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Serie Düsseldorfer Erfinder
Qiagen - vier Männer und ihre Vision

Serie Düsseldorfer Erfinder: Qiagen - vier Männer und ihre Vision
Die Gründer (v.l.) Jürgen Schumacher, Metin Colpan, Karsten Henco und (sitzend) Detlev Riesner im Forschungslabor der Heinrich-Heine-Uni FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Ein Wissenschaftler gründete vor 30 Jahren mit drei Mitarbeitern das Unternehmen, das heute weltweit erfolgreich ist. Von Ute Rasch

Neulich trafen sich vier Wissenschaftler zu einem Abendessen im Industrieclub. Sie kommen heute aus Zeitmangel nur noch selten zusammen, aber in der Vergangenheit waren sie durch eine gemeinsame Vision eng miteinander verbunden: Vor gut 30 Jahren gründete der Düsseldorfer Biophysiker Professor Detlev Riesner und drei seiner Doktoranden die Firma Diagen GmbH, aus der bald Qiagen wurde. Wenn heute irgendwo auf der Welt ein DNA-Test eingesetzt wird, dann steckt darin meistens Technik von Qiagen. Diese beispiellose Erfolgsstory Made in Düsseldorf begann in einem Labor der Universität.

Absehbar war dieser Erfolg sicher nicht. Zumal am Anfang wissenschaftliche und nicht wirtschaftliche Interessen die Strategie der Forscher bestimmten. Sie hatten eine neue Methode entwickelt, um die DNA von Pflanzenschädlingen zu isolieren und zu reinigen. Damals war es extrem langwierig, auch nur ein Milligramm dieser DNA aus mehreren Kilo Tomaten zu isolieren. "Vor allem aber gab es zu diesem Zeitpunkt kein Reinigungsverfahren", so Riesner.

Mit ihrer Erfindung erhofften die Wissenschaftler dem Rätsel auf die Spur zu kommen, wie Mini-Krankheitserreger (Viroide) in Pflanzen wirken und wie sie sich vermehren. Diese Winzlinge sind viel kleiner als Bakterien oder Viren, "aber besonders tückisch, weil sie unbemerkt die Pflanze nutzen, um sich rasant zu vermehren", erläutert der Biophysiker. In unserem Klima lösen sie typische Gewächshauskrankheiten aus, in südlichen Gefilden werden sie für Nutzpflanzen wie Tomaten, Kartoffeln und sogar Kokospalmen gefährlich.

Zur gleichen Zeit hatte sich die Gentechnologie entwickelt, auch sie brauchte moderne Reinigungsverfahren. Für diesen Prozess waren damals große Zentrifugen im Einsatz. Doch mit der Erfindung aus Düsseldorf, einer Art molekularem Filtersystem, war dies "schneller, besser, preiswerter möglich", skizziert Riesner die Vorteile. Den Forschern war bald klar, welches Potenzial in ihrer Erfindung steckte. So beschlossen sie, eine Firma zu gründen, um ihr Verfahren zu vermarkten. Und es gelang ihnen, Risikokapitalgeber von ihrer Idee zu überzeugen. Das Geld, das die vier Forscher selbst zur Unternehmensgründung brauchten - jeder 13 000 Mark - liehen sie sich.

Für die Investoren sollte sich die Beteiligung als lukratives Geschäft erweisen. Als Qiagen 1996 an die Börse ging, bekam allein die Stadtsparkasse über 200 Millionen Mark zurück - für eine Investition von weniger als fünf Millionen. Auch die Pioniere von einst wurden wohlhabende Männer. Detlev Riesner: "Ich schätze das amerikanische System, bei dem die Universität, der man verbunden ist, am Erfolg profitiert." Er und seine Mitgründer handelten danach: 18 Millionen Euro wurden bis heute der Uni gestiftet, von diesem Geld haben viele Doktoranden Stipendien bekommen. Außerdem wäre sonst wohl kaum der Bau eines neuen Forschungsgebäudes möglich, der in Kürze beginnen wird.

Dem ersten Patent folgten etliche weitere. Qiagen entwickelte sich vom Vier-Mann-Betrieb zum Weltunternehmen mit 4200 Beschäftigten, das heute von Peer Schatz geleitet wird. Nach dem Börsengang gelang mit frischem Geld ein weiterer großer Forschungserfolg: Nach Art eines Baukastens wurde ein Verfahren entwickelt, mit dem sich menschliche DNA schnell und unkompliziert aus nur einer Zelle analysieren lässt. Diese Gentests sind in den Labors der Welt heute Standard, für Vaterschaftstests oder wenn Historiker die Vorfahren eines ägyptischen Pharao nachweisen wollen, in Zeiten der Schweinegrippe ebenso wie nach dem 11. September 2001, als in New York die Toten nach dem Anschlag auf das World Trade Center identifiziert werden mussten.

Noch immer wird für die Reinigung der DNA dabei das Prinzip des molekularen Filters von einst eingesetzt. Aus den Säulen, die zu Beginn dafür verwendet wurden, sind mittlerweile winzige Röhrchen geworden, ein komplettes Labor passt nun in eine handliche Box. Immer häufiger werden die Verfahren auch für molekulare Diagnostik genutzt, um Krankheiten wie Krebs nachzuweisen und besser zu behandeln. "Heute hat jeder zweite Patient, der Chemotherapie bekommt, nur die Nachteile, aber keine Vorteile", so Riesner. Künftig lasse sich individuell das beste Medikament für den Einzelnen bestimmen. Stichwort: personalisierte Medizin. Sein Fazit 30 Jahre nach der Firmengründung: "Für ein dringendes Problem war zur richtigen Zeit das richtige Team mit der richtigen Idee zusammen."

Quelle: RP
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