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Düsseldorfer Altstadt
Schlafen in der Partymeile – eine Nacht bei den Dominikanern

Düsseldorfer Altstadt: Schlafen in der Partymeile – eine Nacht bei den Dominikanern
Mittendrin, aber nicht dabei - Blick aus der ersten Etage des Dominikanerklosters FOTO: Anne Orthen
Wenn die Dominikaner schlafen wollen, will die Düsseldorfer Altstadt feiern. Geht das zusammen? Unser Autor hat eine Nacht unter den Ordensbrüdern verbracht. Von Sebastian Dalkowski, Düsseldorf

Die Brüder sind müde. Sie haben an diesem Samstag zweimal die Messe gefeiert, sie haben ihre Predigt für den nächsten Tag geschrieben. Sie haben mit Mann und Frau über die Trauung gesprochen. Sie haben das Essen gekocht, weil die Köchin samstags frei hat.

Einer wird noch eine Weltraumserie gucken, ein anderer einen Koffer packen, weil er morgen früh in die Schweiz fliegt. Ab zehn werden sie nach und nach ins Bett gehen und schlafen. Versuchen zu schlafen. Denn wieder werden sie diesen Lärm hören, selbst wenn die Fenster geschlossen sind. Diesen Lärm von Menschen, die samstagnachts in der Altstadt feiern. Vielen, vielen Menschen. Wie jeden Samstag. Wie jeden Freitag. Wie fast jeden Abend der Woche. Auch ich werde diesen Lärm hören. In dieser Nacht schlafe ich nicht zu Hause, sondern bei den Dominikanern. Noch habe ich das Fenster in meinem Zimmer nicht geöffnet.

Sieben Ordensbrüder leben im Dominikanerkloster

Die Altstadt ist am Wochenende der Ort, der niemals schläft. Auf einem halben Quadratkilometer Kneipen, Diskotheken, Restaurants und keine Sperrstunde. Doch es gibt dort auch Menschen, die einfach schlafen wollen. Knapp 2300 Einwohner hat der Stadtteil, sieben von ihnen leben im Dominikanerkloster. Dort, wo Hunsrückenstraße und Andreasstraße aneinanderstoßen, gegenüber der Andreaskirche. Sieben Ordensbrüder, die jede Nacht mittendrin sind, aber nicht dabei. Sieben Brüder, die sich nicht von der Welt abwenden wollen und dafür einen Preis zahlen müssen. Wie hoch darf der Preis sein?

Die Brüder haben mich in einem Gästezimmer in der zweiten Etage untergebracht, mit Blick auf die Andreaskirche, wie alle Schlafzimmer. In den ansonsten leeren Regalen ein paar religiöse Bücher, auf dem Schreibtisch ein Modem. Das WLAN-Passwort ist lateinisch.

Bisher habe ich das Draußen nur durch das geschlossene Fenster wahrgenommen. Ein gemäßigtes Dauerbrummen aus der Ferne. Die Fenster sind vor einigen Jahren ausgetauscht worden, um den Lärm besser abzuhalten. Die Mauern allerdings sind noch die alten, eine Pappschachtel von vor der Ölkrise hat ein Mitbruder das Gebäude genannt. Heißt: schlecht isoliert, auch gegen Lärm.

Der gesammelte Lärm der Hunsrückenstraße drängt durch den Spalt

Als ich gegen halb zwölf das Fenster öffne, ist es wie der Unterschied zwischen einen Kilometer von der Autobahn entfernt wohnen und auf dem Seitenstreifen stehen. Ich schaue aus dem Fenster. Vorm Irish Pub O'Reilly's sitzen nur noch einige Leute auf der Terrasse. Als die Mitarbeiter Stühle und Tische beinahe vorschriftsgemäß um viertel nach zwölf abbauen, ist das Geräusch allerdings noch immer da.

Es ist der gesammelte Lärm der Hunsrückenstraße, der durch den Spalt im Fenster drängt, der Lärm der Menschen, die noch draußen stehen. Kurze Zeit später höre ich zum ersten Mal ein anderes Geräusch, vor dem mich Pater Wolfgang bereits gewarnt hat: der Bass aus dem Salon des Amateurs. "Wenn du das hörst, weißt du: Das geht durch bis zur Messe am nächsten Morgen."

Die Geschichte von Pater Wolfgang zeigt, dass Lärm nicht bloß ein Ärgernis sein, sondern das Leben erschweren kann. Der 59-Jährige ist niemand, der sich allzu leicht aus der Bahn werfen zu lassen. Der gebürtige Düsseldorfer arbeitet als Gefängnispfarrer, betreibt die Armenküche. Er nimmt niemandem das Feiern in der Altstadt übel. Sein Bauch zeigt, dass er selbst gerne isst und trinkt. Regelmäßig geht er in Altstadtkneipen, ins Kino, unter Menschen.

