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Heinz-Josef Radermacher
Ein Herr wie aus dem Ei gepellt

Heinz-Josef Radermacher: Ein Herr wie aus dem Ei gepellt
In Blau von Kopf bis Fuß: Heinz-Josef Radermacher trägt ein Jackett mit Fischgrätmuster aus Cashmere und Seide, ein blau-kariertes Hemd und eine dunkelblaue Hose - die klassische Kombination. FOTO: andreas bretz
Düsseldorf. Er ist ausgestorben, sagen manche, es hat ihn vielleicht nie so gegeben wie in Filmen mit Clark Gable oder Cary Grant, die ihn dennoch verkörpern konnten wie wenige andere. Wie man einer Dame Feuer anbietet, lehrten sie ebenso wie eine lässige Cabriofahrt über die Küstenstraße von Monaco.

Völlig aus der Mode kommen wird er dennoch nie, der Gentleman. Er ist ein Klassiker. Einer, den Heinz-Josef Radermacher nicht nur von Berufs wegen zu konservieren weiß. Der 71-Jährige trägt Anzug oder "Kombination", einen Blazer und eine Hose aus einem anderen Material, von Montagmorgen bis Sonntagabend. Nur, wenn es wie aus Kübeln regnet und er mit dem Hund raus muss, darf es auch mal eine Cordhose sein. Aber so etwas wie ein Jogginganzug oder gar eine Jeans käme ihm nicht ins Haus. "Du brauchst dich nur auf der Straße umzuschauen. Da haben sieben von zehn Leuten Jeans an."

Eine Werkbux, wie Radermacher sie nennt. Gemacht zum Reiten, Viehzusammentreiben, Holzfällen. Aber für die Straße? Undenkbar. Und dann auch noch all die Risse und Löcher. Radermacher schüttelt den Kopf. Überhaupt, Mode, also das, was nur kurz währt und dann in den Gedanken der Menschen verwelkt und vom neuesten Schrei übertüncht wird, interessiert ihn nicht. Er trägt, was bleibt. Handgefertigte Stücke aus feinem Wollgarn, gerade Schnitte, nicht zu kurz, nicht zu lang, Grau und Dunkelblau als Grundfarben. Der mittlere Knopf beim Jackett ist geschlossen, Manschettenknöpfe und Einstecktuch sind für Radermacher Pflicht. "Der kleine Schmuck des Mannes", so nennt er die gemusterten Tücher, die vielleicht einmal dazu dienten, sie mit Riechsalz beträufelt einer in Ohnmacht sinkenden Dame zu reichen. Man weiß es nicht.

Radermacher arbeitet seit mehr als 50 Jahren als Herrenschneider. Er kleidet Männer ein, die seine Philosophie von zeitloser Eleganz teilen. Sein Ladenlokal am Schadowplatz hat etwas aus der Zeit Gefallenes, wirkt ein bisschen wie eine Filmkulisse. Einen seidenen Morgenmantel gibt es dort auf einer Puppe, auch er sieht aus wie aus einem Nostalgiefilm. "Die Garderobe muss wirken wie aus einem Guss. Nicht übertrieben, nicht untertrieben, selbstverständlich eben." Die Kleider sollen nie zur Pose geraten, sondern eine Haltung unterstreichen. So wie die Krawatte, die für den Schneider Ausdruck von Kultur ist, von Werten. "Was mich jeck macht: Wenn eine Krawatte nicht abgestimmt ist auf die restliche Kleidung."

Er selbst trägt an diesem Tag einen Schlips mit einem Muster in Blau, Weiß und Rot zum blau-karierten Hemd. Dazu ein Jackett mit dunkelblauem Fischgrätmuster, eine Hose in einem noch dunkleren Blauton. Das Jackett, sagt Radermacher, muss den Po bedecken. Der untere Saum muss bis zum halben Daumen reichen, wenn der Herr steht und seinen Arm nach unten hängen lässt. Die Hose hat auf dem Schuh leicht aufzuliegen, das Hemd schaut einen Zentimeter breit unter dem Jackettärmel hervor. Damit der Hemdkragen besser sitzt, hilft Radermacher mit einer Art Manschettenknopf nach, der durch zwei kleine Löcher in den Kragenspitzen gezogen wird.

Aber der Herr von Welt zieht sich nicht bloß an. Er liest, bildet sich, ist sensibel. Er kann Distanz wahren, ohne distanziert zu sein, sich unterhalten, ohne zu quasseln. Nicht labern, das ist einer von Radermachers Grundsätzen. Und nicht jammern. Nonchalance zeigen. Sie muss den Anzug ausfüllen.

Den ersten Maßanzug bekam er im Schulalter vom Vater, der ebenfalls Schneider war. So wuchs er gewissermaßen hinein in die Welt der Herren. Dort wurden noch Westen mit feinen Taschen getragen, in die maximal ein Feuerzeug passte oder ein Zigarettenetui. Dort erhielt der junge Mann seinen ersten Anzug zum Schulabschluss, kam der Vater mit zum Maßnehmen. So ist es bis heute, erzählt Radermacher. Manche Dinge sterben eben nicht aus. Verena Patel

Quelle: RP
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