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Düsseldorf
Schwein Felix hilft bei Demenz-Therapie

Düsseldorf: Schwein Felix hilft bei Demenz-Therapie
Eigentlich sind Schweine Fluchttiere, doch Eber Felix ist ein Profi und kann auch im Kreis von 20 Personen entspannen. FOTO: andreas Endermann
Düsseldorf. Was für Ärzte und Pflegepersonal oft ein Kraftakt ist, schafft der borstige und grunzende Eber mühelos: Felix bringt kranke Menschen körperlich und geistig in Bewegung. Besuch einer Therapiestunde im Pflegeheim. Von Semiha Ünlü

Als Felix auf seinen Hufen in den Gruppenraum tapst, steht er sofort im Mittelpunkt. 20 Heimbewohnerinnen sitzen bereits in einem Kreis und begrüßen den Eber freudig mit den Worten "Da ist ja unser Felix!" Gelassen nimmt der borstige Eber die Aufregung um ihn hin und stellt sich in die Mitte des Kreises. "Wer erinnert sich noch an das Schwein?", fragt Physiotherapeut Daan Vermeulen, und fast die Hälfte der Hände geht in die Luft. "Und wer weiß noch, wie er heißt?", fragt Vermeulen und wieder schnellen Hände in die Luft.

Die Therapiestunde für demente Menschen ist im Pflegeheim des Deutschen Roten Kreuzes an der Kölner Landstraße in vollem Gang. Und über mangelnde Teilnahme können sich Physiotherapeut Vermeulen und Therapieschwein Felix nicht beklagen. Immer wieder gehen die Hände der Patientinnen in die Luft, denn die Aufregung und auch das Interesse, mehr über das borstige Tier zu erfahren, sind groß: "Warum bleibt Felix denn so ruhig?", fragt eine Bewohnerin. Und eine andere antwortet: "Weil er bestimmt weiß, dass es danach ein Leckerli gibt." Und alle lachen.

Doch ganz so einfach war es natürlich nicht, aus Eber Felix ein Therapieschwein zu machen, denn Schweine sind eigentlich Fluchttiere. Dass das borstige Tier während der ganzen Therapiestunde gelassen bleibt, sich von Fremden auch streicheln oder bürsten lässt, war viel Arbeit, sagt Vermeulen.

Dass ein Schwein eine heilsame, belebende Wirkung auf Menschen haben kann, bemerkte er übrigens zufällig. Als seine beiden Kinder in den Urlaub fuhren und er niemanden fand, der sich um das Hausschwein kümmern konnte, nahm er es mit in seine Praxis. Und war überrascht, wie seine Patienten reagierten: "Sie gingen direkt auf ihn zu, Patienten, die sich sonst kaum bücken konnten, wollten es trotzdem. Alle wollten ihn streicheln, und es wurde viel gelacht." Das macht Vermeulen sich inzwischen auch bei der Behandlung von dementen Menschen zunutze und setzt Felix seit inzwischen fast sieben Jahren als Therapieschwein ein.

Wenn Vermeulen mit Felix Pflegeheime besucht, staunt er immer wieder, wie schon der Anblick des Borstentiers die Menschen in Bewegung bringt: "Die Leute gucken dann erstmal und merken, dass etwas plötzlich anders ist: Und das weckt ihr Interesse. Das Schwein ist eine enorme Reizquelle, sie löst Erinnerungen und Aktionen aus." Bewohner, die sonst eher passiv seien, würden plötzlich Karotten schnippeln oder Äpfel zerteilen – und dabei ganz spielerisch die Feinmotorik schulen. Erinnerungen an die eigene Kindheit würde Felix hervor- und die Menschen damit zum Sprechen bringen: "Wir treffen in den Heimen auf eine Generation, die mit Schweinen groß geworden ist. Viele haben deswegen eigentlich eine innige, vertrauensvolle Beziehung zum Tier." Selbst Bewohner, von denen man im Heim gar nicht wisse, dass sie das können, sagt Vermeulen, hätte Felix schon zum Sprechen gebracht.

Dass eine tiergestützte Therapie Demenzkranken helfen kann, sich Vergessenes oder Verlerntes in Teilen wieder anzueignen, die Wahrnehmungsfähigkeit steigern und Lernprozesse ermöglichen kann, belegen wissenschaftliche Studien. Auch negative Folgesymptome wie Aggressionen, Angstgefühle, Depressionen oder Selbstisolation können Tiere mildern.

Nach 60 Minuten ist die Therapiestunde im Pflegeheim des Deutschen Roten Kreuzes beendet. Felix verlässt nach vielen Streicheleinheiten satt und gebürstet mit Vermeulen das Heim. Und lässt 20 Bewohnerinnen lachend und glücklich zurück.

Quelle: RP
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