Eine schalldichte Kabine für den Pater

Keiner lebt so lange in diesem Gebäude wie er. Vor 27 Jahren kam er in den Konvent. Den Versuch, bei offenem Fenster zu schlafen, stellt er bald ein. Erst schließt er nur die Fenster, dann verschließt er auch seine Ohren, ein Hörsturz lässt sie empfindlich werden. Bald reicht sogar das Ohropax nicht mehr, und dann sind da diese vielen Entzündungen im Ohr. Im Urlaub fährt er gerne mit seinem Bruder tauchen, das aber ist nicht mehr möglich. Als er seinem Arzt erzählt, dass er seit Jahren die Ohren verstopft, ist der entsetzt. Ab sofort müssen die Ohren frei bleiben.

Weil ihn der Lärm allerdings nicht einschlafen lässt, fährt er jeden Abend 20 Minuten mit dem Fahrrad zu seiner Mutter, um dort zu übernachten, und am nächsten Morgen früh zurück. Eine Dauerlösung ist das nicht. Was tun? Jede Entscheidung wäre ein Einschnitt.

Dann findet er im Internet diesen Anbieter schalldichter Kabinen. Die sind eigentlich für Musikaufnahmen und Messungen in der Industrie, aber ließe sich nicht auch ein Bett hineinstellen? Er fährt zum Produzenten in Baden-Württemberg, übernachtet in einer solchen Kabine, um zu testen, ob er wegen der Enge Herzrasen bekommt. Bekommt er nicht und ordert die Kabine. Allein die Tür wiegt 73 Kilo, wegen der Mineralplatten. Seit Aschermittwoch schläft er wieder bei den Dominikanern. Er sagt, in der Kabine sei es "ein Unterschied wie zwischen Blaskapelle und Gespräch". Die Ohrenentzündungen sind weg.

Gegen 3 Uhr müde genug, um einzuschlafen

Die anderen haben nicht zu so einer drastischen Maßnahme gegriffen, aber jeder geht auf seine Art mit dem Lärm um. Mit geöffnetem Fenster schlafen die wenigsten, eine Klimaanlage gibt es nicht. Im Sommer haben sie die Wahl zwischen gemäßigt ruhig, aber warm und gemäßigt kühl, aber laut. Pater Elias geht spät schlafen, und dann schläft er auch. Ihn stört der Lärm eher beim Arbeiten, wenn er nachts noch am Schreibtisch sitzt. Bruder Irenäus kam 2008 aus einem Kloster zwischen Brühl und Bonn. Das Lauteste dort war das Vogelgezwitscher. Das erste halbe Jahr war furchtbar, dann akzeptierte er sein Schicksal. Pater Franz greift zu Ohrenstöpseln, wenn es zu arg wird. Innere Ruhe ersetzt kein Ohropax.

1.24 Uhr, immer noch laut. An das Dauergeräusch kann man sich gewöhnen, es ist eher das, was aus dem Gelärm heraussticht, weil es wie ein Alarm wirkt. Was ich höre: das Klirren von Glas. Gruppen, die singen. Leute, die pfeifen. Leute, die bellen. Mädchen, die kreischen. Mädchen, die "Hallo" rufen. Menschen, die klatschen. Krankenwagensirenen. Einen jungen Mann, der "Hoooo" und "Oooo" schreit, Skateboarder. Gegen 3 Uhr bin ich allerdings müde genug, um auf der Stelle einzuschlafen.

Die Dominikaner wollten unter Menschen sein

Es ist nicht so, dass die Dominikaner keine Ahnung hatten, wie laut es in der Altstadt werden kann. 1973 zogen sie von ihrem Kloster ins frühere Pfarrhaus von St. Andreas, um die Seelsorge zu übernehmen. Sie wollten gerade nicht in ein abgelegenes Kloster, sie wollten unter den Menschen sein. Weshalb sie lieber von Konvent als von Kloster sprechen. Und wenn sie in ihrer Kutte zur Kirche rübergehen und jemand ein Selfie mit ihnen machen möchte, dann wehren sie sich nicht.

