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Serie Düsseldorfer Geschichten
Schwester Ella und ihre Verdienste

Serie Düsseldorfer Geschichten: Schwester Ella und ihre Verdienste
Ella Bial wurde von Zeitzeugen als sehr präsent, zupackend, patent, aber auch einfühlsam und fürsorglich beschrieben. FOTO: Mahn- und Gedenkstätte
Düsseldorf. Elfriede Bial, Gemeindeschwester der Synagogengemeinde Düsseldorf, hat mehreren jüdischen Kindern den Weg ins britische Exil geebnet. Von Marc Ingel

Mit "Kindertransporten verbindet man nicht Rettung und Überleben. Doch genau das steckt hinter diesem Wort, das sogar Einzug ins englische Vokabular gefunden hat. Mehr als 10.000 Kinder, die als jüdisch im Sinne der Nürnberger Gesetze galten, konnten nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 über einen Zeitraum von fast einem Jahr aus Deutschland und Österreich, Polen und der Tschechoslowakei in Zügen und mit Schiffen ins Exil nach Großbritannien ausreisen, wo sie größtenteils bei Pflegefamilien unterkamen. Die meisten sahen ihre Eltern nie wieder. Aber sie waren vielfach auch die einzigen aus ihren Familien, die den Holocaust überlebt haben.

Elfriede Bial hat als Gemeindeschwester der jüdischen Synagogengemeinde in Düsseldorf mehrere dieser Kindertransporte mitorganisiert und teilweise begleitet. Sie hat Risiko auf sich genommen, war wohl dennoch keine Heldin im eigentlichen Sinne - sie hatte nur ihren Job gemacht. Den aber verdammt gut. Ihre Geschichte haben Hildegard Jakobs, stellvertretende Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf, und Karola Frings (NS-Dokumentationszentrum Köln) recherchiert und aufgeschrieben, ebenso wie die Lebenswege von 1003 der mehr als 3000 Menschen, die im Oktober 1941 aus dem Rheinland in das Ghetto Litzmannstadt in Lodz verschleppt wurden. Die meisten kehrten nie zurück, wurden in Vernichtungslagern ermordet oder starben im Ghetto an den unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen. Elfriede Bial, die Kinder riefen sie nur Ella, wurde im Oktober 1941 nach Lodz deportiert. Im August 1944 kam sie nach Auschwitz und wurde dort vermutlich sofort ermordet.

Ella Bial wird am 13. Oktober 1886 im schlesischen Hirschberg bei Breslau geboren, ihre Eltern heißen Felix und Emma Bial. Ihre Kindheit bleibt im Dunkeln. Ihr Werdegang kann erst ab dem 1. April 1909 nachvollzogen werden, als die 23-Jährige eine Stelle als Gemeindeschwester bei der Synagogengemeinde antritt, wo Leo Baeck seit zwei Jahren als Rabbiner wirkt. Der hatte zuvor das Rabbiner-Seminar in Breslau besucht. Gut möglich also, dass ihm die tatkräftige Ella Bial dabei aufgefallen war und sie später auf seine Empfehlung hin die durchaus attraktive Stelle erhielt. Zu diesem Zeitpunkt zählte die jüdische Gemeinde in Düsseldorf mehr als 3000 Mitglieder, 1933 werden es 5000 sein. Gut möglich auch, dass sich Ella aber auch einfach nur auf eine Stellanzeige beworben hatte. Es bleibt Spekulation. Zumal Bial ein in Schlesien weit verbreiteter Familienname war.

Im Ersten Weltkrieg wird Ella an der Front als Krankenschwester eingesetzt. Nach ihrer Rückkehr bezieht sie eine Wohnung an der Wilhelm-Tell-Straße 4, das Gemeindebüro befindet sich an der Kopernikusstraße. Die sozialen Aufgaben, die Ella wahrnimmt, sind vielfältig. Sie ist Ansprechpartnerin in allen Notlagen, besucht junge Mütter nach der Entbindung, hilft und berät, wenn der Mann arbeitslos geworden ist. In Erinnerungen von Zeitzeugen ist Ella sehr präsent, sie wird als zupackend und patent, aber auch als sehr einfühlsam und fürsorglich beschrieben. Von einer Liaison ist nichts bekannt, ihr Privatleben bleibt ein Geheimnis, wahrscheinlich hat sie keines.

