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Düsseldorf
Polizei stört kriminelle "Wohlfühlzone"

Video: Stimmung im sogenannten "Maghreb-Viertel"
Düsseldorf. Das so genannte Maghreb-Viertel in Düsseldorf dient überwiegend nordafrikanischen Straftätern aus dem Bundesgebiet als Rückzugsraum. Mit einer Großrazzia hat die Polizei am Wochenende dort für Aufregung gesorgt - mit Erfolg. Von Stefani Geilhausen

Kurz nach halb sechs am Samstagabend wird es unruhig in den dunklen Seitenstraßen hinter dem Düsseldorfer Hauptbahnhof. Überall stehen junge Männer zusammen, in jedem zweiten Hauseingang wird telefoniert. Man muss die Sprache nicht beherrschen, um zu verstehen, worum es in den hektischen Gesprächen geht: Vor ein paar Minuten ist die Polizei mit Mannschaftswagen ins Viertel gefahren, hat Teestuben und Wettlokale gestürmt und kontrolliert jetzt jeden, der dort gesessen hat.

Die Männer - es sind fast ausschließlich Männer jeden Alters unterwegs - sind nur mäßig verblüfft. Seit vorvergangene Woche der Bericht einer "Ermittlungsgruppe Casablanca" an die Öffentlichkeit gelangt ist, hat sich auch in "Klein-Marokko" herumgesprochen, dass die Polizei im Quartier mehr als 2200 Straftäter identifiziert hat, und entschlossen ist, das kriminelle Dunkelfeld im Viertel aufzuhellen.

Fotos: 2016: Großrazzia im "Maghreb-Viertel" FOTO: Gerhard Berger

Die massiven Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln haben das Viertel zusätzlich ins Gerede gebracht, nicht zuletzt, weil einige Stunden nach dem Jahreswechsel viele Nordafrikaner von der Kölner Domplatte nach Düsseldorf gefahren sein sollen. Und auch in Köln gestohlene Handys sollen Zeugenaussagen zufolge in der Landeshauptstadt weiterverkauft worden sein - im Maghreb-Viertel.

Dort hat die Polizei am Samstagabend die Plätze vor den gestürmten Lokalen mit Flatterband abgesperrt, einen Lichtmast aufgebaut und in einem Zelt vorm Gemüseladen eine Vernehmungsstelle eingerichtet. Auch der Erkennungsdienst ist da, mit einem "Fast-ID-Kit", einem Einzelfinger-Scanner, der Fingerabdrücke mit der Datenbank abgleicht. "Niemand wird heute Abend nicht identifiziert aus unseren Kontrollen gehen", sagt der Einsatzleiter. Denn in den vergangenen Monaten sind immer wieder Menschen, Männer vor allem, nach Straftaten in der Düsseldorfer Altstadt festgenommen worden, die als Ausweis bloß eine "Büma" vorzeigten; das ist die "Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender".

Häufig hat sich danach herausgestellt, dass die Bescheinigung nicht die erste des Betreffenden war. Ein Polizist sagte unserer Redaktion: "Wir nehmen Leute fest, die sich in mehreren Städten gleichzeitig als asylsuchend gemeldet haben. Oder mehrfach hintereinander und unter wechselnden Namen." Seit der Zustrom der Flüchtlinge so groß geworden sei, kämen die Behörden kaum noch nach.

"Das nutzen die Straftäter aus", sagt Polizeipräsident Norbert Wesseler, der den bereits seit Wochen geplanten Großeinsatz beobachtet. Seit der "Casablanca"-Bericht kurz nach den Silvester-Übergriffen an die Öffentlichkeit gelangt war, ist die Polizei von der öffentlichen Debatte eingeholt worden. Tagelang haben Filmteams das Viertel besucht, auch als die Polizei anrückte, gab der Gemüsehändler mal wieder ein Interview. Die alteingesessenen Marokkaner wünschten sich dringend mehr Polizei, sie litten selbst unter den jungen Männern, die von überall her nach Düsseldorf kämen und mit ihrer Aggressivität das Viertel in Verruf bringen, hat er gerade gesagt, als die Wagen mit den Blaulichtern vorgefahren sind.

2015: Razzia im Düsseldorfer Bahnhofsviertel FOTO: Gerhard Berger

Die ungewöhnlich frühe Uhrzeit für eine Razzia hat zwei Gründe: Zum einen weiß die Polizei, dass die Straftäter irgendwann am Abend in die Altstadt ziehen werden, wo sie die Gäste mit Antanz- und anderen Tricks bestehlen. Zum anderen läuft gerade ein Fußballspiel im Fernsehen, und da sind die nordafrikanischen Treffpunkte immer voll.

Manche der Gäste dort lassen bereitwillig die Kontrollen über sich ergehen, nehmen in Kauf, stundenlang warten zu müssen. "Wir sind wirklich froh, dass Sie da sind", versichert nicht bloß der Gemüsehändler den Polizisten. "Nehmen Sie die Kerle bloß alle mit." Die Kerle, das sind die jungen Männer, die mit arrogantem Grinsen ins Vernehmungszelt gehen, die Polizisten anpöbeln und vor allem die weiblichen Beamten ignorieren. Bei sieben der Männer haben die Hunde angeschlagen, die Polizei stellt Marihuana und Haschisch sicher, schreibt Anzeigen. Am Ende sind es 40 Männer, die in Polizeigewahrsam kommen, gegen einen lag schon eine Abschiebeverfügung vor, ein anderer wurde wegen Hehlerei gesucht.

Die 38 anderen werden am nächsten Tag entlassen, das Ausländeramt muss sich noch mit ihnen beschäftigen, die Justiz sieht keine Haftgründe. Kurz darauf rückt die Polizei wieder mit verstärkten Kräften im Viertel an: Ein paar der aggressiven Pöbler vom Vorabend machen wieder Ärger.

Nach Informationen unserer Redaktion hat es in der Nacht zum Sonntag weder in der Altstadt noch am Hauptbahnhof einen einzigen Taschendiebstahl gegeben. Es war die erste Nacht seit langem.

Quelle: RP
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