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Von einer Pilotin namens Julia November

Autorin: Von einer Pilotin namens Julia November
Julia November am Flughafen. Unter ihrem Pseudonym hat die Autorin über die Zustände bei einer Billig-Airline geschrieben. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Kurioser Name, oder? Julia November. Er steht auf einem Buch, das bei einem Münchner Verlag erschien und einen - ebenfalls komischen - Titel trägt: "Kaufen Sie noch ein Los, bevor wir abstürzen".

Der Spruch ist echt, das Buch auch - aber der Name ist falsch. Pseudonym nennt man so was. Eine Tarnung wie Frisur und Sonnenbrille. Denn die zierliche und hübsche blonde Frau von Ende 30, die sich Julia November nennt, heißt in Wahrheit ganz anders. Sie ist auch nicht blond, war aber tatsächlich Pilotin bei einer (nicht-deutschen!) Billig-Airline. So nennt man Fluglinien, deren Tickets (jedenfalls in der Werbung) ungefähr so viel kosten wie eine Pizza, aber dennoch eine Menge Geld verdienen. Sagt man.

Das stimmt auch, sagt die am Stadtrand von Düsseldorf lebende Pilotin, die wir hier der Einfachheit halber weiter Frau November nennen. Und weil sie lange bei dieser Airline am Steuerknüppel eines Jets gesessen hat, weiß sie auch, warum dieses Geschäftsmodell so profitabel ist. Das Personal - sowohl die Kabinen-Crew wie auch die Frauen und Männer im Cockpit - wird nach ihren Erfahrungen konsequent ausgebeutet, man spart, wo man kann - beim Komfort (den gibt es nicht), beim Essen, bei den Büromöbeln (angeblich gern vom Sperrmüll). Das Recht des Airline-Heimatlandes lässt diesen Umgang mit den Crews wohl zu: In Wahrheit seien die meisten Piloten Scheinselbständige, bezahlt werde nur die Zeit in der Luft, bisweilen gebe es weder Sozial- noch Krankenversicherungen, man werde zu unbezahltem Urlaub gezwungen, wer sich krank melde, gerate unter enormen Psychodruck bei stets in London stattfindenden Gesprächen.

Manche Stewardessen klaubten daher für ein kleines Zubrot schon die Pfandflaschen aus dem Müll in den Fliegern. Was ihnen nicht zuletzt deshalb leicht falle, weil sie nämlich auch für das Säubern der Maschine nach der Landung zuständig sind. Dabei müssen sie sich allerdings beeilen, weil der Jet nach möglichst kurzer Zeit - erwünscht sind 25 Minuten nach dem Aussteigen der Passagiere - wieder beladen und startbereit sein soll.

Klingt alles sehr traurig, und ist es auch. Aber dennoch - das Buch mit dieser Sammlung manchmal bizarrer Details ist höchst amüsant. Wir lernen was über Stripehunter (Flugbegleiterinnen, deren Traum die Ehe mit einem Piloten ist) oder einträgliche Losverkäufe an Bord. Wir hören nun aus berufenem Mund, warum wir recht haben, wenn wir das Essen in solchen Jets keineswegs als kulinarische Höhenflüge erleben, sondern für unverschämt überteuert halten. Und wir amüsieren uns über die Anekdote zu einem Skandal wegen eines firmenbekannten Videos, das eine Stewardess und einen Piloten im Cockpit bei einer Aktion zeige, bei der die Hormone der beiden durchstarten, ein sehr markanter Ring an der Hand des Herren jedoch dafür sorgte, dass seine Gattin ihm daheim bös den Marsch blies. Apropos Hormone: Allen Ernstes verkauft das Unternehmen, immer kurz vor Weihnachten, Pin-up-Kalender mit den Fotos der eigenen Stewardessen - nicht etwa in Uniform, sondern in einer Bekleidung so spärlich wie die gesamte Betriebskultur der Firma. Die hat vor allem den Umsatz um jeden Preis auf dem Radar: Hat eine Crew auf einem Flug nicht den festgesetzten Durchschnittsumsatz gemacht, gibt es böse Briefe von ganz oben und die Drohung mit Abmahnungen.

Die Frau, die sich Julia November nennt, hat das alles über viele Jahre erlebt. Und weil sie daheim immer wieder diese schier unglaublichen Storys erzählte, kam ihr Mann eines Tages auf eine Idee: "Schreib das doch mal auf!" Das war viele Monate, bevor der offenbar herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine die Welt schockte. Übrigens: Laut Julia werden die Sicherheitsbestimmungen bei der von ihr beschriebenen Firma immer streng eingehalten, die Zwei-Personen-Regel fürs Cockpit galt dort schon vor der Katastrophe. Zu kaufen ist das Buch beim Riva-Verlag. Wer danach wieder mit einer dieser extrem billigen Linien fliegt, wird das Sandwich, das er für viel Geld erstehen musste, zwar immer noch mit wenig Appetit, aber mit viel Ehrfurcht essen. Und bestimmt ein Los kaufen - damit die Stewardess keinen Ärger kriegt.

Hans Onkelbach

Quelle: RP
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