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Düsseldorf
Oper fürchtete den künstlerischen Absturz

Düsseldorf: Oper fürchtete den künstlerischen Absturz
Ein Blick ins Düsseldorfer Opernhaus. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Die Opernehe wurde 2013 erst nach einer dramatischen Hängepartie verlängert. Die RP hat Einsicht in die Akten genommen. Von Arne Lieb

Bis zum Sommer müssen Düsseldorf und Duisburg über die Fortsetzung der Opernehe verhandeln - schon wieder. Erst vor zwei Jahren wurde über die Kultur-Partnerschaft verhandelt, und das entwickelte sich zur dramatischen Hängepartie. Duisburg erbat eine Fristverlängerung, phasenweise stand ein Aus ernsthaft im Raum. Das hätte für die Oper, die seit 1956 von den beiden Städten gemeinsam betrieben wird, dramatische Konsequenzen gehabt - die auch jetzt wieder im Raum stehen.

Die Folgen der damaligen Gespräche bestimmen die laufenden. Denn Duisburg verlängerte den Vertrag im März 2013 nur unter der Bedingung, dass der jährliche Zuschuss gesenkt und die Wirkung der Sparmaßnahmen überwacht wird. Düsseldorf erhöhte seine Zahlungen, um einen Teil der Kürzungen aufzufangen.

Bei einem Info-Abend in der Duisburger Oper protestierten Bürger gegen das drohende Aus. "Weniger Kultur können wir uns nicht leisten", heißt es auf den Transparenten. FOTO: Andreas Probst

Die RP hat nach dem Informationsfreiheitsgesetz Einsicht in die Akten im Düsseldorfer Kulturdezernat genommen - und mehr darüber erfahren, was damals hinter den Kulissen lief. Die Dokumente zeigen vor allem: Die Düsseldorfer Stadtspitze war und ist in den Verhandlungen mit Duisburg in einer wenig komfortablen Lage, denn sie hat keine echten Alternativen.

Bereits im August 2011, anderthalb Jahre vor dem Abschluss der Verhandlungen, bekommt die Opernspitze einen Brief aus Duisburg mit einem unangenehmen Auftrag. Als die öffentliche Diskussion noch nicht begonnen hat, bittet der damalige Duisburger Kulturdezernent Karl Janssen darum, zwei Szenarien ernsthaft zu prüfen: Eine Senkung des Duisburger Zuschusses von damals elf Millionen Euro pro Jahr um 2,5 Millionen Euro - und den Ausstieg der Duisburger. Man müsse klären, welche Folgen es hätte, wenn die Duisburger Politik so entscheidet. "Wir werden nicht verhindern können, dass Politik und Finanzaufsicht Antworten auf diese Frage erwarten", schreibt Janssen.

Kulturdezernent Hans-Georg Lohe führte die Verhandlungen für Düsseldorf . FOTO: Bernd Schaller

In der Oper beginnt eine Zeit des Rechnens - und der Appelle an die Politik. Unter Leitung des damaligen kaufmännischen Direktors Jochen Grote werden alle Szenarien geprüft. Die Schlussfolgerungen der Opernleitung lassen keine Fragen offen: Es wird an die Substanz gehen.

Bei einer Kürzung um 2,5 Millionen Euro, so heißt es in den Unterlagen, "bestünde die Gefahr, dass die Oper gezwungen wäre, sich aus dem Theater Duisburg gänzlich zurückzuziehen". Nachdem die Duisburger ihren Zuschuss de facto bereits seit Jahren gekürzt hätten, indem sie Tarifsteigerungen nicht ausglichen, drohten nun harte Konsequenzen. Die Jugendarbeit sei bedroht, heißt es, dazu die Existenz der Duisburger Philharmoniker. Zudem drohe ein künstlerischer Abstieg: Die Oper werde "von einem Institut mit nationalem bzw. internationalem Rang zu einem beliebigen Stadttheater mutieren".

