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11.9.1965 am Düsseldorfer Flughafen
Mit Wasserwerfer gegen Stones-Fans – "Die haben uns gejagt"

Rolling Stones 1965 am Flughafen Düsseldorf: "Die haben uns gejagt"
Brigitte Piel (links) rennt am 11. September 1965 mit Freunden über das Flugfeld am Düsseldorfer Flughafen. Hinter ihnen der Wasserwerfer der Flughafen-Feuerwehr. FOTO: Volker Krämer
Düsseldorf. Im Oktober geben die Rolling Stones ein Konzert in Düsseldorf. Am 11. September 1965 kamen sie zum ersten Mal nach Deutschland. Brigitte Piel war damals 13 Jahre alt und ein großer Fan. Als die Band am Düsseldorfer Flughafen landete, wollte sie ihre Idole begrüßen. Doch dann verlor ein Feuerwehrmann die Nerven. Von Laura Sandgathe

Vor 52 Jahren war Brigitte Piel schon einmal in der Zeitung. Die Rheinische Post veröffentlichte  am 13. September 1965 ein Foto von ihr. Auf dem Schwarz-Weiß-Bild ist links Piel zu sehen, wie sie mit Freunden über das Flugfeld am Düsseldorfer Flughafen rennt. Sie hält die Hand eines Freundes umklammert; ihre Haare, ihre Kleidung, alles pitschnass. Dicht auf ihren Fersen: ein Fahrzeug der Flughafen-Feuerwehr, ausgestattet mit einem Wasserwerfer. Von dem Feuerwehrmann ist nur die schwarze Silhouette zu erkennen, die Spritzkanone im Anschlag.

"Die haben uns gejagt", erinnert sich Piel. "Einer ist in einen See gesprungen, der kam klatschnass wieder raus." Als Polizei und Feuerwehr kamen, habe sie Angst gehabt. "Ich habe gedacht: wenn meine Mutter das rauskriegt…"

Die damals 13-Jährige, die heute 65 Jahre alt ist und mit ihrem Mann in Düsseldorf lebt, wollte am Flughafen die Rolling Stones begrüßen. Die Band aus England kam damals für ihre erste Deutschland-Tournee, die sie zuerst nach Münster und dann nach Essen, Hamburg, München und Berlin führte. Anfang Oktober kommt sie erneut, diesmal in die Esprit-Arena in Düsseldorf. Damals wie heute ist Brigitte Piel ein Fan. Mit zwölf hört sie zum ersten Mal die Musik der Stones, vom Plattenspieler, auf einer Party einer Jugendorganisation. "Brian Jones war der schönste Stone", sagt Piel, "der war der hübscheste".

Mick Jagger am Abend des 11. September 1965 beim Konzert der Stones in der Halle Münsterland. FOTO: Stadtmuseum Münster, Sammlung Hä

"Meine Mutter hätte mir das nie erlaubt"

Dass das Mädchen im September 1965 am Flughafen steht für eben diesen Brian Jones und seine Bandkollegen, wissen ihre Eltern nicht. "Meine Mutter war streng, die hätte mir das nie erlaubt", sagt Piel. Also erzählt sie zuhause, sie wolle zum Schwimmen gehen. Und weil sie den Stones nicht in den braven Kleidern gegenübertreten will, die ihre Mutter ihr kauft, hat sie unter dem Balkon eine Plastiktüte mit einer Hose und einer dunklen Jacke deponiert.

Am Flughafen treffen Piel und fünf Freunde auf über 6000 weitere Fans. Es ist Nachmittag, um die 12 Grad, bewölkt aber trocken. Das Flugfeld ist mit Gitterzäunen abgeschirmt. Die Gruppe stellt sich am Zaun neben Halle 5 auf, Piel und ihre Freunde stehen ganz vorn. "Ich habe nur gedacht: wäre ich doch älter und könnte auch auf das Konzert der Stones gehen. Ich habe die älteren beneidet", sagt Piel. Ihre ältere Schwester habe ins Konzert der Beatles gehen dürfen.

