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Kunstgießer
Ein Knochenjob für die Kunst

Düsseldorf. Denkt man an den berühmten Düsseldorfer Künstler und ehemaligen Rektor der Kunstakademie Tony Cragg, dann stehen dem Kenner die riesigen, gewundenen Bronzeskulpturen vor dem geistigen Auge. Die Entwürfe für derartige Plastiken schaffen Künstler in der Stille ihrer Ateliers - hinter den Metallkunstwerken steckt aber auch der knallharte Job in der Gießerwerkstatt. Ein Großer dieser Zunft ist Rolf Kayser. In seiner Werkstatt entstehen Güsse von meterhohen Statuen bis hin zur untertassengroßen Medaille, nationale und internationale Künstler lassen hier ihre Ideen zur metallenen Wirklichkeit werden.

Auf seinem Hof glänzen das ganze Jahr über Craggs neueste weißgoldene oder patinierte Skulpturen, zurzeit stehen hier auch die mattschwarzen, unheimlichen Arbeiten von Thomas Schütte, und warten auf ihre Ausstellung. "Jede Skulptur ist eine Herausforderung", sagt Kayser. Für größere Arbeiten inklusive der Herstellung von Formen, dem Schleifen und Zusammenbauen der Segmente brauchen er und seine 35 Mitarbeiter durchaus bis zu drei Monaten. In den beiden Werkhallen lärmen Schleifgeräte, vor der Tür bearbeitet ein Arbeiter mit einem Presslufthammer eine Schamottform, um das abgekühlte Kunstwerk freizulegen, zwischen unfertigen oder bereits auf Hochglanz polierten Kunstwerken hastet ein Mann mit Schweißerbrille umher. Bei jedem Werk legt Kayser auch selbst mit Hand an. "Momentan arbeiten wir an zwölf Projekten", sagt der Kunstgießer. Viele Düsseldorfer Künstler schicken ihre Aufträge ausschließlich an ihn. Zu Kaysers prominenten Kunden zählen unter anderem auch Wilhelm Mundt, Hede Bühl und Paloma Warga Weisz.

Um ein Haar wäre aus Kayser ein Zinngießer geworden, der 54-Jährige entstammt der dafür bekannten Pfälzer "Kayser-Dynastie". "Mein Bruder macht das heute noch", sagt Kayser. 1978 entschied er sich, einen anderen Weg einzuschlagen: Er begann eine Ziseleurlehre in Düsseldorf, vor 16 Jahren löste er seinen Meister in dessen großer Werkstatt mit Blick auf den Medienhafen ab. Seither erwarb sich Kayser einen Ruf, der weit bis über die Stadt- und Landesgrenzen hinausgeht. Bekleidet mit seiner blauen Latzhose und der Mütze strahlt er jedoch eine rustikale Bodenständigkeit aus, die die Liste seiner hochkarätigen Kunden Lügen straft. Seine Kontakte habe er sich durch "fleißig sein" erwirtschaftet, Mundpropaganda tat ihr übriges. Eine aussterbende Zunft sei das spezielle Gewerbe der Kunstgießerei nicht, viele Konkurrenten hat Kayser aber auch nicht. In Düsseldorf teilt er sich die Kunden mit Karl-Heinz Schmäke, der seit 30 Jahren unter anderem für Markus Lüpertz gießt. In ganz Deutschland gebe es laut Kayser insgesamt nur etwa zehn Kunstgießer.

Was ihm an seiner Arbeit am meisten Spaß macht? "Ich mag eigentlich alles. Am schönsten ist es aber, wenn ich an einer ,meiner' Skulpturen vorbeikomme und sehe, dass die Leute stehenbleiben und sie sich ansehen. Das macht mich zufrieden." Eine unliebe Arbeit gibt er aber doch zu: Das Gießen von Edelstahlskulpturen, besonders, wenn diese für den auffälligen Chrom-Effekt auch noch poliert werden müssen. "Das ist eine Arbeit für Strafgefangene", sagt Kayser mit einem gequälten Lächeln.

Oliver Burwig

Quelle: RP
 
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