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Altstadt
Bühne frei für das Senioren-Ensemble

Altstadt: Bühne frei für das Senioren-Ensemble
Regisseurin Kathrin Sievers bei den Proben für das neue Projekt "Worte Gottes" mit William Hodali als Miguelin (l.) und Rodger Read als Pedro FOTO: Andreas Bretz
Altstadt. Probenbesuch bei der neuen Regisseurin des Seniorentheaters und ihren "mutigen und hemmungslosen" Schauspielern. Von Semiha Ünlü

Bei den Proben an der Kasernenstraße will keiner aus dem Ensemble auch nur eine Szene auf dem Stuhl sitzen. Und so spielt eine der Schauspielerinnen eben den Hund Coimbra in der dörflichen Tragikomödie "Worte Gottes" des Spaniers Ramón María del Valle-Inclán (1866-1936). Doch die neue Regisseurin des Seniorentheaters, Kathrin Sievers, ist noch nicht zufrieden. "Etabliere dich mehr als Hund auf der Bühne! Zunge raus und Hecheln!", ruft Sievers ihr zu. "Bei uns wird um jede Rolle, um jeden Auftritt gekämpft", erklärt Rya Kühn, die sich eine Rolle als Akkordeonspielerin gesichert hat. Rodger Read spielt den Küster Pedro Gailo aus San Clemente: In der Hand hält er eine Bibel, während er die anderen, die sich um seine Dorfkirche versammelt haben, als Langfinger und Taugenichts bezeichnet. "Lass' dir dabei mehr Zeit", sagt Sievers ihm.

Das, was sich bei den Proben und Aufführungen abspielt, ist zwar mit Seniorentheater überschrieben, doch eigentlich ist das ein unglücklicher, unpassender Name. "Wir machen kein Theater von Alten für Alte", sagt Sievers. Ursprünglich trug die Gruppe auch einen anderen Namen: generationsübergreifendes Theater. Denn an der Kasernenstraße sollten Jung und Alt zusammenspielen. "Doch wir proben zwei mal die Woche nachmittags, und die jungen Leute können dann nicht, weil sie studieren oder arbeiten. Abends kriegt man aber keine Probenräume", sagt Rya Kühn.

In die lange Liste der Produktionen seit der Vereinsgründung 1989 reihen sich Stücke wie "Die Bremer Stadtmusikanten", Shakespeares "Sommernachtstraum", Brechts "Kleinbürgerhochzeit" oder aktuell Fassbinders "Katzelmacher" und die "Worte Gottes". Ausgewählt werden nicht gezielt Stücke mit und über Menschen über 60 Jahren. Sievers: "Ich könnte mir sogar ,Frühlings Erwachen' vorstellen, das würde dem Stück eine ästhetische Reibung, gewisse Verfremdung geben."

"Ich will auf der Bühne auch nicht nur den Opa spielen, sondern unterschiedliche Rollen ausprobieren", sagt Rodger Read. Als er studierte, schloss er sich der Theatergruppe an seiner Uni an, um Frauen kennenzulernen: An seinem Fachbereich für Ingenieurswissenschaften gab es nämlich kaum welche. Inzwischen ist das Theaterspielen seine Leidenschaft. Zweimal die Woche je vier Stunden probt er mit seinen Kollegen. Einige von ihnen haben sich dem Theater angeschlossen, um nicht alleine zu sein, andere aus Liebe zum Theater. Bei Rya Kühn war es die Erkrankung ihres Mannes. "Ich brauchte dann eine Beschäftigung, einen Ausgleich, eine Ablenkung", sagt sie.

Sievers ist von den "offenen, mutigen und hemmungslosen" Schauspielern begeistert. "Alle spielen alles, sogar bereitwillig einen Hund", sagt sie und lacht. Das Ensemble wisse, dass man auf der Bühne Emotionen, Gesten und die Stimme vergrößern müsse und das funktioniere auch. Anspruchsvolle und ansprechende Projekte auszuwählen, sei daher wichtig. Und solche, bei denen möglichst viele der 33 Schauspieler mitspielen können. Denn nur dabeisitzen: Das wolle keiner.

Quelle: RP
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