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Gastbeitrag Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff
Redet und trinkt öfter miteinander!

Düsseldorf. Die Landesregierung hat zu wenig Kontakt zu ihrer Hauptstadt, beklagt der frühere Stadtdirektor und Kulturstaatssekretär.

Abgesehen von Großereignissen wie dem Gründungstag 1946 und alle zehn Jahre den Jubiläumsfeiern ist das Verhältnis zwischen Land und Landeshauptstadt - unabhängig davon, welche Parteien gerade regieren - eher als Nicht-Verhältnis zu charakterisieren. Außer bei gelegentlichen Staatsbesuchen nimmt die Stadt kaum zur Kenntnis, dass sie die Landeshauptstadt des größten, leider nicht mehr bedeutendsten Bundeslandes ist, und auch die Landespolitiker nehmen ihre Hauptstadt - außer in Form von Ärger über die morgendlichen Staus! - kaum wahr. Äußeres Zeichen dafür ist, dass das Land lediglich ein Museum und ein halbes Sprechtheater, keine Staatsoper, kein Staatsorchester und Ähnliches in Düsseldorf unterhält.

Schuld daran trägt keine Seite allein, vielmehr gibt es zahlreiche Ursachen: Die wichtigste ist, dass Düsseldorf - historisch betrachtet - nicht die "geborene" Landeshauptstadt ist, weil sie zwar lange Zeit Residenzstadt war, aber dies nur für einen Teilbereich des neuen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Köln oder auch Münster wären ebenfalls in Betracht gekommen.

Künstlich gebildete Bindestrichländer haben zudem generell Probleme damit, sich mit ihrer Landeshauptstadt zu identifizieren. Reden Sie einmal mit den Stuttgartern oder vor allem mit den Karlsruhern darüber ... - und doch unterhält das Land in Stuttgart ein Staatsschauspiel, eine Staatsoper, ein Staatsballett, ein Staatsorchester und vier (!) staatliche Museen!

Umso erstaunlicher ist es, dass sich im Ergebnis fast alle Düsseldorfer Oberbürgermeister der vergangenen 70 Jahre schwer damit getan haben, gegen diese Probleme anzukämpfen und die Landespolitiker systematisch zu umgarnen und zu "hofieren" - obwohl die meiste Zeit über beide Seiten dieselbe politische Mehrheit hatten.

Ich erinnere mich lebhaft, dass mir Oberbürgermeister Klaus Bungert (SPD) einmal erzählte, dass er früher ein Angebot von Baron Heinrich von Thyssen-Bornemisza abgelehnt habe, seine legendäre, schließlich nach Madrid gegangene Kunstsammlung für 300 Millionen Mark zu kaufen. Auf meinen Einwand, warum er für diesen sicherlich gewaltigen, aber auch nicht völlig unübersteiglichen Betrag nicht die Landesregierung mit ins Boot habe nehmen können, da doch der Kauf Düsseldorf und Nordrhein-Westfalen auf einen Schlag zum eindeutig bedeutendsten Kunststandort der Bundesrepublik gemacht hätte und heute die täglichen Schlangen vor dem Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid vor dem Ehrenhof stünden, meinte er nur wegwerfend: "Die kannst Du doch für so was vergessen...!"

Das sagt für mich alles: Gemeinsam ein großes Ding für Düsseldorf und damit auch für Nordrhein-Westfalen zu drehen, kann man in der Tat vergessen - egal, wer gerade an der Macht ist. Denn die Angst, Köln oder Münster könnten aufschreien und einem an anderen politischen Stellen Schwierigkeiten bereiten, ist allzu groß. Ich bin jedenfalls mal gespannt, wie das bei der derzeit brexitbedingt im Raum stehenden Abwerbung der Vodafone-Zentrale von London nach Düsseldorf laufen wird....

Alle Landesherren - ob nun absolutistische regierende oder demokratisch gewählte - haben stets gut daran getan, ihre Residenzstadt so stark und ausstrahlend wie nur eben möglich zu machen - in München, Stuttgart, Dresden, ja selbst sogar in Schwerin im armen Mecklenburg-Vorpommern funktioniert das bis heute (obwohl Schwerin - wie Düsseldorf - historisch nur die Residenzstadt eines von mehreren Fürstentümern im heutigen Mecklenburg-Vorpommern war).

Jedenfalls werde ich nie den Aufschrei vergessen, als ich als Kulturstaatssekretär den Ankaufsetat der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen von knapp einer Million auf drei Millionen Euro aufstocken wollte. "Das macht der doch nur, weil er aus Düsseldorf kommt", hieß es damals.

Nun, wir haben dann dieses Ziel auf andere, eben rheinische Weise erreicht - aber das wäre eine eigene Geschichte ...!

Woher dieses Denken kommt? Machen Sie einmal einen Test, welche Mitglieder der verschiedenen Landesregierungen einschließlich der Staatssekretäre jemals - auch nur während der Woche - in Düsseldorf residiert haben. Während meiner Kabinettszugehörigkeit war ich jedenfalls der Einzige.

Eine Residenzpflicht für Minister und Staatssekretäre, wie sie früher üblich bzw. rein verkehrstechnisch bedingt unumgänglich war, kann man heute gewiss kaum mehr einführen. Aber sich seitens Stadt und Land regelmäßig gegenseitig zu offiziellen oder auch nur geselligen Anlässen - und nicht nur zu Landesjubiläen und Ähnlichem - einladen, das könnte man schon, um den ständigen Kontakt sicherzustellen.

Warum zum Beispiel lädt die Landeshauptstadt nicht grundsätzlich alle Landtagsabgeordneten zu allen Premieren, Konzerten, Ausstellungseröffnungen und ähnlichen Veranstaltungen ein? Auch wenn jeweils nur zwei oder drei kommen würden (und der finanzielle Verlust daher denkbar gering wäre), so würden doch jedesmal alle Abgeordneten daran erinnert, dass sie inmitten einer großartigen Landeshauptstadt arbeiten und dass diese sie jede Woche willkommen heißt!

Und warum gibt es keinen regelmäßigen, mindestens zweimal jährlichen Jour-Fix zwischen Landesregierung und den Spitzen der Landeshauptstadt mit anschließendem feuchtfröhlichen "Get-together"? Unter Johannes Rau gab es das mal sporadisch - das NRW-Forum Kultur und Wirtschaft ist beispielsweise bei einer solchen Gelegenheit geboren worden (und, so behaupte ich, gestorben ist die Beteiligung des Landes an diesem Projekt - skandalöser Weise - nur durch Nicht-Kommunikation ...!)

Fazit: Setzt Euch öfter und vor allem regelmäßiger zusammen und trinkt öfter gemeinsam einen - auch wenn es über den Durst ist! Beim NRW-Fest 2016 könnt ihr ja schon mal anfangen!

Na, denn mal Prost!

Quelle: RP
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