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Düsseldorf
Requiem für Beuys

Düsseldorf. Die große Beuys-Ausstellung, die den Mittelpunkt der Düsseldorfer Quadriennale bildet, wirkt wie ein optisches Gedenken an den 1986 verstorbenen Künstler. Die Schau bietet Installationen und eine Fülle von Arbeiten auf Papier. Von Bertram Müller

Die Farben Braun und Grau geben die gedämpfte Stimmung vor, die den Besucher ergreift, sobald er die Joseph-Beuys-Ausstellung in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW betritt. In drei riesigen Sälen erinnern Installationen, Objekte und Zeichnungen an den 1921 in Krefeld geborenen, 1986 in Düsseldorf gestorbenen Künstler – ein Requiem aus Hinterlassenschaften von längst vergangenen Happenings, die hier und da auf schwarzweißen Fernsehschirmen auferstehen.

Traurig wirkt das, weil Beuys stets selbst Bestandteil seiner Kunst war. Jetzt muss sie ohne ihn auskommen, museal werden, noch dazu an einem Platz, den der Künstler nicht selbst erwählt hat. Er pflegte seine Kunst "abzustellen", wie im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum, wo er seine berühmte, unverrückbare "Baracke" errichtete.

Die Düsseldorfer Ausstellung reiht nun ein Objekt ans andere, und man weiß nicht recht, ob Beuys mit solch einem Warenlager glücklich geworden wäre. Die Kunstsammlung NRW hat aus der misslichen Lage jedenfalls das Beste gemacht und fördert teilweise Erstaunliches zutage.

Im ersten der beiden neu erbauten Wechselausstellungsräume zeugt eine Fülle von Arbeiten auf Papier von Beuys' Interesse an der Natur. Das findet seine Entsprechung in plastischen Objekten wie der "Rückenstütze eines feingliedrigen Menschen (Hasentypus) aus dem 20. Jahrhundert p. Chr." von 1972.

Vielfach äußert sich Beuys' Vorliebe für Materialien wie Filz und Fett, Eisen und Kupfer, die von Wärme und Energie, auch von chemischen Reaktionen erzählen. Und wer seinen Blick nicht nur auf den an der Wand hängenden Filzanzug richtet, sondern auch auf kleinere Objekte wie etwa Collagen mit Schokoladentafeln, dem gibt sich Beuys sogar als stiller Humorist zu erkennen: Ein Messer, dessen Spitze mit einem Pflaster verklebt ist, trägt den Titel: "Wenn Du Dich schneidest, verbinde nicht den Finger, sondern das Messer".

Installationen für eine Beuys-Ausstellung zu gewinnen ist demgegenüber erheblich schwerer. Da war die Kunstsammlung sehr erfolgreich. Aus Kassel ist "The pack (das Rudel)" von 1969 nach Düsseldorf verfrachtet worden: ein maroder VW-Bus, dem durch die Heckklappe 24 Schlitten entschlüpft zu sein scheinen, jeder mit einer Stablampe, einer Filzdecke, einer Fettplastik und einem Gurt beladen.

Im oberen Saal trifft man dann auf eine Installation, die wohl die wenigsten hierzulande je gesehen haben: "Streifen aus dem Haus des Schamanen 1964–72" von 1980, ein strenges Ensemble unter anderem aus Filz, Tierhaut, Kupfer und Bergkristall, das der australischen Nationalgalerie in Canberra gehört.

Anschließend führt der Rundgang vorbei an Relikten von Aktionen, welche die gepflegte Tristesse der Schau mitbestimmen. Die "Straßenbahnhaltestelle", 1976 einer der Höhepunkte der Biennale von Venedig, liegt in ihre Einzelteile zerlegt auf dem Boden, ebenso die "Honigpumpe", Blickfang auf der "documenta" des Jahres 1977.

Treppabwärts geht es zur dritten Station der Ausstellung, drei markanten Installationen der siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. "zeige deine Wunde" von 1974/75, ein Ensemble aus zwei Bahren, Schiefertafeln, Tuchfetzen und Forken, gemahnt an den Tod. Und der monumentale, aus Bronze gegossene "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" wirkt in seiner Starrheit wie ein Denkmal der Kälte, die Beuys zufolge überwunden werden soll. Denn in seinem gesamten Schaffen setzte er auf Wärme und die Aufhebung von Entfremdung.

Ein Jahr vor Beuys' Tod entstand die Installation "Palazzo Regale": zwei mit Objekten bestückte Glasvitrinen in einem Ambiente aus Messingtafeln, die mit Goldstaub überzogen sind. Das Werk aus dem Besitz der Kunstsammlung NRW fasst wichtige Bestandteile von Beuys' Schaffen wie Filz, Metallstäbe, Rucksack und Fell zusammen, ist aber in seiner edlen Anmutung schon kein typischer Beuys mehr.

Die Ausstellung beeindruckt vor allem durch ihre Materialfülle – der Katalog nennt fast 300 Stücke – und dadurch, dass sie manches umfasst, das man für unverleihbar hielt. Allein anhand von Gegenständen aber kann man sich von Beuys, dem Schamanen, Naturforscher, Menschenfischer und Schöpfer, der kunstferne Materialien wie Lehm, Filz und Fett mit Bedeutung auflud und zu eigener Schönheit führte, nur begrenzt ein Bild machen.

Quelle: RP
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