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Umstrittene Lernmethode
"Schreiben nach Hören war eine Katastrophe"

Umstrittene Lernmethode: "Schreiben nach Hören war eine Katastrophe"
Der umstrittenen Methode "Schreiben nach Hören" liegt die Annahme zugrunde, dass Schreiben dem Lesen vorausgeht (Symbolbild). FOTO: AP, AP
Düsseldorf. Beim "Schreiben nach Hören" sollen Kinder Schreiben zunächst ohne Regeln lernen. Zu den Gegnern der Methode gehört Raimund Millard, Leiter eines Düsseldorfer Gymnasiums. Er sagt: Die Auswirkungen des Systems sind bis ins spätere Berufsleben spürbar. Von Susanne Hamann

Seit Jahren laufen viele Eltern Sturm gegen die Lernmethode "Schreiben nach Hören". Der Ansatz für Grundschulen wurde in den 70er Jahren vom Schweizer Pädagogen Jürgen Reichen entwickelt: Kinder sollen dabei Lesen lernen, indem sie Wörter nach Gehör aufschreiben; Rechtschreibung ist zunächst nicht wichtig. Das führt dann zu Sätzen wie "Di Kinda gehn in den Tso". 

Nachdem die Methode an vielen Schulen in der Region jahrelang im Einsatz war, kommt sie jetzt auf den Prüfstand: Die neue NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) lehnt "Schreiben nach Hören" für Grundschüler ab. "Das werden wir uns genau ansehen. Ich bin keine Freundin dieser Methode", sagte sie Ende Juli - und dürfte damit beim Düsseldorfer Gymnasialdirektor Raimund Millard auf Zustimmung gestoßen sein. 

Herr Millard, Sie haben auf einer Informationsveranstaltung an Ihrer Schule das Konzept "Schreiben nach Hören" kritisiert. Warum?

Raimund Millard Dazu muss man wissen, dass ich vier Kinder habe. Zwei Jungen und zwei Mädchen mit einer Spanne von elf Jahren Unterschied. Als meine Älteste in die Schule kam, das ist jetzt 20 Jahre her, hat ihre Grundschullehrerin von der 1. bis zur 4. Klasse "Schreiben nach Hören" gelehrt. Und es war eine Katastrophe. 

Raimund Millard ist Schulleiter des Schloss-Gymnasiums in Düsseldorf-Benrath. FOTO: Raimund Millard

Wieso?

Millard Die Schüler haben in der Folge keine Grundkenntnisse in Rechtschreibung. Meine Tochter hatte massive Probleme auf dem Gymnasium. Wir haben ein Jahr gebraucht, um alle Fehler, die sich eingeschliffen hatten, wieder auszubügeln. 

Und was war Ihre Konsequenz daraus?

Millard Wir haben bei den anderen Kindern gesagt, dass wir das nicht mehr möchten. Vereinfachte Ausgangsschrift ist in Ordnung, aber "Schreiben nach Hören" haben wir ab dann nicht mehr mitgemacht. 

Sondern?

Millard Wir haben unseren Kindern immer sofort die richtige Rechtschreibung und den richtigen Satzbau erklärt. Das ist natürlich Arbeit und setzt voraus, dass man bereit ist, sich quasi jeden Tag mit ihnen hinzusetzen und das durchzuarbeiten. Man muss dann eben immer wieder sagen: 'Aufräumen wird nicht mit eu, sondern mit äu geschrieben'. Aber die Arbeit lohnt sich. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass sich diese Fehler gar nicht erst einschleifen dürfen. 

Das ist lange her. Sehen Sie denn die gleichen Probleme heutzutage bei Schülern der 5. und 6. Klasse?

Millard Auf jeden Fall. Ich bin persönlich betroffen, deswegen ist mir das Thema seit 20 Jahren wichtig. Aber was wir teilweise in der 5. Klasse sehen, ist nicht zu glauben. Manchmal steht in den Texten mehr in Rot Korrigiertes als schwarzer Text vom Schüler. Manchmal müssen sich Lehrer die Texte sogar laut vorlesen, um überhaupt verstehen zu können, was die Sätze bedeuten. Das ist ein riesiges Problem, und die Leidtragenden sind die Kinder. 

Wie meinen Sie das?

Millard Weil sich die Fehler festsetzen und dann auf der Universität und bei Bewerbungen richtig zum Problem werden. Ich sehe ja bei meinen Kindern, wie oft eine Bachelor-Arbeit mit einer schlechteren Note zurückkommt, weil darin zu viele Rechtschreibfehler sind. Bei einer Bewerbung sind die Regeln noch strenger. 

Diese Probleme müssen doch aber auch anderen Eltern und Lehrern auffallen. Wieso hat sich die Lernmethode so lange gehalten?

Millard Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist stumpfes Auswendiglernen nicht mehr in Mode. Es heißt, das würde die Kreativität und Lernmotivation der Kinder senken. Ich kann das allerdings für meine Kinder, denen wir die Regeln beigebracht haben, nicht bestätigen. Zum anderen sind die Standards für den Bereich Rechtschreibung in den letzten Jahren immer mehr gesenkt worden. 

Was heißt das?

Millard Der Bereich, in dem Lehrer die Möglichkeit haben, Abzüge wegen falscher Rechtschreibung zu geben, ist immer kleiner geworden. Das gilt für das Gymnasium und für die Realschule. Das weiß ich, weil ich vorher 16 Jahre lang Schulleiter an einer Realschule war. Und der Stellenwert von Lesen und Schreiben ist auch bei vielen Eltern gesunken. Es ist ihnen einfach nicht mehr so wichtig, ob ihre Kinder darin gut sind. Auch das hat Folgen. 

Das heißt, die Eltern beschweren sich auch nie, wenn ihre Kinder plötzlich schlechte Deutschnoten mitbringen?

Millard Doch, aber sie sehen dann nur, dass die Noten auf dem Gymnasium plötzlich schlecht geworden sind. Die wenigsten verstehen, dass der Ursprung in der Grundschule liegt. So war es bei meinen Kindern damals auch. Wir waren die einzigen, die sich mit ihren Kindern hingesetzt und Regeln gelernt haben. Aber ich bin eben auch vom Fach.

Wie gehen Sie an Ihrer Schule mit diesen Schülern um?

Millard Sie bekommen Förderunterricht. Manchmal haben sie auch zusätzliche Lernzeiten für Deutsch, und man kann Nachhilfeunterricht bekommen. Das hilft dem Schüler dann ganz individuell. Aber meiner Meinung nach müsste eben grundsätzlich wieder mehr Wert auf Rechtschreibung gelegt werden, damit sich die Fehler nicht in so einem jungen Alter schon im Gehirn verfestigen. Darin liegt meiner Meinung nach das eigentliche Problem. 

 
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