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Düsseldorf
Schulabgänger haben heute geringere Mathe-Kenntnisse

Düsseldorf: Schulabgänger haben heute geringere Mathe-Kenntnisse
RP-Wirtschaftsredakteur Thorsten Breitkopf im Interview mit Hochschulprofessorin Felicitas Albers und Elektro-Obermeister Georg Eickholt. FOTO: Jana Bauch
Düsseldorf. Eine Hochschulprofessorin und ein Handwerksmeister sprechen über die Absolventen der heutigen Zeit, die Bedeutung praktischer Erfahrungen und eine mögliche Zusammenarbeit.

Herr Eickholt, ist es schwieriger geworden, für das Handwerk brauchbare Lehrlinge zu finden?

Georg Eickholt Ja, definitiv. Wir unternehmen heute einiges, um gute junge Leute zu kriegen und vor allem zu halten. Denn Ziel der Ausbildung in einem mittelständischen Handwerksunternehmen ist ja, die Leute nach der Lehre an unseren Betrieb zu binden. 20 unserer 80 Beschäftigten sind Azubis. Und in die wird viel Geld und Zeit investiert. Das ist nicht wie früher. Betrachtet man Berufsschule, überbetriebliche Ausbildung und andere Bildungsmaßnahmen, dann sind die Lehrlinge ja nur noch ein Drittel der Zeit bei uns im Betrieb. Urlaub und Krankheit sind da nicht mitgerechnet.

Handwerkspräsident Ehlert will Abiturienten ins Handwerk holen. Gelingt das in Ihrem Betrieb?

Eickholt Ja, wir haben auch Abiturienten. Das ist nicht der Typ Schulabgänger der Marke Überflieger mit einer 1,0 auf dem Zeugnis, sondern solide Gymnasiasten. Natürlich bildet die Mehrheit Realschüler und selbstverständlich auch Hauptschüler. Im Schnitt sind drei von unseren 20 Azubis Abiturienten.

Haben sich die Bewerber verändert?

Eickholt Ganz klar ja. Früher haben wird nur Schüler in die Lehre genommen mit einer Zwei in Mathematik und guten Noten in Deutsch und Physik. Heute müssen wird solche mit einer Drei oder auch Vier in Mathe nehmen. Die für uns so wichtigen Mathematikkenntnisse haben rapide abgenommen. Ich stelle meinen Bewerbern stets die Frage, was ein halb mal ein halb ergibt. Die Antworten darauf sind teilweise hanebüchen.

Frau Albers, nehmen Sie als Fachhochschule dem Arbeitsmarkt mit dem Bachelor-Studium die guten Lehrlinge weg?

Felicitas Albers Das sehe ich keinesfalls so. Allerdings ist nicht zu verkennen, dass die Zahl der studienberechtigten Schulabgänger deutlich gestiegen ist. Es besteht aber kein Zweifel, dass unsere Gesellschaft nicht nur Akademiker braucht, sondern in großer Zahl außerhalb des Wissenschaftsbetriebs berufspraktisch gut ausgebildete Fachleute, besonders im Handwerk. Für einen Teil der Studieninteressierten bieten wir attraktive Kombi-Angebote aus beruflicher Ausbildung und Studium. So gibt es etwa den ausbildungsdualen Bachelor-Studiengang Taxation in Kooperation mit dem Steuerberaterverband in Düsseldorf und dem Max-Weber-Berufskolleg. Die Absolventen verfügen über zwei Abschlüsse: den des Steuerfachangestellten und den des Bachelor of Arts.

Eickholt Solche Angebote sind genau das, was der Mittelstand braucht. Auch in unserem Sektor gibt es inzwischen mit dem trialen Studium eine Kombination aus Lehre und akademischem Betrieb. Nach viereinhalb Jahren ist der Absolvent dann nicht nur Geselle, sondern auch Bachelor und Inhaber eines Meisterbriefs. Sicherlich ist so ein Höllenritt aber nicht die Lösung für jeden Kandidaten. Attraktiv ist das besonders für jene, die einen elterlichen Betrieb übernehmen werden.

Stellen Sie fest, dass Ihre Studenten Auszubildenden unterlegen sind, die sich ja zumindest einmal in ihrem Berufsleben bereits dem echten Arbeitsmarkt gestellt haben?

Albers Die heutige Lebenswirklichkeit bringt mit sich, dass die allermeisten Studierenden irgendwie parallel zum Studium in der Praxis tätig sind.

Schadet das den studentischen Leistungen an der Hochschule?

Albers Es schadet dann der akademischen Bildung in keiner Weise, wenn die Tätigkeit fachnah ist. Konkret, wenn jemand in Richtung Steuerberater studiert und nebenbei kellnern geht, mag das wertvoll für die persönliche Lebenserfahrung sein, bildungstechnisch ist das eher schädlich, da es Zeit und Kraft kostet, die dem Studium fehlen. Arbeitet die gleiche Person aber nebenbei ein paar Stunden in der Woche in der Lohnbuchhaltung einer Firma, dann bringt ihn das im Studium sogar gut voran.

Sind Studienabbrecher gern gesehene Lehrlinge?

Eickholt In den allermeisten Fällen schon. Nämlich dann, wenn die Studienabbrecher nicht scheitern, sondern feststellen: Dieses Studium ist nichts für mich. Wir nehmen gerne auch solche Bewerber, die manchmal schon 24 oder 25 Jahre alt sind. Wegen ihrer Vorbildung können viele von ihnen sogar die Lehre verkürzen. Und ich kann Ihnen sogar von nicht wenigen Fällen berichten, in denen diese Menschen nach der Lehre in einem zweiten Versuch doch noch ein Studium geschafft haben, weil sie dann anders herangegangen sind.

Für wie wichtig halten Sie als Professorin die duale Ausbildung noch?

Albers Auf berufliche Ausbildungsgänge zu verzichten wäre fatal. Die duale Berufsausbildung mit Berufsschule und Ausbildungsbetrieb ist ein wirkliches Markenzeichen und ein Qualitätsmerkmal der deutschen Wirtschaft, das gilt für handwerkliche wie kaufmännische Berufe gleichermaßen. Wir sehen das auch bei den Studenten, die zu uns kommen, die bereits eine Berufsausbildung hinter sich haben. Sie gehen häufig wesentlich geordneter an das Thema Studium heran als die reinen Schulabgänger, die den Arbeitsalltag nur aus kurzen Betriebspraktika kennen.

Wie könnte eine Zusammenarbeit zwischen Handwerk und Fachhochschule aussehen?

Albers Eine Facette könnte es sein, gemeinsam etwa mit der Handwerkskammer passgenaue Weiterbildungen und auch mehr duale Studiengänge zu entwickeln. Für eine Kooperation sind wir offen.

Eickholt Ich denke da vor allem an den kaufmännischen Bereich. Viele Gesellen, die sich selbstständig machen, und natürlich auch die Meister sind extreme Fachleute und Experten in ihrem Gebiet, also dem Handwerk. Was bei uns manchmal zu kurz kommt, ist der kaufmännische Bereich. Insbesondere denke ich da an die Bereich Steuern, Steuerrecht, aber auch Personal und Personalführung. Hier könnte ich mir sehr gut ein Angebot der Hochschulen für Handwerker vorstellen.

THORSTEN BREITKOPF FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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