf, dass der Ingenhoven-Bau ganzjährig grün wird?

Geisel Auf jeden Fall. Das ist ja die Lehre aus dem ersten Teil des Kö-Bogens. Bei den Libeskind-Bauten wurde durch die ersten Simulationen ein anderer Eindruck vermittelt - nicht nur mich hat die spärliche Begrünung enttäuscht.

Sind Sie sicher, dass die Ampel-Koalition aus SPD, FDP und Grünen zustande kommt?

Geisel Ich sehe bislang keinen Punkt, der nicht im Konsens gelöst werden könnte.

Auch wenn Sie die FDP provozieren, weil Sie Steuererhöhungen nicht ausschließen?

Geisel Es wäre nicht sehr intelligent, bestimmte Dinge von vornherein auszuschließen. Im Moment sehe ich aber überhaupt keine Notwendigkeit dafür.

Sie werben für einen massiven Ausbau des Radverkehrs sowie des ÖPNV mit einer Vorrangschaltung für Bahnen. Wird Düsseldorf bald autofeindlich?

Geisel Es ist nicht so, dass die Politik Diktate aussprechen will. Die Leute, die das urbane Lebensgefühl haben wollen, verzichten mittlerweile oft auf ein Auto. Das gilt insbesondere in den zentrumsnahen Stadtteilen. Das Mobilitätsverhalten ändert sich, je besser das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs wird.

Dennoch kommen die meisten Berufs- und Freizeitpendler mit dem Auto nach Düsseldorf. Und der Handel freut sich auf eine baldige bessere Erreichbarkeit der Innenstadt.

Geisel Natürlich brauchen wir in der Stadt auch eine Infrastruktur für das Auto. Wenn ich mit der ganzen Familie unterwegs bin, nehme ich meistens den Wagen. Dennoch nutze ich gerne, wenn ich was in der Stadt zu erledigen habe, die Rheinbahn oder das Fahrrad. Es kommt auf Flexibilität an und der Nachholbedarf besteht beim ÖPNV. Nur 20 Prozent der Düsseldorfer haben ein Rheinbahn-Abo - das könnten deutlich mehr sein.

In der Kultur gab es zuletzt viele Probleme, von der Fast-Insolvenz des Schauspielhauses bis zur schlechten Stimmung unter den Kulturschaffenden. Braucht es einen Neustart?

Geisel Auf jeden Fall. Im Wahlkampf haben mir viele Künstler und Kulturschaffende den Eindruck vermittelt, dass ihre Arbeit nicht in angemessener Weise gewertschätzt wird. Ich bin kein Fachmann in Sachen Kultur, allenfalls ein Genießer - und bin begeistert, wie breit das Angebot in der Landeshauptstadt ist.

Aber alle wollen mehr Geld...

Geisel Ich bin dafür, Kriterien festzulegen, nach denen wir die Mittel des Kulturetats vergeben. Ein Kriterium wäre Partizipation, dass also die ganze Bevölkerung mit dem Programm angesprochen werden soll. Wenn ich mir den Altersdurchschnitt und die soziale Herkunft beim Publikum von Opernhaus, Schauspielhaus und Tonhalle anschaue, dann ist das nicht unbedingt repräsentativ für die Gesamtstadt. Wir müssen Anstrengungen unternehmen, breite Publikumsschichten zu gewinnen.

Was wäre ein weiteres Kriterium?

Geisel Strahlkraft! Denn das, was ich gerade gesagt habe, bedeutet nicht, dass die Angebote volkstümlich sein müssen. Die Kunstakademie und der Kreis um Beuys sowie das Creamcheese kannte sicher nicht jeder Düsseldorfer, aber sie waren ein Beitrag zur kulturellen Identität der Stadt, eine Avantgarde, die es nur in Düsseldorf gab. Was aber nicht geht, ist exklusives Mittelmaß.

Werden wir konkret: Was geschieht mit dem NRW-Forum?

Geisel Das ist ein gutes Beispiel für eine Einrichtung mit Strahlkraft. Petra Wenzel und Wolfgang Lippert kannten keine Berührungsängste zwischen Kunst und Kommerz - diese Begegnung zwischen Kultur und Wirtschaft, bildender Kunst und Design war typisch Düsseldorf im besten Sinne. Dort auszusteigen, war vom Land ungeschickt. Aber auch die Stadt hat Fehler gemacht. Ich bin dafür, das NRW-Forum konzeptionell so weiterzuentwickeln.

Wie schützen Sie sich dagegen, dass Sie im Amt abheben?

Geisel Man muss bestimmte Schutzmechanismen entwickeln. Dieses Amt kann einen auffressen. Mich schützt, dass ich mir dessen bewusst bin, und der unmissverständliche Resonanzboden ist meine Familie. Ich habe mit meiner Frau ausgemacht, immer ans Telefon zu gehen, wenn sie oder eine meiner Töchter anrufen.

Ist denn der Vater am Wochenende für die Kinder da?

Geisel Wir wollen das eine mit dem anderen verbinden. Welche Veranstaltungen ich samstags und sonntags besuche, wird abgesprochen. Oft gehen wir alle zusammen.

Haben Ihre vier Töchter (zwei bis neun) politische Wünsche an Sie?

Geisel Da die Schulkinder jetzt mit dem Fahrrad zur Schule fahren, wünschen sie sich mehr Sicherheit für Radfahrer.

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