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Uhrmacher
Der lustige Herr über die Zeit

Düsseldorf. Die "Schlanke Mathilde" gehört seit 116 Jahren zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. 2010 übernahm der Schmuck- und Uhren-Spezialist Wempe die Patenschaft für die Säulenuhr, die zwischenzeitlich aufgehübscht und einige Meter versetzt wieder aufgestellt wurde. Von ehemals acht Stück gibt es nur noch dieses eine Exemplar am Süd-Ende der Kö. Anlässlich der Zeitumstellung ist das nun bis Samstagnacht verhüllt. Sonntagmorgen lässt sich an der Uhr dann wieder die Zeit ablesen.

Der richtige Mann für die eigentlich gar nicht so schlanke, sondern eher massive und meterhohe Mathilde scheint der quirlige und humorvolle Heinz Theo Durst zu sein - mit seiner Erfahrung sicher einer der versiertesten Uhrmacher der Königsallee. Für den 57-Jährigen ist die Restauration und wöchentliche Wartung der traditionsreichen Uhr eine Herzensangelegenheit: "Viele Düsseldorfer verbinden mit diesem Ort besondere Erinnerungen. Ältere Herrschaften sprechen mich auf sie an. Früher war sie ein Treffpunkt für Verliebte, und es gab dort auch einen Blumenstand, bei dem viele Herren noch schnell einen Strauß für ihre Damen ergatterten. Romantik pur. Emotion." Auch bei Wempe hat er einiges zu tun: 1000 Uhren werden unter seiner Leitung umgestellt. Dazu kommen zahllose Kunden mit ihren Schmuckstücken. Das sei mitunter ein ganz schöner Zeitdruck, wie der 57-Jährige heiter berichtet. Zudem errechnet er flux, nun exakt 36 Jahre, drei Monate und 28 Tage bei Wempe zu sein. "Mein Geheimnis der Stressbewältigung: Wenn ich meine Lupe vor das Auge setze und in die Gehäuse der Uhren blicke, dann vergesse ich Zeit und Raum."

Lustige Situationen hat er zuhauf erlebt, zum Beispiel diese: "Eine Frau wollte für ihren Sohn, einen sehr bekannten deutschen Schauspieler, eine Uhr kaufen. Die hatte eine Dogge, die wohl verliebt in mich war. Jedenfalls setze sich das Tier jedes Mal auf meinen Schoß und wollte gekrault werden. Das war schon wirklich amüsant." Herzrasen bekam der Uhrenmeister, der zudem klassische Musik liebt, als ihm die persönliche Reiseuhr von Franz Liszt in die Hände fiel - mit seinen original Visitenkarten im Lederbehältnis. Er kannte nur das Foto aus der Lehre. "Da blieb für mich ein paar Sekunden lang die Zeit stehen." Seine große Leidenschaft gilt den guten alten Handaufzugsuhren - viele seien technische Meisterwerke. "So können wir über die Zeit bestimmen", sagt er. Sinnlich seien sie - wie eine Nassrasur es sei im Gegensatz zum Rasierapparat. Handys und Quarzuhren etwa oktroyierten den Menschen die Zeit, philosophiert Durst. Der Schweizer Uhrmachers Abraham Louis Breguet sollte für die Königin Marie Antoinette eine Taschenuhr fertigen. Sie konnte sie nie sehen, weil sie vorher geköpft wurde. "Diese Uhr einmal in Händen zu halten, das wäre ganz wunderbar", schwärmt Durst und hat bei dieser Vorstellung ganz glänzende und glückliche Augen." Und auch das würde ihn freuen: "Wenn die junge Leute wieder die Zeit finden, sich bei der Schlanken Mathilde zu verabreden." Brigitte Pavetic

Quelle: RP
 
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