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Opfer des Amoklaufs in Düsseldorf
"Mein Mädchen ist wirklich tapfer"

Opfer des Amoklaufs mit Axt in Düsseldorf: "Mein Mädchen ist wirklich tapfer"
Die 13-jährige Mara C. (r.) wurde beim Axtangriff am Düsseldorfer Hauptbahnhof schwer am Arm verletzt. Mit ihrer Mutter (l.) traf sie sich am Düsseldorfer Rheinufer mit Antonia Dicke (Mitte). FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Die 13-jährige Mara wollte mit der S-Bahn nach Hause fahren, als ihr ein Mann am Düsseldorfer Hauptbahnhof eine Axt in den Arm rammte. Gemeinsam mit ihrer Mutter traf sie sich nun mit der jungen Frau, die sich nach der Tat um sie gekümmert hatte. Von Saskia Nothofer

Ein weißes Pflaster bedeckt die zwölf Zentimeter lange Wunde von Mara C.. Ihr zierlicher Arm liegt in einer Schlinge, die Jacke nur lose über der Schulter. "Ich darf noch nicht duschen", sagt sie. Ansonsten lässt sie sich von der lästigen Schlinge aber nicht einschränken. Jeden Tag trifft sie sich mit ihren Freunden und will ab Montag wieder in die Schule gehen. "Mein Mädchen ist wirklich tapfer", sagt die Mutter der 13-Jährigen, Santa C..

Die Schülerin ist eines der neun Opfer des 36-jährigen Mannes aus dem Kosovo, der vergangene Woche wahllos neun Menschen am Düsseldorfer Hauptbahnhof mit einer Axt verletzt hatte, einige von ihnen schwer. Kurz nach der Tat konnte der Mann festgenommen werden. Mittlerweile wurde er in eine Psychiatrie eingewiesen.

"Ich habe Bilder im Kopf"

Mara wollte gerade in die Bahn steigen, als sie plötzlich von hinten angegriffen wurde, erzählt die 13-Jährige. An viel mehr kann sie sich nicht erinnern. Allerdings hat sie mit ansehen müssen, wie der mutmaßliche Täter einer anderen Person mit der Axt auf den Kopf schlug. Während sie spricht, wirkt das Mädchen sehr gefasst. Es spricht leise, aber unaufgeregt. Trotz der klaffenden Wunde am Oberarm suchte Mara sich einen Platz in der Bahn. Geistesgegenwärtig schloss der Lokführer kurz darauf die Türen. "Man konnte den Mann mit der Axt aus der Bahn heraus noch sehen, er wirkte sehr aggressiv", erzählt die das Mädchen. "Abends habe ich die Bilder manchmal noch im Kopf."

Viele Menschen in der Bahn und im Bahnhofsgebäude waren an diesem Abend panisch. Eine Frau kauerte schreiend in einer Ecke, eine andere fiel in Ohnmacht. Um die 13-jährige Mara kümmerte sich zunächst niemand. "Eine Frau war kurz bei mir, aber als sie meine Wunde sah, ging sie weiter", erzählt das Mädchen. Durch Rufe einer anderen Frau wurde die 20-jährige Antonia Dicke, derzeit Praktikantin bei der RP, schließlich auf die Verletzte aufmerksam. Sie kümmerte sich um das Mädchen, beruhigte es und informierte per Telefon dessen Eltern. "Mara war aber sehr tapfer", so die Studentin, die zuvor schon bei einem Mann mit schweren Kopfverletzungen Erste Hilfe geleistet hatte. "Natürlich war die Situation schrecklich, aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, den Verletzten zu helfen."

Etwas mehr als eine Woche nach dem Amoklauf sehen sich Mara und Antonia Dicke am Düsseldorfer Rheinufer wieder. Auch die Mutter der 13-Jährigen ist dabei. Die Begrüßung ist sehr herzlich. Mutter und Tochter haben einen Blumenstrauß und Pralinen zum Dank dabei. Sie strahlen, als sie die Helferin sehen. Die Mutter drückt sie fest an sich. "Wie schön, dich endlich mal zu treffen", sagt die 39-Jährige.

Sofort dreht sich das Gespräch um den besagten Abend. Mara erzählt von ihrem fünftägigen Krankenhausaufenthalt, die Mutter von den noch anstehenden Untersuchungen. "Traust du dich denn wieder, mit der Bahn zu fahren?", fragt Antonia Dicke. "Einmal bin ich wieder damit gefahren, zwei Freundinnen waren aber zum Glück dabei", antwortet Mara. Sie habe jetzt immer etwas Angst und schaue hinter sich. Dicke geht es ähnlich. Auch für sie sei Bahnfahren nun anders als vor dem Amoklauf. "Ich bin sensibilisierter, schaue mir die Personen um mich herum an", sagt sie.

Mutter dachte zunächst an einen Scherz

Als die junge Frau Maras Mutter aus der Bahn anrief, um sie über die verletzte Tochter zu informieren, dachte Santa C. zunächst an einen Scherz. "Ich nahm an, man wollte mich veräppeln", sagt die Frau. Zudem habe sie sich Vorwürfe gemacht, da sie gemeinsam mit der Tochter in der Stadt gewesen sei, aber bereits eine Stunde früher nach Hause gefahren war. "Ich hätte sie einfach mitnehmen sollen", meint die 39-Jährige. "Aber meine Tochter wollte mit einem Freund noch in der Stadt bleiben."

Mara spricht bei dem Treffen nicht viel, wirkt eher schüchtern und zurückhaltend. "Ich hatte das Gefühl, alles hat ewig gedauert", sagt sie kurz darauf. "Aber als du dann da warst, ging alles ganz schnell vorbei", bedankt sie sich bei ihrer Helferin. Um das Erlebte zu verarbeiten, wird sich ab kommender Woche ein Psychologe um die 13-Jährige kümmern. Doch auch ohne dessen Hilfe verkriecht sich Mara nicht in ihrem Zimmer. "Schon im Krankenhaus waren ihre Freunde fast 24 Stunden zu Besuch", erzählt die Mutter. Und auch jetzt sei sie ständig unterwegs.

Zum Abschied umarmen Mara und ihre Mutter Antonia Dicke. "Danke, dass du meiner Tochter geholfen hast", sagt Santa C.. Bald wollen sie sich wiedersehen.

Quelle: RP
 
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