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Düsseldorf
Schon Zwölfjährige rauchen Cannabis

Schon Zwölfjährige rauchen in Düsseldorf Cannabis
Trudpert Schoner in seinem Büro an der Willi-Becker-Allee. Er koordiniert die Hilfsangebote für Suchtkranke in Düsseldorf. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. In Düsseldorf gibt es eine politische Mehrheit für die legale Abgabe von Cannabis, es soll dafür auf Bundesebene ein Antrag gestellt werden. Trudpert Schoner, der Suchtkoordinator der Stadt, hat in den meisten Fällen mit einer anderen Droge zu tun – Alkohol. Von Uwe-Jens Ruhnau

Düsseldorfer Politiker sagen, Cannabis bekommt man heute an jeder Ecke, da kann man es auch in der Apotheke legal für den privaten Konsum abgeben. Ist Cannabis wirklich so verfügbar?

Schoner Den Eindruck muss man haben. Es ist eine Entwicklung der letzten Jahre, dass illegale Suchtmittel relativ leicht zu erhalten sind. Sie gelten auch nicht mehr als exotisch. Als ich jung war, war es möglich, durch die Schulkarriere zu kommen, ohne mit Drogen in Berührung zu kommen. Das ist heute anders.

Antrag zur Legalisieriung von Cannabis: Das sind die Reaktionen

Reden die Direktoren heute offener darüber, dass es Drogen an der Schule gibt?

Schoner Die meisten schon, alles andere hat auch keinen Zweck. Das Phänomen ist da und es macht keinen Sinn, es zu verschweigen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen.

Das ist der Drogenkonsumraum in Düsseldorf FOTO: Bretz, Andreas

Also sind alle Kinder der Gefahr ausgesetzt, Kiffer zu werden?

Schoner Die Wahrscheinlichkeit ist zumindest hoch, mit den Rauschmitteln in Kontakt zu kommen. Was uns Sorgen bereit, ist der Umstand, dass der Erstkontakt etwa mit Cannabis immer früher stattfindet. Wir haben Kinder, die mit zwölf Jahren den ersten Joint rauchen. Es geht also ungefähr mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule los. Das ist deshalb besorgniserregend, weil die stoffgebundenen Süchte Auswirkungen auf die Hirnreifung haben. Diese kann bis Mitte 20 andauern, und wenn heute die Experten über die Psychosegefahr bei dauerhaftem Cannabiskonsum sprechen, hat dies mit diesem Umstand zu tun.

Der harte Alltag im Drogenkonsumraum

Was machen Sie, wenn Sie von besonders jungen Drogenkonsumenten Kenntnis erhalten?

Schoner Es kommt auf den Einzelfall an. Wir haben in Düsseldorf ein gutes Netz an Beratungsstellen. Wenn es darum geht, dass ein Kind oder ein Jugendlicher etwas ausprobieren oder Grenzen austesten wollte, sind die Jugendberatung oder die Erziehungs- und Familienberatungsstellen zuständig. Handelt es sich um regelmäßigen Konsum, helfen die Suchtberatungsstellen. Davon gibt es in der Stadt fünf.

Werden heute mehr Drogen genommen als früher?

Schoner Davon gehe ich nicht aus. Es ist eher so, dass sich die Konsummuster verändert haben - es werden mehr illegale Drogen konsumiert als noch vor Jahren. Wir beobachten jedoch eine relativ konstante Auslastung der Beratungsstellen. Wie viele Drogenkonsumenten wir in der Stadt genau haben, ist nicht bekannt - wir können das nur aus Bundesstatistiken ableiten. Wir versuchen jetzt, mehr Daten zu erheben, um einen besseren Überblick zu erhalten. Die Schätzungen auf Bundesebene gehen dahin, dass fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung Alkoholprobleme haben und bis zu zwei Prozent zu illegalen Rauschmitteln greifen.

Sie haben zehn Jahre als Drogenberater gearbeitet. Gibt es Ihrer Erfahrung nach besondere Risiken, die den Griff zur Droge wahrscheinlicher machen?

Schoner Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt es vor allem einen Zusammenhang mit hohem Druck in Schule und Berufsausbildung, Misserfolgserlebnissen und familiären Problemen. Eine private oder berufliche Krise oder Stressbewältigung ist später auch bei den Erwachsenen meist der Auslöser, übrigens mit bis zu 90 Prozent die größte Gruppe der Betreuten. Da finden Sie alle Berufsgruppen, und in der Regel geht es um massive Alkoholprobleme. Die Drogenkranken, die Sie auf der Straße als solche erkennen, stellen die kleinste Gruppe dar. Die Ausgangssituation ist stets ähnlich: Drogen verschaffen ein Gefühl der Zufriedenheit, das sich anders kaum mehr einstellt. Mit der Zeit wird es immer schwerer, das positive Gefühl durch eine eigene Handlung zu erzeugen. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen: Der Umgang mit einem Problem wird wie der Umgang mit einer Krankheit vollzogen - wirf etwas ein, dann geht das weg. Dass sich langfristig ganz andere Probleme einstellen, wird verdrängt.

Alkohol ist das größte Problem?

Schoner Das ist so. Der Pro-Kopf-Konsum ist in Deutschland nah an der Gesundheitsgefährdung, wenn man die Standards der Weltgesundheitsorganisation anlegt. Im Jahr 2012 hat jeder Deutsche 9,5 Liter reinen Alkohols zu sich genommen, eine sehr beachtliche Zahl.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, von der Droge wegzukommen?

Schoner Man kann sagen, dass die Chancen umso besser sind, je mehr Ressourcen und Kompetenzen jemand schon erworben hat. Soziale Kompetenzen, Beziehungen, Bildungsabschlüsse und Arbeit, das sind alles stabilisierende Faktoren. Diese Kompetenzen helfen den Menschen, wieder stabil zu werden. Sie haben gute Heilungschancen.

Welche Ziele haben Sie bei der Suchtbekämpfung?

Schoner Wir wollen systematischer mit dem Problem umgehen. Ganz wichtig ist es, früher an die Menschen heranzukommen, etwa durch Öffentlichkeitsarbeit. Häufig gibt es eine über zehnjährige Kranken- und Leidensgeschichte, ehe Menschen Hilfe suchen und finden. Wir haben zudem im Frühjahr ein neues Suchthilfeplanungskonzept aufgelegt und vier Tätigkeitsfelder definiert. Bei "Vorbeugen, Schützen und Stärken" geht es um Prävention, etwa in den Schulen, wo wir den Kindern vermitteln, dass man sich Gruppenzwängen entziehen kann. Wir wollen bei den schweren Fällen, bei denen es meist um Verelendung geht, das Überleben sichern. "Motivieren, Verändern, Aussteigen" sowie "Stabilisieren und Sichern" komplettieren die Arbeitsfelder. Wir arbeiten mit den Wohlfahrtsverbänden und weiteren Einrichtungen intensiv zusammen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich Drogenkonsum abschwächt?

Schoner Möglich ist das. Es geht dabei um die Frage, ob eine Gesellschaft ihre Prioritäten verändern möchte. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, wie gering heute die Akzeptanz für das Rauchen ist. Da hat viel Aufklärung stattgefunden, die Menschen kennen die Risiken, die Werbung wurde eingeschränkt, die Ware ist zumindest für junge Menschen schwieriger zu bekommen. Es geht also, wenn viele Stellen und Institutionen zusammenarbeiten.

Das Gespräch führte Uwe-Jens Ruhnau.

Quelle: RP
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