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Prozess gegen Salafistenprediger
Sven Lau streitet sich mit ehemaligem Weggefährten

Prozess vor dem Oberlandesgericht: Ehemaliger Weggefährte lockt Sven Lau aus der Reserve
Sven Lau steht in Düsseldorf vor Gericht. FOTO: dpa, fg sab
Bisher hat der wegen Unterstützung einer Terrororganisation angeklagte Sven Lau im Prozess geschwiegen. Doch der Auftritt seines ehemaligen Weggefährten Dominic Schmitz vor Gericht lockt ihn aus der Reserve. Von Franziska Hein, Düsseldorf

Am Ende geht es um enttäuschte Freundschaft: Dominic Schmitz (28) aus Mönchengladbach und Sven Lau (35) sitzen sich im Saal 2 des Hochsicherheitstrakts des Düsseldorfer Landgerichts gegenüber.

Schmitz ist gerade von Laus Verteidiger Mutlu Günal befragt worden. Jetzt ist Lau an der Reihe. "Gewalt legitimiert nicht Gewalt", sagt der Zeuge zum Angeklagten. "Aber Selbstverteidigung ist in Deutschland erlaubt", erwidert Lau. Ob sich Schmitz nicht daran erinnern könne, dass Lau sie großzügig wieder in die Moscheegemeinde aufgenommen habe, nachdem er ihn und seinen Freund Konrad S. beim Kiffen erwischt habe. Da springt die Anwältin von Dominic Schmitz ein. Ihr Mandant werde darauf nicht antworten, weil er sich sonst selbst belasten würde.

Dominic Schmitz möchte trotzdem grundsätzlich etwas sagen: "Bei dir ist es immer so, du streichelst einem über den Kopf und wenn man dann zu viel in die Freundschaft hineininterpretiert, bist du weg", sagt Schmitz zu Lau. So sei es auch mit Konrad S. gewesen. Den habe Lau 2012 einfach alleine in Ägypten zurück gelassen, als Konrad S. dort einen Arabisch-Sprachkursus gemacht habe. "Soll ich Händchenhalten oder was?", entgegnet Lau. "Nein, das nicht. Aber du hast Konrad zu der Reise überredet, du weißt doch, wie schwach er ist." "Ich habe niemanden überredet", kontert Lau. 

Dominic Schmitz hat ein Buch über seine Zeit als Salafist geschrieben

Dominic Schmitz ist kein unwichtiger Zeuge. Der gebürtige Gladbacher ist 2005 zum Islam konvertiert, traf Lau nach eigener Aussage an seinem ersten Tag in der Moschee im Gladbacher Stadtteil Rheydt. Später folgte er Lau und einigen anderen "jungen konservativen Muslimen" in die neue Moschee im Stadtteil Eicken. Ab 2007 drehte Schmitz mit Lau Youtube-Videos, half ihm, mit den Videos Jugendliche für den Salafismus anzuwerben. Lau und er wurden Freunde, so beschreibt Schmitz es dem Vorsitzenden Richter. Ab 2011 wandte sich Schmitz aber von Lau ab.

Ausschlaggebend dafür sei eine gemeinsame Pilgerreise nach Mekka gewesen, auf die ihn Lau eingeladen habe. Lau habe den Freund gerne dabei haben wollen, doch in Mekka angekommen, wurde Schmitz mit fremden Mitreisenden in ein Zimmer einquartiert. Statt Zeit mit seinem guten Freund, seinem Bruder im Glauben und Vorbild zu verbringen, servierte Lau ihn ab. So habe er das damals empfunden. "Ich hatte mir mehr erhofft. Damals begriff ich, dass das gar keine Freundschaft war, sondern dass es Lau immer nur darum ging, dass ich ihm bei seinen Videos half", sagt Schmitz vor Gericht. Im Februar kam ein Buch von ihm heraus, in dem Schmitz seine Erfahrungen in der Szene und seinen Ausstieg beschreibt. Heute berichtet er vor Schulklassen von seiner Zeit als Salafist.