Im März 2012 werden die Pläne öffentlich. Die angedrohte Kürzung von 2,5 Millionen Euro ist Teil eines Sparprogramms. In der Düsseldorfer Politik ist man besorgt. Von der damaligen schwarz-gelben Ratsmehrheit und dem Stadtkämmerer kommt aber trotzdem eine klare Ansage: Wir werden nicht weiter den Düsseldorfer Zuschuss erhöhen.

Im Mai 2012 bringt der Duisburger Kulturdezernent Janssen sogar den Ausstieg der Duisburger aus der Oper ins Gespräch. Das führt zu einem öffentlichen Aufschrei: Mehr als 50 000 Menschen unterschreiben eine Petition für den Erhalt der Oper in Duisburg, im Theater gibt es einen Solidaritäts-Abend mit großem Andrang. Aus ganz Deutschland wird Protest laut.

Die damaligen Oberbürgermeister Dirk Elbers und Adolf Sauerland (beide CDU) bringen in der Folge ins Gespräch, eine andere Stadt für eine Opern-Partnerschaft zu gewinnen, ob gemeinsam mit Duisburg oder ohne - eine Idee, die auch Elbers' Nachfolger Thomas Geisel (SPD) derzeit wieder verfolgen will. Elbers trifft sich öffentlichkeitswirksam mit dem Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD).

Es ist allerdings fraglich, ob die Verantwortlichen selbst an dieses Vorhaben glauben. Die über Jahrzehnte gewachsene Opernehe gilt als extrem wirtschaftlich, weil sich die Strukturen in beiden Städten angepasst haben. Die Opernleitung jedenfalls hält es für ausgeschlossen, dass sich die Opernehe einfach ausweiten lässt, wie damals in einem internen Schreiben vermerkt ist. Eine Gemeinschaft zwischen drei Städten sei "logistisch praktisch unumsetzbar und jedenfalls extrem ineffektiv", heißt es dort. "Durch eine dritte Partnerbühne würde auch das Angebot in Düsseldorf massiv reduziert werden müssen."

Am 25. Juni 2012 entscheidet der Duisburger Stadtrat nach langen Debatten doch, die Opernehe beizubehalten - unter zwei Bedingungen: Der Zuschuss wird um eine Million Euro gekürzt und Duisburg beteiligt sich weiter nicht an Tarifsteigerungen. Zudem wird der Vertrag nur um drei statt bisher fünf Jahre verlängert - weshalb schon wieder Verhandlungen anstehen.

Bei den Düsseldorfern wächst die Erkenntnis, dass sie doch mehr zahlen müssen, wenn sie eine Radikalkur verhindern wollen. Am Ende beschließt Düsseldorf, den Zuschuss pro Spielzeit bis 2017 von 24,3 auf 26,3 Millionen Euro zu steigern und damit 72 Prozent der Tarifsteigerungen auszugleichen. Den Rest muss die Oper sparen. Als Ausgleich sinkt die Zahl der Aufführungen in Duisburg um 20 auf 80 pro Spielzeit.

Bevor die Entscheidung im März 2013 verkündet wird, wird noch eine Unternehmensberatung beauftragt, um Sparpotenziale zu ermitteln. Der damalige Operngeschäftsführer Grote hält das für Unsinn, wie er Kulturdezernent Hans-Georg Lohe per Mail mitteilt. Man wisse doch, was zu tun sei. "Im Interesse der Gesellschafter kann ich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten daher keinen Auftrag rechtfertigen." Der Auftrag für das rund 100 000 Euro teure Gutachten wird trotzdem erteilt.

Jetzt, zwei Jahre später, sollen das Gutachten noch einmal angeschaut und möglicherweise weitere Sparvorschläge umgesetzt werden. Die Lage hat sich nicht geändert: In Duisburg sind die Kassen leer, die Düsseldorfer müssen darauf reagieren. Insbesondere weitere Tarifsteigerungen gelten als Herausforderung. Die Kernpunkte fasst eine Gesprächsnotiz im Kulturdezernat nach einem Spitzengespräch zwischen Elbers und Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link (SPD) zusammen: "Tarife problematisch", heißt es dort handschriftlich. Und - das gilt auch für 2015 -: "kein Bewegungsspielraum in Duisburg".

Quelle: RP
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