"Leben begleiten" steht groß an der Fassade, und wer wissen will, wie sie das Leben begleiten, der muss nur mit Pater Manfred darüber sprechen, wie er mal dafür gesorgt hat, dass ein Junkie sich in der Kirche ungestört einen Schuss setzen konnte. Es klappte nicht in den Armen, also zog der Junkie sich die Hose runter, fand eine Stelle. "Man sieht den leidenden Jesus live", sagt Manfred. "Aber ich habe mit dem Mann auch über Kant gesprochen, über Kant!" Dass er den Mann seit einiger Zeit nicht gesehen hat, heißt, dass der entweder im Entzug ist oder sich den goldenen Schuss gesetzt hat. Ein anderer Pater ist dafür zuständig zu entscheiden, welcher der Obdachlosen vorm Gebäude auch mal Geld aus der Kasse bekommt.

Die Dominikaner verlangen kein Ende der Sperrstunde oder die Umwandlung der Altstadt in eine Ruhezone. Lauter geworden ist es in ihren Ohren trotzdem. Weil die Junggesellenabschiede durch die Billigflieger zugenommen haben. Weil die Raucher heutzutage nach draußen müssen. Weil die Heizpilze dafür sorgen, dass die Leute selbst im Winter draußen sitzen. Weil seit der WM 2006 alle Leute an der frischen Luft Fußball gucken. Weil neue Läden anderes Publikum anziehen. Weil Kioske dafür sorgen, dass viele Menschen noch spät in der Nacht draußen stehen. Pater Elias wäre schon zufrieden, wenn die rechtlichen Vorgaben eingehalten würden.

Keine Straßenmusik nach 22 Uhr zum Beispiel, nach Mitternacht draußen keine Tische und Stühle mehr. Wird es zu arg, rufen sie die Polizei oder das Ordnungsamt. Pater Wolfgang geht auch mal in die betreffende Kneipe und verlangt energisch Ruhe. Da gibt es diesen Irish Pub, der zum Abschluss immer die Musik aufdrehte. Seitdem er sie darauf hingewiesen hat, wie störend das ist, haben sie es bleiben lassen. Im Irish Pub gegenüber wurde die Fassade so verstärkt, dass bei geschlossenen Türen kein Mucks nach draußen dringt.

Was für eine Altstadt wollen die Düsseldorfer?

Die Versuchung liegt nahe, die Dominikaner darauf hinzuweisen, dass es in der Altstadt nun mal laut ist – warum ziehen sie nicht einfach weg? Schwierig, sie arbeiten dort eben auch. Sie machen den Menschen ein Angebot. Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen. Zwei Messen laufen täglich in der Andreaskirche, am Sonntag sogar drei. Jeden Sonntag ein Orgelkonzert. "Wir sind keine Pfarrkirche, sondern eine Fahrkirche", sagt Pater Elias. Weil die Leute auch von weiter kommen. Welche Kirche sonst kann so viele unterschiedliche Priester und damit Predigten anbieten? "Wir wollen für die Menschen da sein", sagt er, "aber manchmal müssen wir auch auf uns achten."

Und so wirft der Fall der Ordensbrüder und des Lärms auch die Frage auf: Was für eine Altstadt wollen die Düsseldorfer? Eine, die nur vom Event lebt, von Lautstärke, oder eine, in der verschiedene Gruppen und Interessen miteinander auskommen können? Dass die Brüder Nachtruhe brauchen, ist nachvollziehbar, dass die Kneipenbetreiber mit Außengastronomie Platz für mehr Gäste haben und über Lautstärke mehr Leute anziehen auch.

Um 5 Uhr werde ich geweckt. Durch das Geschrei einer Gruppe. Ich schließe das Fenster, sofort himmlische Ruhe, und schlafe bald wieder ein. Am nächsten Tag erinnere ich mich vage daran, dass sich eine Schlägerei ankündigte.

Welche Gesetze sollen plötzliche Geräusche verbieten? Dass Menschen von selbst auf die Idee kommen, nicht mitten in der Nacht in der Altstadt zu brüllen, ist ein frommer Wunsch.

Um halb neun am Sonntag beginnt die erste Messe

Am Sonntagmorgen ist die Altstadt Idylle. Nachdem die Straßenreiniger ihre Arbeit getan haben, nachdem eine Gruppe von zwei jungen Frauen und Männern ihren Streit beendet hat. Nachdem eine Gruppe aufgehört hat, "Narcotic" von Liquido mitzusingen. Und nachdem die Kirchenglocken aufgehört haben zu läuten. Um halb neun beginnt die erste Messe. Viele ältere Menschen, aber auch junge Familien betreten die Kirche. Ich höre Vögel.

Auf dem Platz steht die Martinssäule. St. Martin rettete einst einen Armen vorm Erfrieren. Aber er achtete auch auf sich – und behielt die andere Hälfte seines Mantels.

Quelle: RP
 
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