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Düsseldorf
Prozess gegen "Paten" in Klinik verlegt

Prozess gegen "Paten von Gerresheim" im Florence-Nightingale-Krankenhaus
Der Beginn des Verfahrens hatte noch im Gericht stattgefunden. Nun wird gegen den Angeklagten (Mitte, neben ihm sein Verteidiger Henner Apfel) im Krankenhaus verhandelt. FOTO: wuk
Düsseldorf. Der angeklagte 78-Jährige soll einen Bunker in Gerresheim an Betreiber einer Hasch-Plantage vermietet haben. Weil er an Krebs erkrankt ist, wird gegen ihn im Florence-Nightingale-Krankenhaus verhandelt. Von Wulf Kannegiesser

Trotz der akuten Krebsbehandlung eines 78-jährigen Angeklagten hat das Landgericht den im Mai gestarteten Strafprozess gegen ihn am Montag in einer Klinik fortgesetzt. In einem Besprechungsraum des Florence-Nightingale-Krankenhauses in Kaiserswerth sollen auch künftige Verhandlungstermine gegen den so genannten "Paten von Gerresheim" abgehalten werden, hieß es. Die Klinik hat unter Berufung auf ihr Hausrecht allerdings jegliche Teilnahme von Zuschauern an diesen Verhandlungsterminen untersagt.

Eine Haschisch-Plantage auf zwei Bunker-Etagen

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, den alten Hochbunker in Gerresheim 2012 über Monate hinweg an Betreiber einer illegalen Haschisch-Plantage vermietet zu haben – obwohl er laut Anklage wusste, dass dort mindestens drei vietnamesische Erntehelfer wie Sklaven gefangen gehalten und ausgebeutet wurden.

In der fünften und sechsten Etage des Hochbunkers hatte die Polizei die Cannabis-Plantage entdeckt. FOTO: Bretz, Andreas

Der 78-jährige "Pate" hatte sich seit Prozessbeginn vor drei Monaten um jene Cannabis-Plantage in Gerresheim in Schweigen gehüllt. Dabei soll er laut Anklage durch die Vermietung der fünften und sechsten Bunker-Etage monatlich 12.000 Euro kassiert und gewusst haben, dass dort eine Drogen-Plantage eingerichtet wurde.

Dabei waren Polizeikräfte seit Ende 2011 bei zahlreichen Razzien mehrfach im Bunker gewesen, allerdings im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen eine Rockerbande, die im Erdgeschoss residierte. Doch erst im März 2012 fiel durch Zufall auf, was sich in den oberen, streng abgeschotteten Etagen zutrug.

Vietnamesen sklavenähnlich eingesperrt und ausgenutzt

Fast 3000 Cannabispflanzen wurden entdeckt, zur Trockung waren rund 14 Kilo der Drogen auf dem Boden ausgelegt, weitere rund 40 Kilo Marihuana waren in Dolden aufgehängt. In der durch künstliche Beleuchtung und Bewässerung stickig-heißen Luft inmitten eines lebensgefährlichen, weil kaum isolierten Gewirrs von Stromkabeln hatten drei illegal nach Deutschland eingeschleuste Vietnamesen leben und arbeiten müssen.

Der "Pate von Gerresheim" soll als Bunker-Vermieter die sklavenähnlich eingesperrten und ausgenutzten Vietnamesen laut Anklage nicht nur mit Essen und Getränken versorgt, sondern zuvor auch die Stromversorgung für die Plantage eingerichtet und den Einbau einer extra schweren Tür zu den oberen Stockwerken veranlasst haben. Das brachte ihm – neben einem der mutmaßlichen Plantagen-Organisatoren (29) - jetzt vor Gericht den Vorwurf der Beihilfe zum bandenmäßigen Handel mit Menschen und Rauschgift ein.

Formell hat die 11. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Markus Immel am Montag die bisher miteinander verhandelten Verfahren gegen den 29-Jährigen und den "Paten von Gerresheim" juristisch voneinander getrennt. So wurde vormittags die Verhandlung gegen den ebenfalls schweigsamen 29-Jährigen im angestammten Gerichtssaal 1.120 fortgesetzt. Nachmittags gegen 13.30 Uhr trafen die Richter samt Schöffen, Protokollführer, Staatsanwalt und den Verteidigern dann in Kaiserwerth ein und setzten hinter verschlossenen Türen auch den Prozess gegen den krebskranken 78-Jährigen fort.

Verhandlungen in der Klinik sind selten

Dessen Ärzte hatten zuvor versichert, der Patient sei krankheitsbedingt nicht fähig, zur Verhandlung ins Oberbilker Justizzentrum zu kommen, Gerichtstermine "am Krankenbett" seien aber "möglich". Der Angeklagte wird also als prozessfähig betrachtet. Eine seiner Verteidigerinnen bestätigte das: "Rein formal und prozessual ist das sicher richtig. Mein Mandant kann der Verhandlung folgen", sagte Rechtsanwältin Andrea Schubert. Dass das Verfahren im Krankenhaus stattfinde, habe den Vorteil, dass der Angeklagte keine weiten Wege zum Gericht zurücklegen müsse. Trotzdem könne man darüber streiten, ob man einem Schwerkranken so einen Prozess zumuten müsse.

Die bisher spektakulärste Gerichtsverhandlung hinter Kliniktüren liegt mehr als zwanzig Jahre zurück. Damals wurden im "Mordprozess ohne Leiche" sogar mehrere Prozess-Fortsetzungstermine in die Langefelder Landesklinik verlegt. Dorthin war der Verdächtige aus der U-Haft verlegt worden, nachdem er im Verhandlungsmarathon um das bis heute spurlose Verschwinden des Kö-Millionärs Otto-Erich Simon schwere Depressionen entwickelt hatte. Die damalige Strafkammer ging davon aus, der Angeklagte habe sich die psychische Erkrankung selbst zugefügt, ließ ihn von einem Pfleger per Rollstuhl in einen behelfsmäßigen Verhandlungssaal bringen und vernahm dort dann auch weitere Zeugen. Dieser Prozess musste 1996 nach 135 Verhandlungstagen allerdings abgebrochen, der Mordverdächtige sogar freigelassen werden. Gutachter kamen damals zu dem Schluss, dass die Depressionen nicht vorgetäuscht, sondern so schwer waren, dass der Angeklagte dauerhaft nicht verhandlungsfähig sei. 2002 war das Mordverfahren deshalb dann endgültig eingestellt worden.

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