Nach Beginn der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen wird Ellas starke Hand immer gefragter. Sie berät Gemeindemitglieder in Auswanderungsfragen und vermittelt bereits ab 1938 Kontakte zu potenziellen Pflegeeltern im Ausland. Als im Oktober 1938 361 sogenannte Ostjuden verhaftet und ins Düsseldorfer Polizeigefängnis gebracht werden, ist Ella sofort mit Lebensmitteln und seelsorgerischer Hilfe zu Stelle. Nach der Pogromnacht erkennt Ella die Brisanz der Situation und beginnt unmittelbar Kontakte für eine mögliche Auswanderung oder gar Flucht zu knüpfen, um Hilfesuchende beraten zu können. Nachhaltig erschwert wird dies, als alle jüdischen Selbstverwaltungsorgane aufgelöst und der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" unterstellt werden.

Dass es Ella (und anderen) in der Folgezeit dennoch gelingt, vielen Kindern - im gesamten Rheinland sind es 463 - die Ausreise zu ermöglichen, kommt aus heutiger Sicht fast einer Sensation gleich. Ihre Aufgabe ist alles andere als einfach. Von jeder Familie darf allenfalls ein Kind zwischen sieben und etwa 13 Jahren den Weg ins Ungewisse antreten, die Auswahl erfordert viel Fingerspitzengefühl. Was darf eingepackt und mitgenommen werden, wo hat man sich am Bahnhof einzufinden? Das sind ebenso Fragen, die in aller gebotenen Eile beantwortet werden müssen, wie den Eltern Mut und Kraft zugesprochen werden muss. Schnell reicht die Anzahl der Pflegeeltern für die Flüchtlingskinder nicht mehr aus, viele werden als billige Arbeitskräfte auf Bauernhöfe abgeschoben oder kommen in Kinderheime. Aber auch andere Staaten erklären sich bereit, Kinder aufzunehmen. So finden rund weitere 10.000 eine neue Heimat in europäischen Ländern wie Niederlande, Belgien oder Frankreich, eine Emigration ist ebenfalls in die USA, nach Kanada, Australien oder Palästina möglich.

Die Nazis dulden die Kindertransporte bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, gern gesehen sind sie nicht. Ella ist sich des Risikos bewusst, kümmert sich jedoch mit ungebremstem Eifer um die zurückgebliebenen älteren Gemeindemitglieder. Auch die Wohnsituation vieler Juden wird immer dramatischer. Am 2. Oktober 1941 muss Ella selbst zwangsweise in ein so genanntes "Judenhaus" an der Erasmusstraße 18 ziehen. Dann folgt die Deportation nach Lodz. Ella gehört am 27. Oktober 1941 zur "Transportleitung". Auch das macht sie so gut wie eben möglich. Im Ghetto Litzmannstadt, benannt nach dem NSDAP-General Karl Litzmann, wird sie mit 76 weiteren Personen in eine Kollektivunterkunft an der Fischstraße eingewiesen. Sie arbeitet als Krankenschwester in einem Greisenheim. Viele Dokumente aus der Zeit des Ghettos sind erhalten geblieben, es hatte Kleinstadt-Struktur mit entsprechender Bürokratie - um Ungerechtigkeiten zu minimieren.

Im Mai 1942 ist Ella für eine "Aussiedlung" vorgesehen, doch sie wehrt sich, schreibt einen Brief an die "Aussiedlungskommission": "Mir wurde heute die Ausgabe des Brotes verweigert unter dem Hinweis, dass ich ausgesiedelt wäre. Ich bin alleinstehend, habe noch keinen Arbeitstag als Krankenschwester im Greisenheim versäumt und bitte höflichst, mich an meinem Arbeitsplatz zu belassen." Der Einspruch hat Erfolg, auch weil der Chefarzt des Heims sie aufgrund ihres Fleißes und ihrer mustergültigen Art, auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen, als unentbehrlich bezeichnet. Im Juni 1942 wird das Greisenheim dennoch aufgelöst. Ella muss innerhalb des Ghettos mehrfach umziehen, ihre Spur verliert sich. Anfang 1944 steht fest: Das Ghetto soll aufgelöst werden. Ellas Name taucht auf einer "Blockierungsliste" auf. Damit wird den Bewohnern die Lebensmittelausgabe verweigert, sie sollen sich stattdessen freiwillig zur "Aussiedlung" melden. Es ist ihr Todesurteil. Ella wird 57 Jahre alt.

Als Hildegard Jakobs gebeten wird, für die Mahn- und Gedenkstätte einen Vorschlag für einen neuen Straßennamen zu unterbreiten, der sich zudem auf eine Frau beziehen soll, muss sie nicht lange überlegen: "Ich kann mir niemand vorstellen, der es mehr verdient hätte als Ella Bial."

Quelle: RP
 
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