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Düsseldorf
"Religion rechtfertigt niemals Gewalt"

Düsseldorf: "Religion rechtfertigt niemals Gewalt"
Vor dem Forum (v. l.): Pater Elias Füllenbach, Martin Fricke, Oded Horowitz, Baas Wolfgang Rolshoven, Dalinc Dereköy und Marc Nottelmann-Feil. FOTO: Schaller
Düsseldorf. Durch die Terroranschläge in Paris erhielt das seit längerem geplante Jonges-Forum um die Frage "Wie und woran glaubt eigentlich mein Nachbar?" einen unerwartet aktuellen Bezug. Von Jörg Janssen

Wie kann die friedliche Koexistenz verschiedener Religionen gelingen? Welchen Beitrag können Religionen zu einer friedlichen Gesellschaft leisten? Antworten auf diese nach dem jüngsten Anschlag auf die Werte des Westens geradezu bedrückend aktuellen Fragen suchten beim jüngsten Forum "Weltreligionen" der Düsseldorfer Jonges Vertreter der großen Glaubensgemeinschaften. "Wir wollen an diesem Abend über Grundbedingungen des Miteinanders, der Freiheit und Toleranz reden und darüber, wie eine solche Orgie der Gewalt zu verhindern ist", sagte Baas Wolfgang Rolshoven. "Wir sind nicht im Besitz der absoluten Wahrheit. Das erkennen die meisten Menschen, die an Gott glauben, an. Aber, wie wir sehen, gibt es eben auch jene, die glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben, die keinen Dialog führen wollen und dabei sogar über Leichen gehen", sagte Pater Elias Füllenbach, Prior des Dominikanerordens.

Dalinc Dereköy, Vorsitzender der Muslimischen Gemeinden in Düsseldorf, nahm diesen Gedanken auf. "Diese Menschen gibt es, aber sie sind nicht Teil unserer Moscheegemeinden, sie bilden nicht ab, was die Hauptströmungen des Islams kennzeichnet." Die Radikalisierung von Jugendlichen erfolge in aller Regel "abseits der Moscheen". Wer eine solche Radikalisierung verhindern wolle, müsse das Thema Prävention ernst nehmen. Bildung und eine Chance zum sozialen Aufstieg seien dabei entscheidend. Deutschland biete dafür bessere Voraussetzungen als viele andere Länder. "In der Türkei kostet ein deutsches Abitur die Eltern alles in allem 140.000 Euro. Unter diesen Umständen hätte ich kein Abitur gemacht, wäre kein Rechtsanwalt geworden und hätte auch niemals promoviert."

Die aktuelle Gewalt im Namen einer Religion "macht mich ratlos", gestand Buddhist Marc Nottelmann-Feil vom Eko-Haus der japanischen Kultur. Seine Analyse: Alle Weltreligionen sind krank. "Der Islam ist aktuell wohl die Kränkeste", sagte er. In seinem Umfeld werde Gewalt derzeit am deutlichsten. Für ihn steht fest: Menschen, die im Namen Gottes töten, sind keine Tiefgläubigen. "Oft sind es Leute, die ein bisschen was gelesen haben, daraus sich ein Schwarz-Weiß-Weltbild zimmern."

Die besondere Bedeutung des interreligiösen Dialogs betonte Oded Horowitz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. Entscheidend sei darüber hinaus, gegenüber Menschen, die die Maßstäbe des Westens nicht gelten lassen, konsequent aufzutreten. Die Ansage gerade von religiös Inspirierten müsse lauten: "Das, was ihr da wollt, sind nicht unsere Regeln, das sind nicht unsere Traditionen." Dem schloss sich Pfarrer Martin Fricke, der für die evangelische Kirche in Düsseldorf den Bildungsbereich verantwortet, an. "Jugendliche erwarten einen Standpunkt." Die evangelische Kirche habe hier womöglich etwas nachzuholen. "Wir müssen selbstbewusster werden und Standpunkte deutlich vertreten." Das sei auch deshalb notwendig, weil viele Jugendliche nur noch schwach oder gar nicht religiös sozialisiert seien.

Freilich, so sah es Pater Elias, bleibe der Fundamentalismus auf lange Sicht eine Herausforderung. Viele junge Menschen hätten Probleme, in einer immer unübersichtlicheren Welt klar zu kommen. Schwarz-Weiß-Antworten böten einen scheinbaren Ausweg. "Aber die Welt ist niemals nur schwarz-weiß, in ihr gibt es immer viele, viele Grautöne."

Quelle: RP
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