Brigitte Piel heute auf der Besucherterrasse des Düsseldorfer Flughafens. Wenn heute Stars in Düsseldorf landen, stehen die Fans üblicherweise dort, um sie zu begrüßen. FOTO: Anne Orthen

Am Flugfeld drückt die Menge gegen den Zaun. "Wir wollten näher ran, um die Band besser sehen zu können", erinnert sich Piel. Dann habe sich der Zaun geöffnet. "Da war nur so ein kleines Vorhängeschloss dran."

Der Mann hinter der Spritzkanone sah rot

Kaum stürmen die Fans auf das Flugfeld, sind auch schon Polizei, Feuerwehr und Flughafenaufsicht da. Die Einsatzkräfte wollen die Band gegen die aufgeregten Fans abschirmen, aber es geht auch um die Sicherheit der anderen Fluggäste und der Fans selbst. Denn es starten und landen Maschinen. Die Stones-Anhänger werden zurückgedrängt. Sie hätten schnell den Rückzug angetreten, berichtet RP-Reporter Claus Preute in seinem Artikel vom 13. September 1965. Doch bei der Flughafen-Feuerwehr habe man die Nerven verloren. "Ein Wasserwerfer raste vor das Tor. Obwohl die Beat-Anhänger bereits auf dem Rückmarsch waren, sah der Mann hinter der Spritzkanone rot", schrieb Preute. Der Mann habe offenbar nicht erkannt, dass die Gefahr bereits gebannt gewesen sei.

Piel rennt über das Flugfeld. "Der Wasserwerfer war hinter mir, der Strahl traf mich in den Rücken." Eine Wassersalve nach der anderen habe der Feuerwehrmann abgeschossen, berichtete Preute. Polizisten schnappen Piel und ihre Freunde. "Wir wurden im Polizeibus vernommen und unsere Personalien wurden aufgenommen." Dann dürfen sie gehen.

In Münster gaben die Rolling Stones das Auftakt-Konzert ihrer ersten Deutschland-Tournee. FOTO: Stadtmuseum Münster, Sammlung Hä

Am nächsten Morgen meldet sich aufgeregt eine Freundin: "Brigitte, du bist in der Zeitung." Da sei sie sofort zu Sabine gerannt, der jungen Frau mit den dunklen Haaren hinten rechts auf dem Foto. "Die hat dann ihrem Vater die Zeitung weggenommen und behauptet, sie müsse etwas für die Schule nachsehen. Und dann hat sie schnell die Seite rausgerupft", erzählt Piel. Sabines Vater sei ähnlich streng gewesen wie ihre Mutter. Auch Piels Eltern hatten die Rheinische Post abonniert und haben sie an diesem Tag wohl auch gelesen. "Aber wir haben nie darüber gesprochen, bis heute nicht."

Ein Blick von Mick Jagger

Auch von der Polizei hört Piel in der Sache nichts mehr, "Gott sei dank". Die Reaktion der Einsatzkräfte habe sie damals überrascht. Die Fans hätten - abgesehen von dem Zaun - nichts kaputt gemacht und hätten auch keine gefährlichen Gegenstände dabei gehabt. "Ich hatte nur mein Schwimmzeug dabei", lacht Piel. RP-Reporter Preute nahm das anders war. Seinem Artikel zufolge wurden einige Stones-Anhänger durchaus aggressiv, insbesondere, als Polizei und Feuerwehr auftauchten -  ein Ziegelstein sei auf den Wasserwerfer geflogen. "Es herrschte Kampfstimmung", schrieb Preute. Und: "Wahrscheinlich wäre es nicht zu den Krawallszenen gekommen, wenn der Mann, der den Wasserwerfer bediente, die Nerven behalten hätte". Piel sagt: "Wir waren blauäugig. Wir haben gedacht, wir gehen da hin, winken und gehen wieder zurück."

Die Stones hat Piel an diesem 12. September 1965 übrigens nicht gesehen, "nur den Flieger". Doch 17 Jahre später, 1982, ist sie beim Konzert im Müngersdorfer Stadion in Köln dabei. "Das Konzert war nicht so berauschend. Peter Maffay war die Vorband, der wurde ausgebuht”, erinnert sich Piel. Doch dann habe ihr Mick Jagger zugewunken. "Wir hatten Blickkontakt, ich winkte, und er winkte zurück."

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