Schmitz ist der erste Zeuge vor Gericht, der redet

Schmitz ist überhaupt der erste Zeuge, der etwas im Gerichtssaal aussagt. Nachdem der Angeklagte selbst die Aussage verweigert hatte, machten auch seine Ehefrau, seine Mutter und seine Schwiegermutter keine Angaben. Schmitz redet nun als erster über die gemeinsame Zeit mit Lau. Er gibt dem Vorsitzenden Richter Schreiber Einblicke in das Leben des Salafistenpredigers. Seine Informationen beziehen sich nur auf die Jahre 2005 bis etwa 2011, bis er sich selbst von Lau abwandte und nicht mehr zum inneren Kreis der Moscheegemeinde in Eicken gehörte. Damit kann er den Terrorismus-Vorwurf nicht direkt bezeugen. Die Tatvorwürfe der Anklage setzen erst 2013 ein. 

Schmitz beschreibt die Mentalität, die in der Gladbacher Salafistenszene geherrscht habe als "faschistisch". Prediger wie Sven Lau und Pierre Vogel hätten die Welt strikt in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse eingeteilt, überall habe es nur Feinde und Ungläubige gegeben. "Für uns gab es nur Zwänge und Regeln", sagt Schmitz vor Gericht. In seinem Buch nennt er Vogel und Lau "geistige Brandstifter". Es sei kein Wunder, wenn sich Jugendliche wegen der Aussagen der Salafistenprediger radikalisierten. "Wenn sie danach suchen, finden sie im Alltag auch die Bestätigung, dass der Islam bedroht ist, wenn sie ihre Arbeit verlieren, keine Wohnung finden, weil sie Bart und Gewand tragen."  

Wichtig ist Schmitz auch, weil er Konrad S. kennt, einen deutschen Konvertiten, der sich 2012 ISIS anschloss und dort eine Kampfgruppe geleitet haben soll. Er soll der Verbindungsmann in Syrien sein, in dessen Kampfgruppe Sven Lau zwei Männer vermittelt haben soll. Konrad S. konvertierte etwa anderthalb Jahre nach Lau zum Islam, auch er kam in die Gladbacher Moscheegemeinde und ließ sich von Laus Predigten überzeugen. Für Dominic Schmitz ist klar, dass sein Freund ohne den Einfluss von Sven Lau niemals nach Ägypten und schließlich nach Syrien gegangen wäre. Lau habe Konrad S. den Arabisch-Sprachkursus vorgeschlagen und dieser habe sofort mitgemacht, angefangen seine Möbel zu verkaufen, obwohl er seine Wohnung gerade erst eingerichtet hatte. "Das war typisch Konrad", sagt Dominic Schmitz.

An viele Details kann Schmitz sich nicht erinnern

Sein Freund habe ihm erst einen Tag vor der Abreise erzählt, dass er nach Ägypten geht. Sein Entschluss habe festgestanden, Schmitz' Versuch mit ihm, darüber zu reden, sei fehlgeschlagen. Der Freund habe ihn einmal aus Ägypten angerufen, zwei E-Mails geschickt. Aus Syrien habe er sich einmal per WhatsApp gemeldet. Dann brach der Kontakt ab. An Details kann sich Schmitz kaum erinnern. Auch wenn ihm der Richter, Passagen aus früheren Vernehmungsprotokollen vorliest oder aus seinem Buch zitiert, gibt Schmitz manchmal an, sich nicht erinnern zu können oder schiebt Textabschnitte in seinem Buch einem Ghostwriter zu. 

Als Zeuge der Anklage wird er von Laus Anwalt Günal hart befragt. Der Anwalt möchte den Zeugen demontieren, möchte den Eindruck erwecken, das Buch stamme gänzlich aus der Feder des Ghostwriters, dem "Focus"-Journalisten Axel Spilcker. Doch Schmitz lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er antwortet offenherzig. Ja, der "Focus" sei reißerisch.

"Das ist eine Antwort, die ich mir nicht hätte besser erträumen können", sagt darauf Günal und freut sich. Schließlich versucht er noch, den Zeugen als homosexuell abzustempeln, will Schmitz' Enttäuschung über seinen Freund Sven Lau bezüglich der Pilgerreise nach Mekka als gescheiterte Verliebtheit darstellen. Schmitz nimmt das mit Humor.

Und dann ist Lau an der Reihe, der seinen ehemaligen Schützling vor Gericht zur Rede stellen will. Er habe den Eindruck, Schmitz habe alles in einen Topf geworfen. Schmitz entgegnet, es gehe ihm nicht um die Bloßstellung von Lau. "Ich sitze hier heute nicht, weil ich es so toll finde", sagt dieser zu seinem ehemaligen Freund Sven. 

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